Oase spanischer Empörung

Das Hotel Madrid stand jahrelang leer. Doch seit einem Monat ist wieder Leben in der Bude. Das Gebäude ist besetzt von „Empörten“ und damit Teil der „15-M“-Protestbewegung, die in Spanien nunmehr seit sechs Monaten aktiv ist. Abseits von Parlamentswahlen und Euro-Rettung, soll hier eine prekäre andere Welt entstehen. Von Nona Schulte-Römer

Auf dem Gehweg bildet sich ein kleiner Stau. Wenige hundert Meter von der Puerta del Sol im Zentrum von Madrid bleiben Passanten stehen, um zu schauen. Bunte Banner zieren eine leicht heruntergekommene Fassade mit reichem Architekturdekor, das auf bessere Tage schließen lässt. Ein in die Straße ragendes Hotelschild aus gelben Großbuchstaben und die gold gerahmte Eingangstür wirken seltsam deplaziert. „Vom Hotel mit freiem Buffet zum freien Hotel“ und „Besetze um zu gestalten!“, so lautet jetzt die Parole. Ein anderes Schild heißt Besucher in tanzenden Lettern willkommen und bittet herein in eine „andere Welt“.

Willkommen im Hotel Madrid

Wer sich hineintraut, wird freundlich empfangen. Die Rezeption ist besetzt. Hinter einer Glasscheibe sitzt Juan, Anfang zwanzig, in T-Shirt, mit Dreitagebart, und grinst. Über ihm baumelt eine farbige Lichterkette, vor ihm liegen Unterschriftenlisten bereit – für solche Besucher, die zwar nicht einchecken wollen, das Projekt „besetztes soziales Zentrum“ aber unterstützen. Die Wände sind leicht vergilbt und mit handgeschriebenen Erklärungen tapeziert. Neben den Eingangsstufen lehnen zwei Mountainbikes und geben der Lobby-Standardsituation den Rest.

Dennoch, ein Chaos sieht anders aus. Die „Okupas“ sind gut organisiert, der Empfang läuft wohlgeordnet ab. Eine Tafel erläutert die Öffnungszeiten und „keine Fotos!“, erklärt Juan sehr entschieden. Schließlich bewegt man sich hier im rechtsfreien Raum und die unkontrollierbare Verbreitung von Touristenfotos im Internet stellt eine persönliche Bedrohung für all jene dar, die seit dem 15. Oktober 2011 zwischen alten Nachttischlampen und Blumengardinen an ihrer Vision bauen.

Die Besetzungsaktion steht im Kontext der internationalen Occupy-Bewegung und der spanischen 15-M Bewegung. Letztere ist nach ihrem Auftakt am 15. Mai 2011 benannt – die spanische Antwort auf den Arabischen Frühling. Gefordert wird nicht weniger als „echte Demokratie jetzt!“.

Occupy Madrid mit „K“

In der Zeitungsberichterstattung über das Ereignis ist von „okupas“ und „indignados“ zu lesen. „Ocupar“ bedeutet sowohl „besetzen“ als auch „bewohnen“. Die Schreibweise mit „K“ ist dagegen eindeutig und verweist auf den politischen Kontext der Einzugsaktion.

Die Besatzer, das sind die „Indignados, die „Empörten“. Die Selbstbezeichnung der 15-M-Protestierenden ist eine Hommage an den ehemaligen französischen Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel und seinen Aufruf „Empört euch!“ Nun sitzen sie ganz unbewegt und lässig auf den Fenstersimsen im ersten Stock des Hotels und erwidern die neugierigen Blicke von der Straße.

So mancher Passant ist skeptisch. Zwar finden die 15-M-Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und mehr Demokratie, nach Reformen des Banken- und Wahlsystems Zustimmung. Doch der Aufruhr im Zentrum der Hauptstadt ist vielen nicht geheuer. „Wer kann denn jetzt noch für Sicherheit sorgen?“, gibt ein Mann zu bedenken, der um die Ecke als Portier in einem echten Hotel arbeitet. Offenbar hält er die selbsternannten „Befreier“ des Madrids für Wegelagerer.

Mehr Wassereimer als Bierdosen

„Ich finde die Besetzung gut. Wir Spanier können uns keine Wohnungen mehr leisten“, erklärt sich eine junge Frau solidarisch. Doch sie äußert auch Vorbehalte: Im Hotel würden jetzt ständig Partys gefeiert. Da sei sie nicht dabei, denn die Veranstalter seien „etwas beängstigend“. Sie tränken zu viel Alkohol.

Die Partystimmung scheint inzwischen verflogen und einer arbeitsamen Aufbruchsstimmung gewichen: „Todos somos companeros, todos limpiamos gracias“ – wer gemeinsam kämpft, macht auch gemeinsam sauber. Die fünf Etagen sollen in autonome soziale Einrichtungen umfunktioniert werden. Auch Arbeitslose, die ihre mit Hypotheken belasteten Häuser verloren haben, sollen hier Unterschlupf finden. Doch bis dahin ist viel zu tun. Der purpurrote Teppichboden ist abgewetzt. In den Decken im zweiten Stock klaffen Löcher, in den ehemaligen Hotelzimmern sind die Nachttischlampen und Steckdosen aus den Wänden gerissen. Politisch ist, wer anpackt. Zwei Frauen schleppen Wassereimer von der Straße die Treppe herauf, zu den Sanitäranlagen.

