Liebe und Tod im Dialog

Die nahende Hinrichtung Helmuth James von Moltke ließ im Tegeler Gefängnis einen Briefwechsel mit seiner Frau Freya entstehen, der auch 65 Jahre später noch bewegt und erschüttert. Erst Anfang 2010, kurz nach Freyas Tod, wurde erkannt, dass fast der gesamte Briefwechsel erhalten blieb – ein Geschenk an die Nachwelt. Von Christoph Rohde

Als im Literaturhaus München der Briefwechsel zwischen Freya von Moltke und ihrem Mann Helmuth James mit dem Satz „Der Brief erreichte ihn nicht mehr“ beendet worden war, herrschte im Auditorium kurzfristig bewegtes Schweigen. Die Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel September 1944-Januar 1945, von den Schauspielern Jovita Dermota und Jochen Striebeck dialogisch vorgetragen, hatten einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Ein Widerständler mit berühmten Ahnen

Frauke Geyken, Historikerin und Autorin der im letzten Jahr erschienenen Biographie Freya von Moltke – Ein Jahrhundertleben 1911-2010, führte in den biographischen Hintergrund von Freya von Moltke ein. Das erstaunliche, von Liebe und humanistischem Engagement erfüllte Leben begann in einer behüteten Familie, so die Historikerin. Freya wurde von einflussreichen Publizisten bereits in den fünfziger Jahren als „die Blühende“ bezeichnet. Ihr Mann, der aus einer renommierten preußischen Familie stammende Helmuth James von Moltke, wurde am 23. Januar 1945 in Plötzensee hingerichtet. Selbst seine prominente Herkunft –  sein Großonkel war der Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke, der „Sieger“ von Königgrätz und Sedan – konnte dem Widerständler nicht helfen.

Der mutige Gefängnispfarrer als Bote

Im Herbst 1944 wurde der Rechtsanwalt, Wehrmachtsoffizier und Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke vor dem Volksgerichtshof wegen Hochverrats angeklagt. Im Gefängnis Berlin-Tegel wartete von Moltke auf die Vollstreckung seines Todesurteils. Während dieser Zeit pendelte seine Frau  und zweifache Mutter Freya zwischen dem Familiengut Kreisau in Schlesien und Berlin hin und her, wo sie sich um dessen Verteidigung kümmerte. Dass die beiden Eheleute einen nahezu täglichen Briefaustausch pflegen konnten, verdankten sie dem Gefängnispfarrer Harald Poelchau, der diese Briefe unter Lebensgefahr ins und aus dem Gefängnis heraus schmuggeln konnte.

Moltke gegen die Attentäter vom 20. Juli

In ihrer Einführung betonte Frauke Geyken die Tatsache, dass die Frauen starke Partnerinnen mit eigenen Überzeugungen im Widerstand gewesen seien. Selten wird dieser Fakt deutlicher als in den mutigen Aussagen Freyas in ihren Briefen, in denen sie den zu erwartenden Tod ihres geliebten Mannes als notwendigen Preis für ihre Liebe zu interpretieren vermag. Denn ihre Liebe war nicht nur emotionaler Natur, sondern basierte vor allem auch auf gemeinsamen Wertvorstellungen. Politisch von großer Bedeutung ist in der Bewertung des Widerständlers die Tatsache, dass sich Helmuth James von Moltke glasklar gegen die Verschwörer vom 20. Juli ausgesprochen hat, und dies nicht vor allem deshalb, um seine Hinrichtung verhindern zu können.

Nein, er glaubte an Werte wie Demokratie und Gewaltfreiheit; Ideen, die er im Kreisauer Kreis entwickelt hatte und auf die er in zahlreichen seiner Gefängnisbriefe rekurrierte. Im Brief vom 11. Oktober an seine Söhne schreibt er: „Ich habe aber nie Gewaltakte wie den des 20. Juli gewollt oder gefördert…, weil ich… vor allem glaubte, dass damit das geistige Grundübel gerade nicht beseitigt würde“. Die zivile Widerstandsgruppe um Carl Friedrich Goerdeler und Ludwig Beck bewertete von Moltke als reaktionär. Wie wichtig ihm diese Einschätzung war, lässt sich daran ermessen, dass er sie in den Briefen an Freya mehrfach tätigte. Nach seiner Verurteilung stellte er befriedigt fest, dass er mit dem ebenfalls zum Tode verurteilten Pater Alfred Delp nicht für die Aktionen Goerdelers verurteilt worden sei.

