Hatz im Zoo der Industriekultur

Die fauchenden Maschinenmonster sind im Ruhrgebiet verstummt. Stattdessen feiern Scharen von Post-Industriellen die „Lange Nacht der Industriekultur“. Dabei ist das Revier trotz Kleinkunstknallern und Funkenfall nicht mehr rau, sondern präsentiert sich als zahmer Weltkulturzoo, der nun zur Großjagd freigegeben ist. Ein Veranstaltungsbericht von Nona Schulte-Römer

Für Erlebnisreisende ist wieder Jagdsaison. In Pamplona fliehen wilde Stiere und spießen Spinner. Im Ruhrgebiet treibt es Spinner und Spießer, Bergbaubegeisterte und Kunstkenner und noch viele mehr in fröhlicher Jagdgesellschaft in die Sommernacht hinaus. Am Abend des 9. Juli 2011 wurde unter dem Slogan „Extraschicht“ zum elften Mal zur Hatz geblasen – mit Schiffshupen und Blaskapellen.

Wo einst die Pferdebahnen schwarzes Gold beförderten, öffnen nun Sonderbusse einer bunten Meute ihre Türen. Wo unerbittliche Kurbelwellen und Zahnräder den Takt vorgaben, ist jetzt das kulturelle Sonderangebot so groß, dass Feierabendhetze droht. Schließlich sind die Wege weit, die Sehenswürdigkeiten zahlreich und das Feuerwerk im Duisburger Hafen steigt um Mitternacht. Mit Fahrplan und Programmheft ausgestattet pendeln ab dem frühen Abend bis tief in die Nacht Zehntausende heiter zwischen Dortmund, Düsseldorf, Essen, Hamm und Hagen auf der Fährte von Kohle und Schweiß – mit Bier und Bratwurst, Schornsteine bestaunend und Kleinkunst schauend.

Reanimiertes Leben in der Grube

Zu den Trophäen dieses Jagdausflugs zählen nicht Rotwild und Achtender. Auch Super-Acht-Ausbeute klingt zwar schön, trifft es jedoch nicht ganz. Denn geschossen wird natürlich digital. Und wo die Dunkelheit den scharfen Schuss verhindert, stützt das Stativ die pulsierende Hand des Jägers. Dabei steht die Industriekultur, das eigentliche Ziel der Hatz, so tot wie Wildbret im Revier: stillgelegte Kokereien, Gasometer und Rohrsysteme, rostige Kräne und kalte Öfen.

Erst Lichtinstallationen, live Musik und Akrobatik erwecken die düsteren Monumente der Vergangenheit zu neuem Leben und mit ihnen den Erlebnishunger der Besucherscharen und ihre Lust an der Bilderjagd. Der Kunst sei Dank! Denn das ökonomische Kapital, das scheue Reh, ist längst über die Bergischen Berge.

Um drei Uhr nachts ist Schicht im Schacht und am Düsseldorfer Hauptbahnhof die nächste Hatz im Gange, die fleischliche Gelüste besser bedient als illuminierte Industrieruinen. Hier suchen Scharen von Junggesellinnen und –gesellen den Kick vor dem Abschied oder auch nur das nächste Bier – unter den Blicken erledigter Kulturjäger.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


Weiterführende Links:

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