Platt, platter, Plakat

Die Wahlkampagnen der Berliner Parteien sind an Ideenlosigkeit nicht zu überbieten. Ein Fahrradfahrer und Opfer von Werbeagenturen berichtet von seinen täglichen Impressionen von Berliner Straßen im Wahlkampfgefecht, in das nur brennende Autos etwas Feuer brachten. Ein Kommentar von Markus Rackow

Es gibt auch undankbare Aufgaben für den im Grunde bequemen Job eines freien Journalisten. Dazu gehört es etwa, einen Kommentar über den Berliner Wahlkampf zu schreiben. Der Berliner Wahlkampf zum Abgeordnetenhaus und den Bezirksverordnetenversammlungen 2011 ist derart nichts sagend und oberflächlich, dass es schwer fällt, einen Artikel gleicher Art zu schreiben. Die Berliner Politik präsentiert sich wie ein Zirkus, bei dem der Clown und Partylöwe den Ton angibt, aber die Tiger verscheucht und die  Elefanten verärgert hat. Nur eine leutselige Fraktion an Zuschauern bleibt sitzen und guckt sich das komische Trauerspiel des alternden Clowns an.

Einen solchen Artikel zu verfassen muss man sich so vorstellen, wie der Absturz des Computers, während man die letzte Zeile einer langen E-Mail schreibt. Man ärgert sich jeden Tag beim Vorbeiradeln über die Plakatierung, und soll diese ewig gleichen Ressentiments dann auch noch zu Papier bringen. Ist das zynische Motzen über die inhaltsleeren Phrasen und lakonischen Werbetrikola nicht so ausgelutscht wie diese selbst? An sich schon, aber in Berlin überbieten sich die Parteien diesmal selbst. Sogar als halbwegs informierter Beobachter ist man angesichts der Kontroversenarmut ratlos.

Meisterstücke der Werbeagenturen

Die Schwarz-Weiß-Fotografien des Regierenden und seines Möchtegern-Herausforderers von der CDU stehen sinnbildlich für die Blässe dieses Wahlkampfes, und die wiederum für die erstaunliche Farblosigkeit Berliner Politik. Berlin, Hauptstadt der Probleme, sollte man meinen: der Perspektivlosigkeit vieler und narzisstischer Workaholics mancher, trinkender Touristenhorden und rebellierender Anwohner, dümpelnder Wirtschaft und Arbeitslosigkeit, brennender Autos und fragwürdiger Bauprojekte (Schloss, A100). Aber offenbar ist die Politik wenigstens in ihrer Außendarstellung den Dingen ein wenig entrückt – besonders der Chef im durch und durch Roten Rathaus. So können CDU- und FDP-Plakate in Wedding genauso wenig provozieren wie Linke-Plakate in der Gentrifizierungshochburg Rummelsburg.

Die gelbe, eintönige Farbgebung der FDP-Plakate bietet sich besonders für Kommentare an, aber die aufgedruckten Frage-Antwort-Witzeleien sind derart hohl, plump oder unverständlich, dass sie für sich selbst sprechen: Auf politische Fragen werden unpolitische Antworten gegeben oder auf die Frage, ob die Liberalen die Partei der Arbeiter oder Besserverdiener sei in einem bemerkenswerten Anfall von Zynismus geantwortet: „Wir wollen, dass man mit Arbeit besser verdient.“ Richtig ist daran, dass die FDP niemandes Partei mehr zu sein scheint. Dafür ergreift sie Partei für die armen Pariser, in deren Stadt Berliner Croissants statt Schrippen als „schöne Geste“ bestellen sollen. Und da man keine Einheitsliga im Fußball will, wird da verkündet, will man keine Gesamtschule. Anders bei der SPD, deren Werbeagentur bemüht scheint, Fotos mit möglichst vielen, wirren Schattierungen abzudrucken, um auf den Wowereit-Pseudopolaroiden die beschreibbare Angriffsfläche so niedrig wie möglich zu halten – und auch auf eigenen Text gänzlich zu verzichten. So schützt man Plakate effektiv vor Schmierfinken und nicht nur vor unerwünschten Inhalten, sondern vor jedweden.