Der detaillierte Briefwechsel erlaubt eine klare Vorstellung vom Alltag im Gefängnis. Auf die Fesselung und das unzureichende Essen konnte sich der Gefangene einstellen. Da sich der Zeitpunkt seiner Hinrichtung jedoch ständig hinauszögerte, war es für von Moltke schwer, weiter sinnbezogen, mit einer klaren Struktur, zu leben. Was ihm half, waren systematisch vorgenommene Bibelexegesen sowie das Singen geistlicher Lieder, die es ihm immer wieder auf Neue ermöglichten, ein gezieltes Leben in der Gegenwart zu führen. Andere Bücher als die Schrift hingegen wollte von Moltke nicht ins Gefängnis gebracht bekommen – im Gegensatz beispielsweise zu Dietrich Bonhoeffer, der noch in Tegel hart an seiner systematischen Theologie gearbeitet hatte.

Die Bibel als Mutmacher und Trost

Ein Großteil des Briefwechsels zwischen den Eheleuten besteht aus Gedanken über Gott und die Bibel. Es gelang den beiden, Bibelstellen parallel zu lesen, wodurch eine gemeinsame Exegese möglich wurde. Bewegend ist, wie der Gefangene seine langen Nächte in Tegel als Heimsuchungen des Teufels charakterisiert. Aber seinen Humor verliert er nie, wie sein Brief vom 10. Oktober 1944 an Freya zeigt, in welchem er begründet, warum er Freyas Essensgaben immer relativ zeitnah aufisst: „Diese kurzfristigen Prolongationen des Lebens ersticken alle normalen Sparsamkeitstriebe.“ Eine Liebe, deren Qualität nur für die Liebenden in ihrer existenziellen Not versteh- und fühlbar wird, macht die Rezeption zu einem Gefühlserlebnis sondergleichen: „Mein Jäm, wie viel reicher lässt Du mich zurück, wenn Du sterben musst… Wir hatten ein reiches, glückliches, harmonisches, gesegnetes, nie getrübtes gemeinsames Leben hinter uns und erkannten es voll Dankbarkeit und Glück, wir waren reich im Anblick der Vergangenheit, aber, mein geliebtes Herz, jetzt sind wir reich im Hinblick auf die Zukunft“.

Geschichte als Liebesgeschichte

Historikerin Geyken verdeutlichte, wie sehr Freya von Moltke unter der Geschichtsvergessenheit und –verleugnung der frühen Bundesrepublik gelitten hat. Der jetzt vollständig veröffentlichte Briefwechsel trägt dazu bei, den deutschen Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror auch emotional besser zu erfassen. Freya von Moltke hat ihr Leben nicht nur der von ihr begründeten deutsch-polnischen Begegnungsstätte in Kreisau gewidmet. Des Weiteren hat sie auch in zahllosen Vorträgen und Symposien gegen den Totalitarismus weltweit eingesetzt, ohne den moralistischen Zeigefinger zu heben. Der Briefwechsel lässt den Leser tief durchatmen, er öffnet die eigene enge Lebensperspektive und versetzt ihn unvermittelt in den kosmischen Kampf von Liebe gegen Hass, von Tod und Leben. Am Ende haben die Liebe und das Leben gewonnen, auch wenn todbringender Hass physische Realität geworden ist.

von Moltke, Helmuth James; von Moltke, Freya: „Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel September 1944 – Januar 1945“
C.H. Beck Verlag, München, 2011, 608 Seiten
ISBN 978-3-406-61375-3. 29,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim C.H. Beck Verlag (Cover) und Helmuth Caspar von Moltke (Helmuth James und Freya von Moltke Fotos).


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