Riskante Freiheiten

Wir brauchen einen neuen Herkules und einen neuen Aristoteles, sprach Golem einst. Geist und Technologie sind erforderlich für eine neue Klimapolitik. Wenn aber die Menschheit ihre Emissionen nicht reduziert, stehen nur mehr riskante Technologien als Lösung zur Verfügung. Wollen wir das? Von Carsten Rehbein

Die derzeitige Klimapolitik schwankt zwischen Realismus und Utopie, zwischen einem „Et hätt noch immer jot jejange“ und „Nix bliev wie et wor“. Die vier Beiträge in Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang stecken den Rahmen zwischen beiden Extrema ab, tendieren aber eher zur Utopie als zu schnödem Realismus. Technische Optionen und Geo-engineering – wie von Paul J. Crutzen propagiert – werden genauso wenig ausgespart wie die von Mike Davis angeratene demokratische Stadtplanung oder expressive Phantastereien à la Peter Sloterdijk.

Die letzten Jahre waren verlorene Jahre, die Fortschritte waren mager trotz politischer und medialer Aufmerksamkeit. Das merkt man schon daran, dass alle vier Artikel zu diesem kurzen Büchlein Zweitverwertungen sind. Der sehr kurze Einführungsbeitrag des niederländischen Atmosphärenphysikers Crutzen ist eine Übersetzung aus dem Jahr 2002, hat jedoch nichts an Aktualität verloren. Ohne ein „ökologisch nachhaltiges Management“ sei Klimapolitik nicht zu machen. Ansonsten stehen möglicherweise bald Geo-engineering-Projekte zur Verfügung wie das Abpumpen von CO2 in die Ozeane, die Einlagerung von CO2 in Gestein oder das Abfeuern von Aerosolen in die Atmosphäre zur Verringerung von einstrahlender Sonnenenergie. Die Risiken bleiben wie im gesamten Buch unterrepräsentiert. Vielmehr wird auf den knapp hundert Seiten ein feiner Überblick darüber gewährt, was auf dem Spiel steht und wo die Chancen zukünftiger Klimapolitik liegen. Vieles ist noch terra incognita.

Die Welt steht still, ein schöner Tag?

Die klassische, auf Emissionsreduktion gerichtete Klimapolitik ist gescheitert. Das ist Mike Davis´ Annahme in seinem Text „Wer wird die Arche bauen“. Ursächlich dafür sei die Asymmetrie zwischen  Verursachern und Betroffenen der Klimaerwärmung. Die Industrie- und Schwellenländer haben den größten CO2-Ausstoß, doch die spürbarsten Auswirkungen erleiden die Menschen in Entwicklungsländern  – sei es durch Umweltverschmutzung, Wassermangel oder Nahrungsknappheit. Pestizidreicher Getreideanbau für Biotreibstoff und Monokulturen  sowie die ungebremste Abholzung von Primärregenwald erledigen ihr übriges. In der Öffentlichkeit ist dabei ein Problem zu kurz gekommen: Verfehlte Stadtplanung. Die Großstädte und Mega-Cities dieser Welt sind verschwenderisch. Klimaanlagen, Heizungen und urbaner Verkehr sind ineffizient und benötigen viel zu viel Energie. Es sei Zeit, sich über moderne Stadtplanung Gedanken zu machen. Das Primat solle nicht die Mehrung individuellen Wohlstands und die Überwindung des Menschen via Fortschrittsprozessen ganz im Sinne Stanislaw Lem Golem sein, „dem die Menschheit letztendlich zum Opfer fallen wird“, sondern die demokratische Stadtplanung. Ausgedehnte Grünflächen, Orte der Ruhe und öffentlicher Verkehr sollten die Ankerpunkte städtischen Lebens werden. Utopisch-ökologische Projekte, die auf eine schonende kommunale Ressourcenverwendung setzen,  könnten den egalitären Aspekt der Stadtentwicklung fördern. Davis greift auf avantgardistische sowjetische Architekten des Konstruktivismus wie Konstantin Melnikow zurück, die Funktionalität und Design miteinander verbanden. Anstrengungen von Künstlern, Architekten in Zusammenarbeit mit den Bürgern erzeugten ein  entschleunigtes und demokratisches Stadtleben sowie eine stabile Wirtschaft ohne Wachstum. Anfänge gibt es bereits in kommunalen Governance-Konzepten innerhalb von Transition Town Movements.

