Mission not accomplished

Das Jahr 2011 könnte jenes der drittklassigen Seebestattungen werden: Erst Knut, dann er. Osama Bin Ladens rückstandslose und eher unislamische Beseitigung im Pazifik schlug hohe Wellen. Und spülte mithin theologisch interessante Fragen an Land; etwa jene, ob die verheißenen Jungfrauen auch zu Seejungfrauen werden.

Dies dürfte die Vollstrecker aus Gods own Country kaum rühren. Die Amis haben mit ihm kurzen Prozess gemacht. Für einige sollte es gar ein kurzer Popcorn-Schau-Prozess werden, auch wenn die Wackelkameras und technischen Aussetzer nicht alles aus Pakistan an die Spitze der US-Administration sandten. Hillary war am TV entsetzt, was Außenpolitik konkret bedeuten kann. Gewaltige Spannung! Als dann die tödliche Kugel eingelocht war, führte dies zum Jubel in Teilen der „westlichen Welt“ und auch viele Deutsche reckten die Arme gen Himmel. Angela Merkel brachte in bekannt ungebändigter Weise ihre Freude über die Exekution zum Ausdruck. Wer moserte angesichts der ungezwungenen Freude der Kanzlerin? Vertreter der Kirche. Ein echter Christ dürfe sich nicht über den Tod eines Menschen freuen. Das ist exemplarisch für den Zwiespalt, in dem sich die Kirche befindet. Während es alttestamentarisch und übrigens auch nach der Scharia für schlichte Gemüter verständlich zur Sache ging, nämlich Aug’ um Aug’ und Zahn um Zahn, kämpft das moderne Christentum gegen den verbliebenen Wurmfortsatz des archaischen Gerechtigkeitssinns, der da lautet: „Wie du mir, so ich dir!“ Man könnte die Erschießung ja auch als Gnadenakt interpretieren: Guantánamo ist Bin Laden erspart geblieben.

Diese Tat, so Mahner und Zweifler, werde nicht ungesühnt bleiben. Damit wären wir bei der Mutter aller Fragen angekommen: Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei respektive die Tat oder ihre Vergeltung? Jedes Leben geht zu Ende, beschwichtigen wir und weisen darauf hin, dass die letzten Lebensjahre des nunmehr mausetoten Bin Laden nicht die unbequemsten waren: von der Berghöhle in Afghanistan zum Alterssitz in Pakistan inmitten einer Schar angetrauter Ehefrauen und noch mehr Kinder. Er war in seinem Bewegungsradius vielleicht ein wenig eingeschränkt (kleine Spaziergänge um die Hausmauer) und infolgedessen nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit, zumindest lässt der Unterhaltungswert des beschlagnahmten Videomaterials darauf schließen. Sicherlich hätte seinem Erscheinungsbild der eine oder andere Friseur- und Fußpflegerbesuch oder das segensreiche Wirken eines Personal Trainers gutgetan. Seine krummbucklige Gestalt stammt vielleicht auch von zu langen Aufenthalten in niedrigen Räumen, sprich Höhlen. Dass Obama die Fotos seines toten Widersachers nicht veröffentlichen will, ist möglicherweise auch der Tatsache zu verdanken, dass der Aufwand, einen alten, ungepflegten Dürrrappel in Kutte und Turban ohne Sexappeal und Aura kaltzustellen, die Mittel gegenüber dem Wahlvolk respektive den ultrakonservativen Parteigängern der republikanischen Tea Party nicht rechtfertigt! Ganz abgesehen von dem Ärger, den er sich damit bei den Pakistani eingehandelt hat.

Wer nimmt sich nun der vielen Witwen und noch mehr Halbwaisen an, bevor diese wiederum auf die Idee kommen, den Tod ihres Gatten und Vaters zu rächen? Man hätte diese vaterlosen Söhne und Töchter zur Adoption in US-amerikanische Mittelstandsfamilien geben können und ihnen auf diese Weise eine Gehirnwäsche mittels Cola, Burger und Safer Sex zwischen Desperate Housewives und Mad Man angedeihen lassen sollen. Was passiert stattdessen? Der pakistanische Geheimdienst ISI lacht sich ins Fäustchen, weil er seiner Umerziehungsabteilung neues Menschenmaterial zuführen kann für staatstragende Sühne- und Vergeltungsaktionen. Was den Nachwuchs entrückter und verrückter Politstars und Despoten angeht, haben wir aktuelles Anschauungsmaterial tagtäglich vor unseren gestressten TV-Augen: Gadaffis kriegstreiberische Söhne in Libyen, Syriens Assad junior und nicht zu vergessen: Kim Yong Il, der die Liste der Dauer-Bekloppten ganz oben anführt, vermitteln selbst den friedlichsten unter den Frommen eine Idee davon, was passiert, wenn man die andere Wange oder Backe hinhalten würde.


Diese Heftvorschau ist Teil einer Kooperation mit WeltTrends. Die Bildrechte liegen bei WeltTrends.


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