Sterben für Kabul?

Vor einer Dekade wurden die ersten Bundeswehrsoldaten mit dem Auftrag nach Afghanistan geschickt, Frieden, Ordnung und Stabilität zu sichern. Davon ist das Land heute weit entfernt. Die Gründe für diese Entwicklung sind nicht an der Front am Hindukusch zu suchen, sondern bei den verantwortlichen Führungskräften in der Politik. Ein Kommentar von Peter Schuld

Am 22. Dezember 2001 begann der Einsatz der multinationalen Schutztruppe ISAF in Afghanistan. Am selben Tag beschloss auch der deutsche Bundestag die Entsendung von Bundeswehrsoldaten. Zuvor hatten bereits Truppen der Nordallianz mit Unterstützung von US-Einheiten die Taliban weitestgehend vertrieben. Das Hauptziel der Operation waren die Anhänger des Terrornetzwerkes al-Qaida sowie deren Anführer Osama Bin-Laden, die für die beispiellosen Anschläge von 9/11 verantwortlich waren und von den Taliban Unterschlupf bekommen hatten.

Krieg oder nicht Krieg, das ist hier die Frage

Das beherzte Eingreifen der internationalen Gemeinschaft Ende 2001 bot dem vom Krieg gezeichneten Afghanistan die Chance für einen Neuanfang. Bloß wurde diese kaum genutzt. Stattdessen sind zehn weitere Jahre voller Gewalt ins Land gegangen. Nur will eigentlich fast niemand etwas von einem Krieg wissen. Und das ist symptomatisch für das eigentliche Problem, nämlich mangelnden politischen Willen, Nägel mit Köpfen zu machen.

Obwohl es für den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zurzeit berechtigte Kritik hagelt, so ist ihm dennoch eine Leistung positiv anzuerkennen: Er sprach 2009 in Bezug auf die Lage am Hindukusch erstmals offen von einem Krieg. Bis dahin hatten alle Verantwortlichen es tunlichst vermieden, die Wörter Afghanistan und Krieg im selben Satz zu verwenden und stattdessen so schöne Euphemismen wie „bewaffneter Konflikt“ oder „kriegsähnlicher Zustand“ bevorzugt. Schönreden statt Handeln.

Afghanistan geht auch uns etwas an

Wer die Entwicklung des deutschen Engagements in Afghanistan genauer betrachtet, kann an der Aufrichtigkeit der politischen Führung in Berlin zweifeln. Als 2001 der erste NATO-Bündnisfall ausgerufen wurde, konnte sich Deutschland nicht so einfach vor der politischen Verantwortung drücken, wie jüngst beim Libyen-Konflikt. Während medienwirksam Freiheit und Menschenrechte angepriesen wurden, machte sich ein deutsches Kontingent – welches anfangs viel zu klein war, um ernsthaft etwas ausrichten oder im Härtefall bestehen zu können – auf den Weg an den Hindukusch.

Anschließend wurde jedoch von den meisten Staaten, ebenso wie Deutschland, alles vermieden, was in irgendeiner Form ernsthaften finanziellen oder militärischen Aufwand bedeutet hätte. Aufwand, der für nachhaltige Maßnahmen, einen zweiten Marshall-Plan, zwingend erforderlich gewesen wäre. Stattdessen gab es symbolische Aktionen, die an der Gesamtsituation grundlegend wenig änderten. Ebenso unternahm kein deutscher Politiker den ernsthaften Versuch, der Bevölkerung hierzulande die Sinnhaftigkeit des Einsatzes zu vermitteln. Unsere heute so selbstverständliche Freiheit und Sicherheit gibt es nämlich nicht umsonst.

Im Mai 1939 titelte eine französische Zeitung mit der Schlagzeile „Sterben für Danzig?“ und stellte damit das französische Schutzbündnis für Polen gegen einen möglichen Angriff von Nazi-Deutschland infrage. Die Geschichte hat darauf die beste Antwort geliefert. Die Situation heute ist sicherlich eine andere, doch die tieferliegende Erkenntnis ist dieselbe: Die Erde ist zu klein, um einfach alles zu ignorieren, was sich außerhalb unserer Sichtweite befindet. Weltweite Stabilität liegt auch in unserem Interesse. Der Einsatz militärischer Mittel ist manchmal schlicht unvermeidlich. Wir leben in keiner perfekten Welt, in der es keine Gewalt oder Aggressoren gibt, selbst wenn einige Zeitgenossen dies in einem Anflug von Realitätsverweigerung gerne verdrängen.

