Sonne macht glücklich, aber…

An der Nordsee schlägt einem der Regen im Herbst mitunter waagerecht ins Gesicht – während die Italiener im Straßencafé noch die Abendsonne genießen. Die südländische Lebensfreude läge nur an der Sonne, neidet der Teutone. Doch Studien zeigen: Glück ist komplizierter. Von Patrick Fink

Glück wird im Gehirn produziert. Bestimmte Areale sind die Motoren für bestimmte Gefühle. Sie werden nur angeworfen, wenn der Körper den richtigen Treibstoff schickt: jeweils passende biochemische Botenstoffe, die Neurotransmitter. Serotonin ist der Neurotransmitter, der das Wohlbefinden startet. Und Serotonin produziert der Körper unter anderem, wenn die Sonne scheint. Also sollten in Ländern mit viel Sonne glücklichere Menschen leben. In Deutschland scheint die Sonne durchschnittlich 140 Stunden pro Monat – auf Kreta etwa 380 Stunden.

Costa Rica führt vor Jamaika

Ein oberflächlicher Blick auf Glücksstudien bestätigt die These: Im Happy-Planet-Index der englischen New Economic Foundation führt Costa Rica die Glücklichkeits-Weltrangliste an, dicht gefolgt von Jamaika, Vietnam und weiteren Sonnenländern. Der erste äquatorferne Industriestaat sind die Niederlande – auf Platz 43. Deutschland immerhin auf 51 von 143. Doch Afrika passt nicht ins Bild: Simbabwe wird Letzter, obwohl es genau so viel Sonne bekommt wie Costa Rica. Was macht Glück noch aus – was wird im Happy Planet Index und ähnlichen Studien gemessen?

Seit der Industrialisierung versuchen Ökonomen auch das Glück mit quantifizierenden Messmethoden in eine politische Steuerungsgröße zu verpacken – ungeachtet des Einwandes der Philosophen, Glück könne unterschiedlich definiert werden. Als Pionier gilt der irische Ökonom und Statistiker Francis Ysidro Edgeworth mit seinem Konzept der Mathematical Psychics.

Die Vereinten Nationen folgen mit dem Human Development Index (HDI) dieser Tradition: Lebensqualität ist hier ein Resultat aus Einkommen, Lebenserwartung und Bildung. Letztere bestimmt sich z. B. schlicht daraus, wie viele Jahre ein Mensch zur Schule gegangen ist. Auf dem HDI landen die Länder des sonnenverwöhnten Südens wegen ihres meist geringen Pro-Kopf-Einkommens auf den hinteren Plätzen. Norwegen führt, Europa dominiert. Deutschland liegt hinter Schweden und vor Japan auf Platz zehn.

„Wie glücklich sind Sie?“, fragt der Forscher

Aber seit etwa zehn Jahren bringt eine nicht-quantitative Messmethode die alte Glücks-Ordnung durcheinander: „Wie glücklich sind Sie?“ Das subjektive Glücksempfinden wird einbezogen – durch Befragung bis zur Analyse von Tagebucheinträgen. Die bisher umfangreichste Meta-Analyse dieser Studien präsentierte der Sozialpsychologe Adrian White im Jahr 2006: der Satisfaction with Life Index. Hier gehen nur noch die Top 4 an Europa – dann folgen bald Bhutan, Antigua und Barbuda.

Wie glücklich ist man generell mit seinem Leben? Klar, die Antwort hängt stark vom Fragezeitpunkt ab. Daher kombinieren wieder neue Studien diese Selbsteinschätzungen mit quantifizierbaren Daten: Der Soziologe Ruut Veenhoven hat in seiner World Database of Happiness 715 verschiedene Messmethoden für Glück aus 1364 Studien gesammelt. Sonnenscheindauer als direkter Indikator ist nicht darunter.

Geld macht nicht glücklich

Der Happy-Planet-Index kombiniert den ökologischen Fußabdruck mit der Lebenserwartung und dem subjektiv empfundenen Glück. Letzteres korreliert in der Meta-Analyse Adrian Whites am stärksten mit der Gesundheit, dem Zugang zu Bildung und dem Wohlstand. Allerdings: Zusätzliches Einkommen über 15.000 Dollar pro Jahr wirkt sich nicht mehr auf das empfundene Glück aus, wie die Studie Happiness and Economics der Schweizer Ökonomen Bruno S. Frey und Alois Stutzer 2001 herausfand. Glückszusammenhänge sind also komplex. Wem sie zu komplex sind: Auch wenn wir Nudeln essen produziert der Körper Serotonin.


Die Bildrechte liegen bei Oliver Herold (Sonne/Creative Commons), JSquish (Wall Street/Creative Commons) und Bluefizz32 (Karneval/Creative Commons).


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