Schwarz, grün, grau

Der Dokumentarfilmer Pepe Danquart porträtiert Joschka Fischer und scheint dabei die Regie aus der Hand zu geben. Er lässt Joschka Fischer frei durch die Bilder seines kurzweiligen Lebens spazieren – und verpasst dabei eine seltene Gelegenheit. Von Patrick Fink

Der Vorspann visualisiert die Erzähl-Perspektive des Films: Joschka Fischer wandert durch die endlosen Weiten des deutschen Watts – um ihn herum drei Dutzend Journalisten, Kameramänner und Tonassistenten mit ihren Angeln. Sie folgen ihm auf Schritt und Tritt. Genauso wie wir Zuschauer in den nächsten zweieinhalb Stunden.

Der deutsche Dokumentarfilmer Pepe Danquart hat sich für einen klassisch-chronologischen Erzählfaden entschieden, um die schillernde Persönlichkeit Joschka Fischers einzufangen: vom Anfang bis heute, von der Kindheit im CDU-Milieu bis zu seinem radikalen Ausstieg aus der Politik bekommen wir Fischers Lebensgeschichte erzählt – und das vom gefühlten Grünen Ehrenvorsitzenden selbst. Dabei ist der Anspruch des Films im Titel zusammengefasst: Der Zuschauer soll sehen, wie aus Joschka ein Herr Minister Fischer wurde.

Bilder von Hitler bis Schröder

Hierzu spaziert Herr Fischer durch eine verlassene Industriehalle, in die Danquarts Team schick-halbtransparent die Bilder aus 60 Jahren projiziert. Wir sehen Bilder von Hitler bis Schröder, von Pariser Straßenschlachten 1968 bis zum Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2003, als der deutsche Außenminister den amerikanischen Verteidigungsminister abwatschte: „Mister Rumsfeld, I am not convinced.“

Das wird nicht langweilig, ist aber schrecklich einseitig. Denn die meisten Bilder interpretiert Fischer ausschließlich selbst. Mit Steinen beworfene Polizisten, grüne Fundis oder eine kritische Nachfrage des Regisseurs hören wir nicht. Fischers Sichtweise dominiert.

Diese einseitige Erzählperspektive enthüllt Danquart dem Zuschauer auch, indem wir immer wieder in die Industriehalle zurückkehren und den Erzähler Fischer sehen. In diesen Sekunden kann der Zuschauer allerdings nicht darüber nachdenken, was es bedeutet, dass wir die ganze Geschichte aus Fischers Sicht erleben, denn Fischer redet auch jetzt weiter, als enthalte die Produktionsvereinbarung eine Nicht-Einschränkung der Redezeit des Ex-Außenministers.

Lausbuben-Charme als rhetorische Waffe

Wie so oft, weiß Fischer diese Redezeit zu nutzen. Wenn eine Szene droht, seine grün-weiße Weste zu beschmutzen, entkräftet er sie mit Lausbuben-Charme. Am deutlichsten wird dies, als er im Film eine Szene aus dem Parlament kommentiert. Als er 2001 im Bundestag zu seiner Teilnahme an gewalttätigen Demonstrationen 1968 befragt wird, stiehlt er sich mit einer charmant vorgebrachten Lüge aus der Affäre: „Ja, ich habe die Steine einfach so in die Luft geworfen.“ In seinem Kommentar zu dieser Szene platziert er sein Grinsen perfekt – und durch die pure Kraft der Sympathie ist der Zuschauer ganz auf Fischers Seite.

Gewitzt und passend zu seinem Image plaudert sich Fischer unbehelligt von Regieeingriffen durch die deutsche Nachkriegsgeschichte: Er hätte lieber andere als die berühmten Turnschuhe angezogen, „aber das Symbol musste sein.“ Als hessischer Umweltminister hätte er sowieso alles falsch gemacht, aber die Grünen hätten dort das Regieren gelernt: „Du kannst einen Koalitionsvertrag auch ohne Inhalte machen, solange die Zuständigkeiten geklärt sind.“

Historisch bewiesene Ironie der Macht

Wenn wir andere Stimmen hören, sind es Mitstreiter wie Daniel Cohn-Bendit oder neutrale Beobachter, die etwas mehr Tiefgang einbringen. Der Schweizer Journalist Roger de Weck erklärt die scheinbar gesetzesmäßige Ironie der Macht: Grüne Pazifisten mussten den ersten Auslandseinsatz der Bundeswehr genehmigen so wie Francois Mitterand die ersten Privatisierungen durchführen musste. Aber wir lernen nur wenig Neues in diesem Film – er porträtiert eher eine Sichtweise als die Person. Diese vor laufender Kamera aufgenommene Konfrontation mit sich selbst ist zwar eine faszinierende Idee, um Fischer neue Seiten zu entlocken, aber sie funktioniert hier nicht. Fischer ist zu sehr Profi, hat wohl zu viele Medienschulungen durchlaufen.

So erfahren wir über die Person Joschka Fischer eher Oberflächliches – das wird deutlich an den hübschen Langzeitaufnahmen, die Fischers Frankfurter Taxi-Zeit illustrieren. Schön anzuschauen ist das – wie auch einige wenige Einblicke Fischers: In den Taxi-Nächten hätte er in den Fahrgästen den wahren Menschen entdeckt, dem immer Gutes wie Böses innewohne.

Mehr Joschka, weniger Herr Fischer

Den Film hätte ein bisschen mehr Joschka, Kantiges, Überraschendes und ein bisschen weniger Herr Fischer, Abgeschliffenes, medial Präsentables wertvoller gemacht als Beitrag zur deutschen Geschichte. Der Film kratzt das Image des Mannes nicht an, der trotz Kriegsführung und sieben Jahren in der entrückten Sphäre des deutschen Außenministers ein Mensch geblieben zu sein scheint, der über sein eigenes Leben auch schmunzeln kann. Oder ist gerade dieses menschliche Antlitz die perfekte Fassade? Diesen Unterschied herauszuarbeiten ist für einen Dokumentarfilmer eine vielleicht unlösbare Aufgabe , aber Danquart hat es nicht einmal versucht. An keiner Stelle piekt er den Ballon Joschka Fischer. Man weiß nicht, wie die Produktionsbedingungen aussahen. Aber es wäre interessant, Danquart selbst in die Industriehalle zu stellen und ihn die Bilder seines Films sowie Eindrücke von Joschka Fischer kommentieren zu lassen.

Das Experiment, Menschen vor laufender Kamera mit sich selbst zu konfrontieren, könnte in Zukunft noch verfeinert werden, indem der Regisseur die Perspektive des allmächtigen Erzählers noch einmal in Perspektive setzt. So hätte es auch ein Film werden können, der eine Weltsicht nicht nur zeigt, sondern erklärt. Eine Weltsicht, welche die deutsche Gesellschaft durchspült hat, wie an den grünen Wahlerfolgen und dem CDU-Atomausstieg zu sehen ist.

Joschka und Herr Fischer (Deutschland 2011)
Kinostart: 19. Mai 2011
Regie/Drehbuch: Pepe Danquart
Produktion: Mirjam Quinte, quintefilm
Mit Joschka Fischer


Die Bildrechte liegen bei der X-Verleih AG.


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