Vätertag

Windelwechseln und Kinderturnen gehören mittlerweile für viele Väter in Deutschland zum Alltag. Von den Überraschungen und Erfahrungen, die Vätermonate bereithalten, berichten zwei Vollzeit-Väter. Von Sarah Kringe

Wenn Michael Schulz sich morgens seinen Kaffee kochen will, muss er erst den „Maxi-Cosi“-Kindersitz im Flur umrunden und anschließend über das Schaukelpferd in der Küche steigen. Denn Sohn Nicolas liebt es, Papa bei der Hausarbeit zuzusehen. Wie rund 20 Prozent der deutschen Väter hat der 39-jährige Lehrer Elternzeit genommen und gibt sich seinen neuen Familienaufgaben hin.

Ähnlich der meisten Väter beschränkt Michael seine Elternzeit auf zwei Monate, auch Vätermonate genannt. Elternzeit bedeutet zwar die Freistellung vom Arbeitsplatz für einen Zeitraum von bis zu 3 Jahren, während derer ein Kündigungsschutz sowie die Garantie auf die Rückkehr an den ursprünglichen oder einen gleichwertigen Arbeitsplatz bestehen. Die Regelungen zum Bezug des Elterngeldes sind jedoch kompliziert: Es kann maximal in einem Umfang von 14 Monaten gezahlt werden, wenn beide Eltern Elternzeit beantragen.

Lektion 1: Zeitmanagement

Eigentlich hatte Michael vor, während der Elternzeit auch größere Projekte anzugehen: die Fotosammlung wollte er sortieren, ein Gartenhaus bauen. Sohn Nicolas hat ihn schnell eines Besseren belehrt. Die Zeitungslektüre am Frühstückstisch schrumpft auf ein hastiges Überfliegen der Schlagzeilen, das Wimmelbuch von Alexander Mitgutsch wird dagegen im Laufe des Vormittags ausführlich studiert. Nur wenn Nicolas Mittagsschlaf hält, hat Michael ein bisschen Zeit für sich. „Mir wird jetzt erst bewusst, was es heißt, den ganzen Tag für ein Kind da zu sein“, gesteht er. Auf diese Aufgaben würden Männer nicht vorbereitet. „Ich habe großen Respekt vor Hausfrauen, die das schaffen und nebenbei auch noch den kompletten Haushalt schmeißen!“

Lektion 2: Begeisterung

Während seiner Vätermonate entspricht Michael dem Bild des modernen Vaters: früherzieherische Spielgruppe von PEKiP (Prager-Eltern-Kind-Programm), Babyschwimmen, Babyturnen, Kinderkirche. Nachmittags sind Michael und Nicolas oft zusammen „on tour“. Nicolas findet vieles gut, was er mit Papa erleben kann – und umgekehrt: „Ich bin richtig begeistert von dem Kleinen“, bekennt der Vater. Dafür nimmt er gern in Kauf, auch einmal der Exot beim nachmittäglichen Mamatreff zu sein. Unbehaglich wird es dem Elternzeit-Vater nur dann, wenn er unterwegs Windeln wechseln muss und der Wickeltisch in der Damentoilette steht. „Da sind uns die Engländer übrigens um einiges voraus“, erzählt er. Im Vereinigten Königreich verfüge so gut wie jede Herrentoilette über „Baby Change“.

Lektion 3: Geduld

Der 38-jährige Software-Entwickler Christoph Eichin hat seine Zeit als Vollzeit-Vater bereits hinter sich und in erster Linie eines gelernt: Geduld. „Aus der Elternzeit habe ich mitgenommen, dass sich zwischen meiner Tochter Sarah und mir eine sehr enge Beziehung entwickelt hat und ich die Welt häufiger mit ihren Augen sehe.“ Sarah findet ihren Papa „gut“ und liebt es, wenn er Nudeln kocht. Die Zweijährige schaufelt sich vergnügt die abendliche Pasta in den Mund, während Christoph sich an die Elternzeit erinnert.

Auch er hat sich fast rund um die Uhr mit seiner Tochter beschäftigt. Sie habe immer viel Interaktion und Aufmerksamkeit gebraucht, erzählt der Vater. Das ist auch heute noch so: Besuchern bietet Sarah selbst zubereitetes Spiegelei aus ihrer bunten Kinderküche an, sie turnt auf Christophs Schoß, zieht ihn an der Nase und ist überhaupt nicht schüchtern. Was sie am liebsten mit Papa unternimmt? „Großes Schwimmbad gehen!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Babyschwimmen scheint allgemein im Trend zu liegen. Im Schwimmkurs sind Mütter allerdings nach wie vor in der Überzahl.

Laut einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag der Apotheken Umschau vom Februar 2011 finden es noch immer 56 Prozent der Deutschen ungewohnt, wenn ein Mann in Elternzeit geht. Christoph hat es zwar nichts ausgemacht, der einzige Vater unter Müttern zu sein, aber „ein weiterer Mann zur Unterstützung wäre schon nett gewesen.“ An seinem Arbeitsplatz bei SAP ist er nie auf Unverständnis gestoßen, weder von Kollegen noch Vorgesetzten. „In so einem Großbetrieb ist Elternzeit mittlerweile etwas ganz Normales, deshalb fehlt immer mal wieder jemand.“

Lektion 4: Rollentausch

Neu war der Rollentausch für Christoph aber auf jeden Fall. Zwei Wochen hat es gedauert, bis Sarah sich an den omnipräsenten Vater gewöhnt hatte und statt seiner nun die Mutter euphorisch begrüßte, wenn sie von der Arbeit kam. „Daran haben wir deutlich gemerkt, wie ein Kind sich auf denjenigen fixiert, mit dem es die meiste Zeit verbringt“ resümiert er, bevor er Sarah ins Bett bringt.

Sowohl Nicolas als auch Sarah werden demnächst ein Geschwisterchen bekommen. Für ihre Väter ist die nächste Elternzeit bereits fest eingeplant.


Die Bildrechte liegen bei MasterFinally (tauchendes Baby, Creative Commons), Thomas Vogt (Kristina Schröder, Creative Commons) und Dorothea Witter-Rieder (Spielplatz, Creative Commons).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Die charmante Novizin

Deutschland in der Demographie-Krise

Das Jahr 2020 im Visier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.