Opportunist und Stardiplomat

Die Biographie des als Konformist par excellence geltenden französischen Diplomaten Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord zeigt eindrucksvoll auf, dass sich eine egoistische Motivation und eine weitsichtige Europapolitik nicht ausschließen. Von Christoph Rohde

Der Name Talleyrand wird oft in einem Atemzug mit den Namen Machiavelli, Cavour oder Bismarck genannt. Dies soll darauf verweisen, dass für ihn der Zweck jedes politische Mittel geheiligt habe. Dass die Person Talleyrands differenzierter zu bewerten ist, zeigt nun der Frankreich-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung Johannes Willms in seiner Biographie Talleyrand – Virtuose der Macht 1754-1838. Die Biographie schildert nicht nur die Persönlichkeit des langjährigen französischen Außenministers Talleyrand, sondern stellt auch die geschichtliche Epoche von der französischen Revolution bis zum Wiener Kongress anschaulich dar.

Gespieltes Selbstmitleid und strategische Karriereförderung

Talleyrand erlernte schon früh Strategien, um seine Ziele bestmöglich zu erreichen. Er entwarf die Geschichte einer liebes-kalten Kindheit, die ihm Nachsicht bei bestimmten opportunistischen Maßnahmen in seiner Karriere bescheren sollten. Dazu sah sich der Aristokrat durch eine Fußverkrüppelung eingeschränkt, die so stark jedoch nicht war. Allerdings behauptete Talleyrand, seine Eltern hätten ihn aufgrund seines Handicaps in die von ihm dann eingeschlagene Priesterlaufbahn gezwungen. Willms zeigt, dass Talleyrand wusste, dass eine geistliche Position die Tür auch für politische Ziele öffnen konnte. Und die geistlichen Exerzitien halfen Talleyrand, ein Maß an Selbstdisziplin zu erlangen, das es ihm ermöglichte, „mit anderen Menschen sein Spiel zu spielen als seien es Maschinen“.

Die Wende während der französischen Revolution

Talleyrand setzte sich während der französischen Revolution vom Klerus ab und unterstützte die Revolutionäre. Im post-revolutionären Chaos erkannte er, wie Willms eindrucksvoll belegt, in Napoleon den starken Mann, den er verehrte und bei dem er sich gehörig einschleimte. In einem Brief schreibt er: „Gestatten Sie mir, Ihnen erneut zu sagen, dass ich Sie liebe.“ An anderer Stelle heißt es: „Ich bin einfach nicht ich selber, sobald ich fern von Ihnen bin.“ Als Außenminister wurde Talleyrand von Napoleon jedoch nur wie ein Statist behandelt. Aber nicht nur deswegen, so zeigt der Biograph, wandte sich der Diplomat schließlich vom zunehmend an Größenwahn leidenden Napoleon ab.

Gegen Napoleon – für Europa

Talleyrand wird in der Geschichtsschreibung gewöhnlich als Stardiplomat gefeiert, dem es gelang, die Interessen des Kriegsverlierers Frankreich in maximaler Weise durchzusetzen. Doch dieses Bild ist zu einseitig, findet Willms. Die Siegermächte England, Österreich und Preußen hatten bereits unter Fürst Metternichs Führung geplant, Frankreich als Gleichgewichtsmacht gegen Russland in einem fünfpoligen System von Großmächten zu installieren. Willms hält Talleyrands scheinbar herausragende Verhandlungsrolle beim Wiener Kongress für einen selbst inszenierten Mythos. Die eigentliche Leistung Talleyrands sei die Formulierung einer dezidiert anti-imperialistischen Doktrin gewesen, die den Grundstein seiner Vision einer europäischen Friedensordnung gebildet habe. Das Bild eines ausschließlich opportunistischen Realpolitikers bestätigt Willms nicht. Denn in zahlreichen Fällen gingen politische Klugheit und Konformismus Hand in Hand. Im privaten Bereich allerdings ließ der Diplomat in Sachen Frauen und Vermögen nichts anbrennen, wie Willms anhand teilweise recht humorvoller Anekdoten nachweist.

Keine Neuigkeiten, aber eine neue Bewertung

Diese Biographie entmystifiziert die Figur des Protagonisten, ohne stereotype Urteile zu fällen. Das differenzierte Urteil gelingt, indem Willms historische Brüche der Zeit und Talleyrands Antworten auf diese parallel darstellt, was für den Leser von heuristischem Wert ist. Der Opportunismus Talleyrands lässt sich in einigen Fällen auch als besonnenes historisches Urteil interpretieren. Insgesamt kann diese Biographie dem historisch interessierten Publikum aufgrund seines flüssigen Schreibstils und des Aufzeigens großer historischer Linien wärmstens empfohlen werden.

Willms, Johannes: „Talleyrand – Virtuose der Macht 1754-1838“
C.H.Beck, München, 2011, 384 Seiten
ISBN 978-3-406-62145-1, 26,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover).


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