Politische Toilettengänge

Die Elektrizitätsversorgung funktioniert, doch das Wasser ist abgestellt. In den Toiletten steht einer der Revolutionäre im Che-Guevara-Look und putzt. Doch die Wasserversorgung des Hauses sieht er völlig unproblematisch: „Viel schwieriger ist es, eine Regierung zu stürzen!“ Außerdem würden Menschen in anderen Teilen der Welt kilometerweit mit schweren Eimern laufen.

Tatsächlich haben Toiletten in Spanien eine politische Bedeutung. Eine zentrale Forderung der Bürgerbewegung ist die Reform des Wahlsystems, das vielen Wählern den Eindruck vermittelt, sie könnten ihre Stimmzettel ebenso gut ins Klo wie in die Urne werfen. Nach dem spanischen Stimmverteilungsmodell haben kleinere landesweite Parteien kaum eine Chance auf Parlamentssitze. Begünstigt werden dadurch die beiden großen Parteien, die derzeit noch regierenden Sozialisten (PSOP) und die konservative Volkspartei (PP).

„Tausende gehen für diese Reform auf die Straße“, erklärt Luis. Der junge Mann in Sportjacke und Jeans kämpft schon seit Beginn der Bewegung vor sechs Monaten für den Systemwandel und ist jetzt im Kommunikationsteam des „befreiten“ Hotels Madrid aktiv. Im Flur unterhält er sich mit Dolores, einer älteren Dame.

Bankenkrise der Familien

Die Kleinunternehmerin wirkt mit rosa Strickjacke, Bluse und Perlen optisch zwar fehl am Platz, doch innerlich brodelt auch sie: „Täglich werden 200 Personen aus ihren Häusern vertrieben, weil sie die Hypotheken auf ihr Haus nicht mehr bedienen können.“

Selbst ganze Familien ohne Einkommen erhielten monatlich gerade einmal 400 Euro vom Staat, schimpft Dolores. Dabei gibt es für Arbeitslose weder vergünstigte Metrotickets noch kostenlose Kinderbetreuung. Es sei ein Glück, dass man sich in Spanien in Notsituationen noch auf die Familie verlassen und mit Kind und Kegel zu den Eltern zurückziehen könne. Dennoch habe sich das Bild in den Suppenküchen völlig verändert: Wo früher Obdachlose ihre Mittagsmahlzeit einnahmen, säßen jetzt Familien an der Armentafel. Luis stimmt zu: „Die Banken werden gerettet, die Familien sind die Dummen.“

Welche andere Welt?

Der Besitzer des Hotels hat Tage nach der Besetzung Anzeige erstattet. Solange aber kein Räumungsbefehl vorliegt, wird die Polizei nicht eingreifen. Das könnte dauern, denn die Immobilienfirma Monteverde hat nicht nur Insolvenz angemeldet. Sie scheint auch in Korruption und Vetternwirtschaft verwickelt zu sein, was die Besetzerlaune schürt.

Auch die Zeichen der Zeit sprechen gegen den Luxusimmobilieninvestor: Am 20. November finden in Spanien vorgezogene Parlamentswahlen statt. Die regierenden Sozialisten gelten als abgeschlagen. Ein Sieg der Konservativen und der Regierungswechsel sind absehbar – die Entspannung der wirtschaftlichen Lage dagegen nicht. Die Arbeitslosigkeit in Spanien liegt bei über 20 Prozent, die Obdachlosigkeit wächst und das Hotel steht seit Jahren leer.

Während die europäischen Regierungschefs im Wechselwind der Finanzmärkte weiter an der Euro-Rettung arbeiten, hat sich im Hotel Madrid ein prekärer Alltag mit täglichen Versammlungen, Besucherführungen und Wassereimern eingestellt. „Hier geht es nicht um die Besetzung eines Gebäudes“, erklärt Juan an der Rezeption. Sein Ziel ist der weltweite Systemwechsel. Dabei könnte die Gruppe von etwa fünfzig Empörten und Engagierten durchaus noch weitere Unterstützung gebrauchen – nicht nur für die Weltrevolution, sondern schon allein für ihr autonomes Projekt. „Dies ist ein Hotel mit tausend Sternen“, steht auf einem Schild über dem Ausgang. „Du! Bleib und leiste Widerstand“, sind die letzten Worte, die Besucher lesen, bevor sie ins rege Treiben der spanischen Hauptstadt zurückfinden.


Weiterführende Links:

Das Hotel Madrid online, auf Facebook und Twitter

Das offizielle YouTube-Video des Hotels Madrid

El país über die Mai-Demonstrationen und 15-M


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

In Zweierreihen zum Aufstand

Nachhaltig gestörtes Systemvertrauen

Angekommen im Zwei-Klassen-Hartz-IV

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.