Prussen, Preußen und der Alte Fritz

Rechtzeitig zum 500. Geburtstag des Herzogtums Preußen und zum 300. Geburtstag Friedrich des Großen sind zahlreiche Werke zu seiner Person und zur Geschichte Preußens erschienen. Einige ausgewählte Bücher werden hier vorstellt. Von Christoph Rohde

Preußen wird oft einseitig mit dem deutschen Militarismus assoziiert und negativ interpretiert, obwohl die Traditionen und gesellschaftlichen Errungenschaften des untergegangenen Reichs differenzierter zu bewerten sind. Wenig ist beispielsweise über das Urvolk, die Prussen, in einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Deshalb haben Gisela Graichen, Filmautorin unter anderem für das ZDF, und Matthias Gretzschel, Redakteur des Hamburger Abendblatts, diese Lücke in ihrem Werk Die Prussen – Der Untergang eines Volkes und sein preußisches Erbe ausgefüllt.

Wolfgang Burgdorf, Historiker an der Ludwig-Maximilans-Universität München, beschreibt die Persönlichkeit Friedrichs des Großen. Er porträtiert dessen zerrissene Persönlichkeit, wobei er in seiner Kurzbiographie Friedrich der Große: Ein biografisches Porträt zeigt, dass dessen militärischer Ehrgeiz vor allem aus einer destruktiven Beziehung zu seinem Vater zu erklären ist.

Eberhard Straub, Berliner Historiker und Wissenschaftsjournalist, hat eine Kleine Geschichte Preußens vorgelegt, die eher eine Laudatio darstellt als eine kritische Analyse. Dennoch bietet sie einen anspruchsvollen Überblick über Neuentwicklungen in der Preußen-Forschung.

Das zäheste Heidenvolk Europas

Der Name „Preußen“ geht auf seine Ureinwohner, die Prussen, zurück. Dieses heidnische Volk wehrte sich in Europa am längsten gegen die Christianisierung, wie Graichen und Gretzschel nachweisen. Einzelne Missionsversuche, wie durch den posthum heiliggesprochenen Bischof Adalbert von Prag, brachten keinen Erfolg, sondern lediglich das Martyrium. Am 23. April 997 wurde Adalbert an einem nicht bekannten Ort an der Ostsee, am Ufer des Frischen Haffs, bei dem Versuch, eine heidnische Kultstätte zu begehen, getötet.

Die Prussen waren zu stark in ihrer polytheistischen Götterkultur verankert, um sich oberflächlich bekehren zu lassen. Die Autoren schildern in kurzen Episoden, wie es den aus zahlreichen Stämmen bestehenden Prussen über Jahrhunderte gelang, durch einen ertragreichen, logistisch voraussetzungsreichen Bernsteinhandel mit den Wikingern auch gewaltsame Christianisierungsversuche abzuwehren. Erst, als der überlegen organisierte Deutsche Orden mit einer langfristigen Strategie gegen die Prussen vorging, war ihre Unabhängigkeit Geschichte.

Das Buch über die Prussen führt den Leser auf faszinierende Weise in die multinationale archäologische Forschung ein. Denn Russen, Litauer, Esten, Polen und Deutsche haben ihr gemeinsames Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte der Prussen institutionalisiert. Allerdings zeigen Graichen und Gretzschel auch, wie fatal sich die Weltkriege auf die archäologische Forschung ausgewirkt haben. Der Diebstahl des Bernsteinzimmers ist hierbei nur die spektakulärste Episode.

Friedrich der Große als unvollkommene Personifizierung Preußens

Die Reputation für seinen Militarismus hat Preußen vor allem Friedrich dem Großen zu verdanken. Denn dieser hatte mit seinem imperialistischen Einmarsch in Schlesien im Jahre 1756 gegen den Kodex internationalen Rechts verstoßen, indem er eine Gebietserweiterung auf Kosten eines anderen großen Akteurs, das Habsburger-Reich, durchgesetzt hatte. Wolfgang Burgdorf führt den Schlesien-Feldzug Friedrichs auf den Konflikt mit seinem Vater Friedrich Wilhelm I. zurück, der seinen Sohn verachtete – aufgrund seiner Homosexualität und seines künstlerischen Faibles. Friedrich versuchte, so zeigt der Autor, mit allen Mitteln, ein größerer Herrscher zu werden als sein Vater.

Mit dem Siebenjährigen Krieg entstand der ambivalente „Mythos Friedrich“. Verantwortlich für dessen Entstehung waren militärische Siege gegen numerisch überlegene Armeen, wie in der Schlacht von Leuthen. Friedrich hatte in dieser durch eine gezielte Ansprache, durch den erfolgreichen Einsatz der altrömischen „schiefen Schlachtordnung“ und durch das Singen des Chorals „Nun danket alle Gott“ nach dem Sieg weltweiten Ruhm geerntet.

