Pro und Contra: Anhebung des Rentenalters

Ab nächstem Jahr wird das Renteneintrittsalter stufenweise auf 67 Jahre erhöht. So hat es die Große Koalition 2006 beschlossen. Seitdem gibt es kontroverse Debatten um die Notwendigkeit und die Zumutbarkeit dieser Maßnahme. In unserem Artikel finden Sie Argumente für beiden Seiten. Von Constanze Schultze und Norman Kirsten

Die Zahlung der staatlichen Rente ist seit jeher ein Reizthema. Sie basiert auf einem System, bei dem die arbeitende Generation die Beiträge für die gesetzliche Rentenversicherung zahlt. Aus diesem Topf werden wiederum die aktuellen Renten entnommen. Als Lohnersatz soll die Rente älteren Menschen eine ausreichende Lebensgrundlage bieten. Voraussetzung dafür ist vor allem das Erreichen einer bestimmten Altersgrenze.

Um diese drehte sich in der Vergangenheit allerdings eine nicht enden wollende Debatte. 2006 wurde eine stufenweise Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre beschlossen, die nächstes Jahr beginnt. Jüngst haben die fünf Wirtschaftsweisen kürzlich sogar eine weitere stufenweise Erhöhung des Rentenalters gefordert.

Wir möchten uns heute dieses Themas annehmen und die Vor- und Nachteile der Anhebung des Rentenalters diskutieren.

Pro:

Die Anhebung des Rentenalters ist unpopulär, aber alternativlos. Wenn das System der staatlichen Rentenzahlungen aufrecht erhalten werden soll, dann müssen Einschnitte in Kauf genommen werden. Dazu gehören neben der privaten Vorsorge auch eine verlängerte Arbeitszeit beziehungsweise ein späteres Erreichen des Rentenalters.

Die Lebenserwartung der Menschen steigt ständig. Das heißt einerseits, dass alte Menschen viel länger leistungs- und arbeitsfähig sind. Andererseits wird dadurch die Bezugsdauer von Rentenzahlungen immer länger. Lag der durchschnittliche Rentenbezug in der BRD 1960 noch bei knapp zehn Jahren, war er 1980 schon bei zwölf Jahren und ist heute bei über 17 Jahren angelangt. Die einzig adäquate Lösung, um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, ist es, das Renteneintrittsalter zu erhöhen.

Hinzu kommt, dass die Geburtenzahlen bereits seit Jahrzehnten zurückgehen. Seit der Einführung der Anti-Baby-Pille in den 1960er Jahren kommen immer weniger Kinder zur Welt (Pillenknick). Der Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft wächst dagegen. Immer weniger junge Menschen müssen die Renten der „Baby-Boomer-Generation“ aus den 1950er Jahren finanzieren. 2050 wird jede dritte Person in Deutschland 60 Jahre oder älter sein.

Eine schrittweise Anpassung des Rentenalters wird auch in Zukunft notwendig sein, um die Beitragsbelastung von Beschäftigten und Betrieben in einem vernünftigen Rahmen zu halten. Außerdem wird es so auch möglich sein, Renten zu erhöhen und sie an Preissteigerungen oder die Inflation anzupassen.

Der hohe Schuldenstand zwingt uns dazu, das Rentensystem nachhaltig zu bewirtschaften. Für die Zahlung der Renten dürfen keine Kredite aufgenommen oder Gelder aus anderen Bereichen abgezweigt werden. Eine Anpassung der Altersgrenze ist dafür das einfachste und auch wirkungsvollste Mittel. Wer trotzdem gerne eher in Rente gehen möchte, kann dies ohne Probleme tun. In diesem Fall müsste er allerdings einen entsprechenden Abschlag auf seine Alterszahlungen in Kauf nehmen.

Contra:

Den Arbeitnehmern wird immer mehr abverlangt: Mobilität, ständige Erreichbarkeit, Flexibilität, vor allem, was die Löhne angeht. Mit der bereits beschlossenen Rente ab 67 werden ihnen zudem zwei Jahre mehr Arbeit aufgebürdet. Dadurch wird ein grundlegender Aspekt des Arbeitsnehmerschutzes ausgehebelt: Sich darauf verlassen zu können, dass ein Leben voller Arbeit etwas wert und die Rente sicher ist. Das neue neoliberale Mantra dagegen heißt: Arbeiten bis zum Umfallen.

