Unvorstellbares sichtbar machen

Die vermeintliche Unwissenheit über die Verbrechen der Nationalsozialisten bleibt nach dem Besuch der Ausstellung Zwangsarbeit – Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg weiterhin unvorstellbar. Ein Ausstellungsbericht von Alf-Tobias Zahn

„Wir haben es nicht gewusst“ – dieser Ausspruch prägte lange Zeit die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen an Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Zwangsarbeitern sowie die direkte als auch indirekte Unterstützung der deutschen Bevölkerung an diesen Taten. Selbst Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt verneint in einem unlängst veröffentlichten Interview im ZEIT Magazin (Ausgabe 51) erneut die Frage, ob er nicht etwas gewusst oder geahnt habe. Aktuelle Ausstellungen zu diesem Thema, zum Beispiel die Internationale Wanderausstellung Zwangsarbeit – Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg im Jüdischen Museum in Berlin, zeigen dem Besucher jedoch anhand vieler archivierter Dokumente, wie tief auch die Zivilbevölkerung in die Machenschaften der Nationalsozialisten eingebunden war.

Die Sonderausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora wurde von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gefördert. Detailreich haben die Initiatoren ihr Konzept umgesetzt: Originale Fotografien werden per Slideshow gezeigt, weiterführende Texte und Übersetzungen können unterhalb der Stellwände aus Schubladen gezogen werden. Die Ausstellung profitiert zudem von vielen Audiomitschnitten von Interviews mit Zeitzeugen oder Reden nationalsozialistischer Politiker und Funktionäre. Gezeigt wird nicht nur die Organisation, Umsetzung und Auswirkungen der Zwangsarbeit, sondern bereits die Entstehung Mitte der 1930er Jahre.

Identifizieren und Denunzieren der „Anderen“

Eine der Vorstufen der Zwangsarbeit war die Denunziation, die von den herrschenden Nationalsozialisten nicht nur offensiv propagiert wurde, sondern bei einigen Sympathisanten auf fruchtbaren Boden fiel. Darunter auch Hans Käbel, Buchhalter aus Dinslaken. Er fotografierte wochenlang jüdische Geschäfte und deren Kundschaft. Die gesammelten Fotografien schickte er an das Hetz-Blatt „Der Stürmer“, das diese wiederum zu Propagandazwecken gegen Nicht-Arier einsetzte.

Zu den Fotografierten gehörte auch der so genannte „Judenbengel“ Juda Rosenthal. Er wurde 1933 durch Gelsenkirchen getrieben, da er eine Beziehung zu einer damals so genannten „arischen Judendirne“ hatte. Unter den Nationalsozialisten galt dies als Rassenschande und führte zu öffentlicher Demütigung. Die Fotografien in der Ausstellung zeigen den Menschenauflauf auf einem zentralen Platz in Gelsenkirchen. Rosenthal trug ein Schild mit der Aufschrift „Jude“ um den Hals. Sowohl seine Freundin als auch er wurden von den vorbeiziehenden Menschen nicht nur begafft, sondern beschimpft und körperlich angegriffen.

Die enge Verknüpfung zwischen den politischen Zielen der Nationalsozialisten und deren aktiven Unterstützung durch die deutsche Bevölkerung wurde auch an den Universitäten sichtbar. Exemplarisch für viele Projekte werden in der Ausstellung fertig konzipierte Pläne von Münchner Studenten gezeigt, die die Germanisierung Osteuropas vorantreiben sollen.

Arbeitsämter als Verteiler der Zwangsarbeiter

Einen wesentlichen Beitrag zur tatsächlichen Umsetzung der Zwangsarbeit leisteten die Arbeitsämter. Sie übernahmen für das gesamte Reichsgebiet die Auf- und Zuteilung der Zwangsarbeiter. Die Arbeitsämter entsendeten spezielle Abordnungen ins Ausland, um dort Zwangsarbeiter fürs Deutsche Reich zu rekrutieren.

Nach der Zuteilung wurden diese vor allem in der deutschen Landwirtschaft, dem Baugewerbe – und hier sogar bei unnützen Bauvorhaben in den Tiroler Alpen – und der Rüstungsindustrie eingesetzt. Audiodokumente lassen Zeitzeugen zu Wort kommen und werden mit Originalaufnahmen der Zwangsarbeiter und ihren Arbeitgebern in mehreren Räumen didaktisch nachvollziehbar ineinander verwoben.

Die Ausstellung zeigt weiter, dass die Zwangsarbeit nicht nur in großen Fabriken oder auf den Feldern stattfand. Im Ausland wurden die Zwangsarbeiter auch für den Bau von Straßen eingesetzt, um so den Vormarsch der deutschen Soldaten mit deren Ausrüstung und damit den großdeutschen Sieg zu sichern. Exemplarisch wird dies anhand von Galizien gezeigt, welches zwischen 1941 und 1943 unter der Führung von Fritz Katzmann stand, der verlauten ließ: „Ganz Galizien ist […] judenfrei.“ Dieses Ziel wäre ohne Zwangsarbeiter nicht möglich gewesen.

Befreiung und Bedrohung nach 1945

Selbst nach dem Ende des Krieges waren Zwangsarbeiter – zusätzlich zu den körperlichen und seelischen Leiden – noch Gefangene ihrer aufgezwungenen Situation. Als „displaced persons“ wurden sie als Bedrohung von der einheimischen Bevölkerung wahrgenommen. Diese reagierten zumeist gewalttätig gegenüber den ehemaligen Zwangsarbeitern, die sich auf Befehl der Alliierten Besatzungsmächte nach Kriegsende in manch verlassenem Dorf hätten ansiedeln sollen. Noch heute gedenken fragwürdige „Befreiungsfeste“, etwa im Amt Windheim zu Lahde, der Zwangsumsiedlung der einheimischen Bevölkerung zu Gunsten der Zwangsarbeiter.

Neben weiteren Schautafeln und Statistiken über Friedensverhandlungen und Ausgleichszahlungen, markieren acht Zeitzeugenaussagen das Ende der Ausstellung. Erst nach dieser unmittelbaren, besonders eindringlichen Konfrontation mit Überlebenden des Nazi-Regimes und deren emotionaler Schilderung des Erlebten wird der Besucher in die Jetzt-Zeit entlassen – tief beeindruckt, ergriffen, sehr nachdenklich.

Nichts wissen trotz erdrückender Belege?

Der Besuch dieser Ausstellung oder der ebenfalls beeindruckenden Gedenkstätte Buchenwald in unmittelbarer Nähe von Weimar zeigt anhand der Fülle von Original-Dokumenten und aufbereiteten Informationen: „Wir haben es nicht gewusst“ ist sowohl damals als auch aus heutiger Sicht unvorstellbar.

Die Ausstellung kann noch bis zum 30. Januar im Jüdischen Museum in Berlin besucht werden. Die weiteren Termine sind auf der Homepage der Ausstellung in Kürze nachzulesen.


Die Bildrechte liegen bei Mercedes-Benz Classic, Archive (Titelbild) sowie dem Jüdischen Museum Berlin (Fotos von Jens Ziehe) und wurdem dem offiziellen Presseserver des Museum entnommen.


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