Neben einer souveränen Darstellung bekannter Leistungen des Herrschers, Literaten und Komponisten Friedrich ragt die Analyse seiner psychischen Entwicklung  heraus. Friedrich reproduzierte die an seinem Vater so verhassten despotischen Eigenschaften und nutzte seinen Nachfolger, den Kronprinzen Friedrich Wilhelm III. – den er so lange wie möglich niederhielt –, sowie seine Untergebenen schonungslos aus. Der „Alte Fritz“ personifiziert den „Mythos Preußen“ zwischen Militarismus, kultureller Reife und rechtsstaatlicher Entwicklung in seinen unterschiedlichen Facetten. Das Buch bietet eine kompakte, gut lesbare Übersicht über das Leben Friedrichs des Großen.

Preußen – mehr als ein Militärstaat

Einen Parforceritt durch 500 Jahre preußischer Geschichte liefert Eberhard Straubs Kleine Geschichte Preußens  – auf weniger als 200 Seiten. Jens Bisky, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, weist in einem Vorwort auf die Renaissance der Preußen-Debatte nach der Wiedervereinigung hin. Dieses neue Preußen-Interesse war ereignisgetrieben: Berlin wurde wieder zur Hauptstadt Deutschlands und die Leichname Friedrichs des Großen und seines Vaters Friedrich Wilhelm I. wurden im Jahre 1991 endlich an dem von ihnen gewünschten Ort in Sanssouci begraben.

Alte Ängste vor einem „preußischen Deutschland“ erfuhren eine Renaissance. Die Dämonisierung Preußens als Urheber des deutsch-militaristischen Sonderwegs, von den Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorgenommen, hatte strategische Bedeutung. Denn die neu entstandene Bundesrepublik wurde als Alliierter gegen die Sowjetunion gebraucht. Die negativen deutschen Eigenschaften konnten auf den 1947 beerdigten Staat Preußen abgewälzt werden, argumentiert Straub. Der Autor versucht, dieses Bild vom militaristischen Preußen zu ersetzen durch eine Vorstellung eines Preußens als „klassischer Staat der Aufklärung und der Modernisierungsprogramme“. Er zeigt, dass die Errungenschaften von Rechtsstaat, Wehrpflicht und einem elaborierten Bildungswesen die Ausprägung eines oftmals unterstellten Untertanengeistes verhindert hätten.

Straub schreibt wie ein Preußen-Nostalgiker, der die Vorzüge Preußens ausschmückt, negative Facetten des Gemeinwesens jedoch zu kurz geraten lässt, wie zum Beispiel die Periode um die Schlesischen Kriege. Straubs kurze Geschichte lässt sich wie ein Plädoyer für ein Staatswesen lesen, das auf institutionellen, nicht-ethnischen Pfeilern und einer zivilen Tugend, einer an Hegel erinnernden Sittlichkeit, beruht. Diese Staatsauffassung sei den „Reichsromantikern“ des Nationalsozialismus aufgrund ihrer hohen Rationalität gerade ein Dorn im Auge gewesen.

Das übersichtliche, flüssig geschriebene Buch gewinnt durch Landkarten zur sich entwickelnden Geographie Preußens an didaktischem Wert. Trotz der milden Subjektivität in der Evaluierung wird der Anspruch, viel auf geringem Raum zu vermitteln, voll und ganz eingelöst.

Diese drei Werke sind mehr als die obligatorischen Jubiläumsveröffentlichungen zum Thema Preußen. Sie zeigen, dass der untergegangene Staat in der Geschichtsschreibung mehr sein sollte als ein Schimpfwort.

Graichen, Gisela /Gretzschel, Matthias: „Die Prussen. Der Untergang eines Volkes und sein Erbe.“
Scherz Verlag, Frankfurt am Main, 2010, 239 Seiten
ISBN 978-3502151722, 19,95 Euro

Burgdorf, Wolfgang: „Friedrich der Große: Ein biografisches Porträt.“
Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 2011, 224 Seiten
ISBN 978-3451063282, 12,95 Euro

Straub, Eberhard: „Eine kleine Geschichte Preußens.“
Klett-Cotta, Stuttgart, 2011, 192 Seiten
ISBN 978-3608947007, 16,95 Euro


Die Bildrechte liegen bei David Liuzzo (Wappen), den Verlagen (Buchcover), Gisela Graichen (ihr Portrait), Wolfgang Burgdorf (sein Portrait) und Klett-Cotta (Portrait Straub).


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