Tausendfach zu reich

Wie sieht es aus, das gute Leben? In ihrem aktuellen Soloprogramm einfach reich inszeniert Luise Kinseher ein Streitgespräch über Geld, Glück und Ausstiegssehnsucht. Ein Augenöffner für Gartenzwerg-Genossen und Luxus-Asketen. Von Torsten Müller und Angela Kirschbaum

Jetzt will sie also schon wieder auf den Berg! Luise Kinsehers aktuelles Kabarett-Programm handelt von der Sehnsucht nach einem einfachen Leben auf der Alm. Und nun wird sie dieses Jahr auch noch – als erste Frau überhaupt – am Münchner Nockherberg die Fastenpredigt beim Starkbieranstich halten. Ihr Vorgänger Michael Lerchenberg, der die Tradition des Derbleckens politisch-offensiv interpretiert hatte, war im letzten Jahr zurückgetreten, nachdem ihm ein KZ-Vergleich in seiner Rede harsche öffentliche Kritik eingebracht hatte.

Der Verdacht liegt nahe, dass sich der Veranstalter der jährlichen Politiker-Schelte, die Paulaner-Brauerei, von Lerchenbergs Nachfolgerin eine politisch weniger brisante Rede erhofft. Schließlich begann Luise Kinseher ihre Bühnenkarriere als Volksschauspielerin und widmet sich in ihren inzwischen fünf Kaberett-Soloprogrammen eher den allgemein menschlichen Themen als der Analyse der Tagespolitik.

Fünf Personen einer Frau

Die fünf Figuren, mit denen Luise Kinseher in einfach reich schauspielerisch souverän jongliert, kennen ihre Fans bereits aus vorherigen Programmen. Diesmal stellt sich die Konstellation wie folgt dar: Firmenchefin Luise Kinseher will sich von ihrem Porsche und dem materiellen Plunder trennen und aussteigen. Von nun an will sie ganz „authentisch“ leben – auf einer abgelegenen Alm, wo sie nicht mehr zum Glücklichsein braucht als eine Kuh. Denn: „Wiederkäuen – das ist zufrieden sein mit dem, was man hat. Wenn wir nicht werden wie die Kühe, kommen wir nicht ins Himmelreich. Gott ist ein Rindviech.“ Ein Leben ohne ethische Dilemmata ist das Ziel: kein Stress, kein Kapitalismus, kein „und aber“ – sondern ein reines Gewissen.

Kinsehers vier Mitarbeiterinnen haben ihre ganz eigenen Ansichten dazu. Die fränkische Buchhalterin Frau Rösch kanzelt jeglichen Zweifel an unserem Wirtschaftssystem als „Biedermeier-Bolschewismus“ ab. Die junge Mitarbeiterin Gitty Lachner strebt nach dem ganz großen Geld und arbeitet zu diesem Zweck auf eine gewinnbringende Heirat hin, während die lallende Maria ihre Zeit des Reichtums schon hinter sich hat und dem Alkohol und Zynismus verfallen ist. Die raue Hamburgerin Helga Frese schließlich ist die allerletzte, die sich von romantischen Ausstiegsphantasien verführen lassen könnte. Fünf Personen einer Frau – da muss es zum Streitgespräch kommen.

Stinkt das Geld oder die Kuh?

Diese fünf Positionen führen in eine abendfüllende Debatte über das gute Leben. Einfach reich ist eine wirtschaftsethische Kosten-Nutzen-Analyse über Geld und Glück, in der jeder Aspekt zum Klingen gebracht wird. Das beginnt schon bei der Obsession von Firmenchefin Kinseher, für die „so eine Kuh der direkte Weg zur Selbsterkenntnis“ ist. Sie will auch aussteigen, weil sie zu wissen glaubt, dass man Porschefahrer aufgrund des Klimawandels in zehn Jahren lynchen wird. „Das ist wie mit einem Robbenmantel ins vegetarische Restaurant zu gehen.“ Doch Frau Frese entlarvt die Doppelmoral ihrer Chefin, die erst im Bioladen einkauft und dann zu Veranstaltungen à la „Ben Becker liest Marx“ mit besagtem Porsche fährt.

Für die Buchhalterin Rösch ist die ganze Debatte etwas für Gartenzwerg-Genossen oder Luxus-Asketen, die sie einfach nicht verstehen kann. Geld stinkt doch nicht! Überhaupt, „dieser Sankt Martin: Anstatt seinen Mantel zu zerreißen, hätte er mal lieber eine Mantelfabrik bauen und den Armen Arbeit geben sollen.“ Wettbewerb sei solidarischer als Teilen und „die heilige Kuh in Wirklichkeit das goldene Kalb“.