Es wäre doch nur zu schön, würde die Welt einmal einen Augenblick stillstehen

Sogleich äußert der Fernsehphilosoph Peter Sloterdijk im letzten Aufsatz Kritik an Davis‘ „meteorologischem Sozialismus“. Neben der Selbsterhaltung sei gleichsam die Selbststeigerung Triebkraft unserer Zivilisation. Und wie schon Adorno und Horkheimer in ihrem berühmten Werk Die Dialektik der Aufklärung darlegten, vollziehen sich Fortschrittsprozesse nie ohne Widersprüche.

Sloterdijk feuert eine Metaphernkanonade ab. Bei Buckminster Fuller deckt er sich mit dem Begriff „Raumschiff Erde“ ein. Die Menschen müssen das Raumschiff intakt lassen, da es einen Notausgang nicht gibt, womit der Titel des Buches geklärt wäre. Des weiteren bezeichnet er die Erde als eine „nicht multiplizierbare Monade“. Dies sind auch die Gründe, weshalb es eine Grenze geben müsse. Wachstum lasse sich nicht unendlich steigern. Die Menschheit wird wohl weiterstreben, solange noch ein Wesen dieser Gattung lebt. Wohin sie aber driftet, das weiß selbst Sloterdijk nicht. Die Erde könnte ein „Hybridplanet“ werden, das Zeitalter des Humanismus wäre dann bloß eine kleine Episode in der langen Geschichte der Evolution. Oder es gelingt ihr, auch dies zieht Sloterdijk in Betracht, mit weniger Ressourceneinsatz mehr Wohlstand zu generieren. Vielleicht treten wir auch in eine friedliche Zeit mit erneuerbaren Energien ein und schonen unsere Erde, wer weiß das schon?

In Durban, um Durban und um Durban herum

Wagt man einen Ausblick über dieses Buch hinaus in Richtung der Klimakonferenz von Durban, so kommt beim Autor die leise Hoffnung auf: eine globale Klimapolitik mit einer Emissionsreduktion ist möglich! Zwar gab es in Durban nicht so viel Wirbel wie auf früheren Klimakonferenzen, außer über die Verlängerung dieser Konferenz. Doch die Vertragspartner haben sich darauf geeignet, bis 2015 ein verbindliches Vertragswesen zu etablieren, das letztlich 2020 in Kraft treten soll. Das berüchtigte Zwei-Grad-Ziel könne jedoch nur erreicht werden, wenn mit einer massiven Emissionsreduktion schon 2015 begonnen wird, so etwa der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Hans-Joachim Schellnhuber in vielen Interviews. Zudem wurde in Durban nicht deutlich wie Klimasünder zu bestrafen seien. Und selbst in Deutschland wird die Großindustrie teilweise von Steuern befreit, die den Energieverbrauch, und somit die CO-Emissionen reduzieren könnten. Große Unternehmen werden bisweilen von der Ökosteuer befreit und rückwirkend zum Januar 2011 sogar von der Zahlung der Netzentgelte ausgenommen. Dies erhöht möglicherweise kurzfristig die Wettbewerbsfähigkeit und sichert Arbeitsplätze – aber es setzt, ähnlich wie der Atomausstieg, die falschen Prioritäten, wenn es um eine langfristige Lösung geht, den CO-Ausstoß zu reduzieren. Und während des Schreibens erreicht den Autor der vorerst letzte Aufreger von Durban: Kanada steigt aus dem Kyoto-Protokoll aus. Abwarten und Tee trinken ist aber nicht! Als ob das Raumschiff einen Ausgang hätte. Wenn das so weitergeht, bleibt uns nur noch ein Flehen: „Scottie, beam me up!“

Paul Crutzen, Mike Davis, Michael D. Mastrandrea, Stephen H. Schneider und Peter Sloterdijk: „Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang.“ Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011, 113 Seiten.
ISBN: 978-3-518-06176-3 , 10,00 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Verlag und bei Rainer Lück/Creative Commons Lizenz.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Gegen Gegenaufklärung

Neuer Forschungsschritt hinkt auf der Stelle

Was ist Wachstum – und wenn ja, vie wiel?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.