Es geht immer noch einen Zacken fader

Überhaupt ist es ein Wunder, dass mit dem Näherrücken des Wahltags die ohnehin schon vom Material her platten Pappplakate noch inhaltsärmer werden, als sie es zu Beginn schon waren. Die Dimensionen der Inhaltsarmut, die man dem Publikum zumuten kann, werden gesprengt von der SPD, die nur noch mit Logo und Porträt von „Wowi“ wirbt. Manche verstehen das als Einladung, wie ein Malen-nach-Zahlen und setzen auf Wowereits Wesselmannstirn die gehaltvolle Botschaft „reich, aber unsexy“ bei – was kaum frecher ist als Wowereits taktloses „arm, aber sexy“.  Die Werbeprofis der Grünen haben Renate Künast, die an sich ja natürlich rüberkommt, mit Photoshop zu einer Wachsfigur verzerrt. „Berlin gewinnt“ ist zu lesen – wenn die Grünen schon nicht, dann wenigstens die Stadt. Aber mit wem? Frank Henkel wirbt schlecht rasiert nun in Farbe – ein klarer Kontrast zur SPD, die auf der Höhe der Zeit bei Schwarz-Weiß bleibt – mit dem Motto: „Damit sich was ändert.“ Na gut, dann kann man auch der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) seine Stimme geben – da würde sich sicher „was“ ändern, auch wenn die Partei mal wieder Marx und Engels als Werbeträger heranzieht. Aber immerhin zeigt sich Frank Henkel dem schaulustigen Volk: Auf einem anderen CDU-Plakat wirbt ein Kandidat mit seinem Namen und der Oberbaumbrücke. Warum? Will er sie abreißen? Kann man ihn dort treffen?

Es sind wie immer die kleinen Parteien, die auf kleinen Plakaten viel Text unterbringen oder einem Respekt abnötigen, wenn die Nationaldemokratische Partei (NPD) tatsächlich immer in die Baumkronen der Straßenlaternen ihre Plakate anbindet. Rekordhalter ist die Partei für Soziale Gleichheit (PSG), die auf ihre Werbetäfelchen das ganze Programm sehr leserfreundlich komprimiert abdruckt.  Mit Bundesthemen wie Grundeinkommen und Ablehnung von Kriegseinsätzen gestalten sich die Parolen sehr berlinspezifisch. Seit die Grünen wiederum eine realistische Chance auf den Sessel des Regierenden hatten, haben sie sich in weiten Teilen von thematischen Aussagen verabschiedet. „Renate arbeitet“ – das können viele Berliner nicht von sich behaupten, aber es ist schön, das über Frau Künast zu wissen.

Ein doppelbödiger PR-Trick?

Aber das Virus hat auch manch kleine Partei befallen. Die DKP wirbt wie in jedem Wahlkampf mit ihren Krisenberatern Marx und Engels – und da immer zyklisch Krise ist, muss man da das Rad auch nicht neu erfinden. Das Bündnis für Innovation & Gerechtigkeit (BIG), das vor allem Berliner mit Migrationshintergrund anspricht –sogar bilingual (türkisch, nicht englisch) – hat das Konterfei von Herrn Sarrazin verunstaltet und „SPD schafft sich ab“ darunter gesetzt, womit auf den Bestseller des einstigen Finanzsenators angespielt wird. Nur: Wieso stört das die BIG?

Auf dem Weg zur Arbeit lächeln sie einen wieder an, die Kandidatinnen und Kandidaten. Man lächelt zurück, und erwartet um die nächste Ecke schon Frau Soundso und Herrn Schießmichtot. Aber dann die Überraschung: Eine neue Partei? Man soll am 25. September den Parktstreifen frei halten für den Berlin Marathon. Keine neue Partei also, aber immerhin mal eine klare Botschaft. Während ich mich auf dem Fahrrad gegen den scharfen Berliner Gegenwind stemme und mir entgegen der FDP-Polemiken Tempo 30 für mein Rad und die Autofahrer wünsche, geht mir ein Licht auf: Die Parteien wollen provozieren und nicht zu viel verraten, damit sich der Wähler die Programme durchlesen muss. Die bräsigen, Hartz-IV-verwöhnten Wähler sollen sich so für dumm verkauft vorkommen, dass sie nach Sinn und Verstand in dieser großen Castingshow suchen. In ein paar Tagen ist endlich Sonntag und dann immerhin noch ein paar Stunden Zeit, sich über die 18 stadtweit antretenden Parteien zu informieren, wo sie es selbst schon nicht zu tun gewillt sind.


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Ein Kommentar auf “Platt, platter, Plakat

  1. DIE LINKE hat verloren und das ist gut. Die Partei darf nicht kollaborieren mit kapitalistischen Parteien wie die SPD. DIE LINKE hat seit dem Regierungseintritt ihres Vorgängers PDS in 2002, mehr als die Hälfte ihrer Stimmen (ca. 195 000) verloren. Für die Beteiligung an der Politik des Sozialabbaus wurde sie damit deutlich ab gestraft.

    Ich kann sehr gut versehene warum man nicht DIE LINKE gewählt hat. Was ist der unterschied Zwischen SPD und DIE LINKE? Beide Parteien haben die Politik des Sozialabbaus unterstützest.

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