Die Geschichte eines erfolgreichen Scheiterns

Solange die Taliban in der Versenkung verschwunden waren, schien die Schönwetter-Mission in Afghanistan ein voller Erfolg zu sein. Als sie ab 2005 allerdings zurückkehrten, noch brutaler und machtvoller als zuvor, finanziert mit hunderten Millionen Dollar aus Opiumhandel, trafen sie auf den fruchtbarsten aller Nährböden: eine in ihren Hoffnungen enttäuschte und verbitterte Bevölkerung. Aber statt endlich Maßnahmen zu ergreifen, einen umfassenden Aktions- und Aufbauplan auszuarbeiten und die Afghanen als Teil der Lösung anstatt des Problems anzusehen, trugen vor allem die politischen Entscheidungen zur weiteren Eskalation bei.

Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung bot ein besonders trostloses Bild. Er legte als Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte nicht nur einen erschreckenden Mangel an militärischem Grundlagenverständnis an den Tag, sondern zeichnete sich auch durch eine Reihe völlig absurder Befehle aus. Damit war er leider kein Einzelfall. Entscheidungen wurden fast ausschließlich entlang parteipolitischer Frontlinien getroffen, anstatt auf Grundlage real-militärischer Erfordernisse.

Den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ist kein Vorwurf zu machen, sie zeigen hervorragende Leistungen unter widrigen Umständen. Dazu zählt unter anderem die unerträgliche rechtliche Unsicherheit in Bezug auf die Interpretation der Einsatzregeln. Entscheidungen über Leben und Tod, im Einsatz in Sekundenbruchteilen getroffen, werden danach monatelang zerlegt und abenteuerlich verdreht. 52 Kameraden sind bisher gefallen, viele mehr wurden an Leib und Seele verwundet. Insbesondere mangelnde politische Rückendeckung aus der Heimat hat dazu geführt, dass dieser selbstlose Einsatz für die Gemeinschaft von der deutschen Öffentlichkeit nach wie vor praktisch nicht gewürdigt wird.

Quo vadis, Afghanistan?

Noch ist es zu früh, um von einem Scheitern des Afghanistan-Einsatzes zu sprechen. Die gegenwärtige Lage ist allerdings denkbar schlecht. Gewalt, Korruption und Drogenhandel blühen. Zumindest scheint die Staatengemeinschaft begriffen zu haben, was eine (un-) realistische Zielsetzung ist. Ein westliches Demokratieverständnis in einem Land mit einem völlig anderen historisch-kulturellen Hintergrund implementieren zu wollen, war völlig utopisch. Außerdem haben vor allem die USA mit ihrem Strategiewechsel unter General Petraeus Mitte 2010 endlich erkannt, dass sich Probleme nicht mit dem Kopf durch die Wand lösen lassen. Trotz weiterer Rückschläge wurden seither einige sehr wichtige, zart keimende Fortschritte erzielt. Auch die Bundeswehr ist dazu übergegangen, sich aus mühsam eroberten Gebieten nicht gleich zurückzuziehen und das Feld erneut den Taliban zu überlassen, sondern die Lage durch Präsenz zu stabilisieren und so das Vertrauen der Zivilbevölkerung ebenfalls zurückzugewinnen.

Diese Etappensiege müssen durch entschlossenes Handeln genutzt und weiter ausgebaut werden. Sicherlich kann Deutschland nicht überall auf der Welt helfen. Ein Argument überhaupt nicht zu helfen, ist diese Erkenntnis deshalb noch lange nicht. Wenn 2014 alle Kampftruppen Afghanistan verlassen, wäre es bereits als Erfolg zu verbuchen, wenn das Land anschließend nicht erneut in Chaos oder Taliban-Terror versinkt. Die Afghanistan-Konferenz Anfang Dezember in Bonn hingegen erweckte den Eindruck, so mancher politischer Vertreter wolle sich lieber mit dem Scheckheft von der eigenen Verantwortung freikaufen. Wenn das mal kein Trugschluss ist.


Weiterführende Literatur:

Koelbl, Susanne; Ihlau, Olaf (2007): Geliebtes, dunkles Land. Menschen und Mächte in Afghanistan. Siedler. München.


Weiterführende Links:

Operation „Jadid“, Reportage über die Offensivmission der Bundeswehr gegen die Taliban im Tal des Baghlan-Flusses, Oktober 2010 (Titelstrecke Loyal 03/11)

Portal der Bundeswehr für den Afghanistan-Einsatz

Tabellarische Zeitleiste der Geschichte Afghanistans seit dem 19. Jahrhundert (englisch)


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