Als wäre das nicht schon genug, raten die sogenannten Wirtschaftsweisen nun dazu, das Renteneintrittsalter zwischen den Jahren 2045 und 2060 nochmals auf 68 und 69 Jahre zu erhöhen. Das kann nur jemand vorschlagen, der jeden Tag in einem komfortablen Büro sitzt. Wie soll ein Bauarbeiter mit fast 70 Jahren Zementsäcke, eine Verkäuferin schwere Warenkartons schleppen? Solche Arbeitnehmer gehen heute schon mit durchschnittlich 61,5 Jahren in Rente. Eine weitere Anhebung des Rentenalters würde ökonomisch also nur auf eine Rentenkürzung hinauslaufen, da diese Menschen so noch insgesamt vier Jahre länger als heute mit Arbeitslosengeld abgespeist werden können.

Schon heute befindet sich nur jeder zehnte Arbeitnehmer über 64 in einem versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis. Wenn man eine Erhöhung des Renteneintrittsalters vorschlägt, müssen komplementär realistische Vorschläge unterbreitet werden, wie die Jobsituation älterer Beschäftigter verbessert werden kann.

Als Alternative könnte der Staat sich bemühen, mehr Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wodurch dem zukünftigen Arbeitnehmerschwund entgegengewirkt werden könnte. Dazu sind viele politische Maßnahmen denkbar: Werden die Kinderbetreuungsmöglichkeiten ausgebaut, gehen mehr Mütter arbeiten. Werden die akademischen Abschlüsse von Einwanderern leichter anerkannt, können auch diese zu qualifizierten Fachkräften werden. Eine generelle Öffnung der Grenzen Deutschlands und Europas für internationale Arbeitskräfte ist auch in diesem Sinne wünschenswert. Das dreigliedrige Schulsystem muss abgeschafft werden, um allen Jugendlichen eine Chance zu geben und die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss zu verringern.

Eine Anhebung des Rentenalters ist also keineswegs alternativlos, wie gerne suggeriert wird. Flexible Lösungen in dieser Frage sind denkbar, eine dermaßen hohe einheitliche Altersgrenze ist jedoch abzulehnen.


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11 Kommentare auf “Pro und Contra: Anhebung des Rentenalters

  1. Es gibt für jedes Thema PROS und CONTRAS. Das heißt aber lange nicht das es in Ordnung ist. Menschen haben ihre verdiente Ruhe verdient. Lasst sie in >ruh!!!!!

  2. Das kann echt nicht wahr sein, woraus besteht das Leben? NUR aus Arbeit?? Dein Lebenlang arbeitest du, nicht mal auf die Rente kann man sich freuen, weil man Angst hat, diese garnicht zu erleben!!!. Wieviel Geld macht jeder Mensch der sein Lebenlang arbeitet?? Und am Ende hast du nur noch ein paar Jährchen um ein bisschen zu „Leben“ !!!Wunderbare Welt!!!! Und nur wir Menschen sind schuld, wir tun uns das alles selber an!!!! Allein bis 65 Arbeiten ne jetzt bis 67, Wow auf die Jahre kann man sich richtig freuen!

  3. Ich denke jeder sollte sich die Arbeit so gestallten die er/sie weiter bringt. Sollte man eine Arbeit finden die eine Richtung Einschlägt die eine Erfüllung von einem Ziel zur Folge hat, darf und soll länger gearbeitet werden. Menschen die Zielorientiert leben beschränken sich nicht aufs Alter, nein viel mehr auf das Erreichen der eigenen Inspirationen. Der Job kann gewechselt werden, Ausbildungen können von jedem Stand und Kenntnissen neu und ungehindert absolviert werden. Somit kann man sich den Traumjob zuschneiden, sollten die Interessen nun im Gleichgewicht zur Arbeit stehen, kann in eine erfreute Zukunft geschaut werden.
    Früher war die Arbeit mit Pfeil und Bogen seine Familie zu ernähren, da fragte auch niemand nach dem alter.

  4. Ich finde die Rente mit 70 ok, wenn die Arbeitgeber verpflichtet werden, bis 70 zu beschäftigen.

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