Die hedonistische Maria sieht das ähnlich. Geld macht doch Freude! Ehe die Kinseher ihres wegwirft oder die Banker es verzocken, verprasst Maria es doch lieber selbst. Von hehren Werten hält sie nicht viel. Zwar hat sie bereits dem Dalai Lama die Hand geschüttelt. Aber: „Es ist auch bloß a Hand.“ Das Oktoberfest ist ihr dann doch wichtiger.

Vom Wert der 20.000 Dinge

Die Chefin Kinseher wird von ihrem Geld aber nicht mehr glücklich. “Ham Sie auch so viel Zeug? Jeder Mensch hat ja im Schnitt 20.000 Dinge.“ Auf der Alm würde es das nicht geben, da hätte man seine Ruhe. Die ständige Suche nach dem perfekten Ding, der Materialismus der Gesellschaft führe ins Unglück. Das Haus besitzt seine Bewohner, der Porsche fährt sie, nicht sie den Porsche, der Herr ist in Wahrheit abhängig vom Sklaven. Der Wert der 20.000 Dinge geht also gegen Null.

Und trotzdem können Dinge auch sehr wertvoll sein. Frau Rösch exerziert das beispielhaft anhand der Kosten-Nutzen-Bilanz eines Blaukehlchens: Während dessen Materialwert schlappe 1,5 Cent betrage, könne die Leistung eines solchen Tieres pro Jahr mit bis zu 175 Euro beziffert werden. Schließlich wirkt es durch das Zwitschern auf seine Umwelt beruhigend, vernichtet Schädlinge und dient als Bioindikator.

Sich von gewissen Dingen zu verabschieden hält auch Helga Frese, die mit ihrem Ökonomismus wohl die beste Analyse der Finanzkrise liefern kann, für eine patente Lösung gesellschaftlicher Probleme: „Wir brauchen mehr Bescheidenheit – gerade bei denen, die’s gewöhnt sind, denen fällt’s leichter.“ Auch ihren Ehemann Heinz IV (!) hat sie aus Kostengründen outgesourcet: „Ohne mich sähe Heinz aus wie eine Käthe-Kollwitz-Radierung. Was das kostet, den Heinz am Leben zu erhalten!“

Nach dem Ausstieg kommt der Abstieg

Der Diskurs über Geld und Glück gipfelt in einem lautstarken Streit um die Habseligkeiten der Chefin. Die Kinseher beginnt, an ihrem Traum vom Ausstieg zu zweifeln, die anderen haben sich im Verteilungskampf um ihr Geld zerfleischt. Auf den Ausstieg folgt also die Ernüchterung, der Abstieg. Da hilft nur noch Humor.

Das Fazit von einfach reich ist daher ein Bonmot von Marcel Reich-Ranicki und einfach wahr: „Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist immer noch besser, im Taxi zu weinen, als in der Straßenbahn.“ Es ist also ein Stück über den Kapitalismus, den Konsum und das Glück, wobei man reich ist, wenn man einfach einfach ist. Lieber reich im Kopf als tausendfach zu reich an Dingen.

Der Berg ruft

Luise Kinseher hat ihr Programm mit Bravour gestaltet und spielt immer souverän. Prägnant wird das Zeitgeschehen in eine fesselnde Dramaturgie gefasst und pointiert bewertet. Mit  stupender Improvisationskunst wird das Publikum einbezogen und durch Gesang, vom Jodel bis zum Chanson, perfekt unterhalten. Zu hinterfragen ist nur, warum Luise Kinseher nicht längst ein noch breiteres Publikum gefunden hat, denn man muss sie als Ausnahmekönnerin im süddeutschen Kabarett bezeichnen.

Das wird sich mit der Fastenpredigt beim Starkbieranstich endgültig ändern. Der Aufstieg auf den Nockherberg wird sicher beschwerlicher und steiniger als ein Almauftrieb. Doch Luise Kinseher ist geradezu die Idealbesetzung für diese Qual. Gerade, weil sie sich nicht im tagespolitischen Detail verliert, sondern den Blick unerbittlich auf die grundsätzlichen Fragen richtet, wird man von ihr in der Rolle der Bavaria keine Fastenpredigt light zu hören bekommen. So soll es sein.

Termine:
Fastenpredigt live im Bayerischen Fernsehen: 23.03., 19:00 Uhr

Tourdaten:
05. – 09.04.2011 / 18. – 19.06.2011 / 26. – 27.06.2011 München
17.04.2011 Augsburg
05. – 06.05.2011 Brixen (I)
16.05.2011 Hörbach
21.05.2011 Köln
27.05.2011 Zürich


Die Bildrechte liegen bei Luise Kinseher (Porträt), CHRISSPdotCOM (Kühe, Creative-Commons-Lizenz), Toban Black („Invest in Sharing“, Creative-Commons-Lizenz) und Thomas Hawk (Geldschein, Creative-Commons-Lizenz).


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