Grüner Pionier im „Ländle“

Winfried Kretschmann ist Kirchgänger und war Kommunist. Er ist für seine Partei ein Pionier und mit ihr doch nicht immer ganz auf einer Linie. Der neue Ministerpräsident im Südwesten passt in keine Schublade. Von Sebastian Bätz

Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen typischen Grünen-Politiker beschreiben. Ist es eher ein auf dem Fahrrad durch Berlin-Kreuzberg fahrender Hans-Christian Ströbele, der mal eben bei der Räumung einer Hausbesetzung nach dem Rechten sieht? Oder ist es ein gereifter Joschka Fischer, der auf den Konferenzen der Mächtigen über den roten Teppich schreitet? Sie würden wohl eher nicht an jemanden wie Winfried Kretschmann denken.

Biologe und Chemiker

Der 62-jährige Kretschmann ist Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Ethik – wenn er nicht seit 1996 für die Ausübung seines Landtagsmandats beurlaubt wäre. Am 12. Mai wird er sich voraussichtlich vom baden-württembergischen Landtag zum ersten grünen Ministerpräsidenten der Bundesrepublik wählen lassen und übernimmt damit eine anspruchsvolle Pionieraufgabe für seine Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Kretschmann wird 1948 in Spaichingen geboren, einem heute 12 000 Einwohner zählenden Städtchen in Oberschwaben. Er wächst in einem katholischen Elternhaus auf, in dem, wie er sagt, „der ganze Reichtum des Kirchenjahres gelebt wurde“. Noch heute ist der Grünen-Politiker Mitglied in der katholischen Kirche und im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Mit 20 Jahren macht er Abitur und beginnt nach dem Grundwehrdienst ein Studium der Biologie und Chemie an der Universität Hohenheim. Vor allem der abgeleistete Grundwehrdienst und der katholische Glauben sind auf den ersten Blick für einen grünen Spitzenpolitiker ungewöhnlich.

Prädestiniert für ein politisches Amt“

In Hohenheim tritt der Student in die Hochschulgruppe des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands ein, was er heute als „fundamentalen politischen Irrtum“ bezeichnet. Kretschmann verlässt diese Hochschulgruppe nach zwei Jahren wieder.

„Schon im Studium zeigte sich sein großes politisches Potenzial“, so Dr. Robert Meixner im Gespräch mit /e-politik.de/. Meixner ist ein ehemaliger Studienkollege Kretschmanns und arbeitete als Präsident des Studentenparlamentes mit Kretschmann – zu dieser Zeit AStA-Vorsitzender – zusammen. Er beschreibt den Politiker als den Studentenführer, der umsichtig und von allen akzeptiert agierte. Für Meixner war Kretschmann „schon immer prädestiniert für ein politisches Amt“. Er habe sich stets allen Anliegen angenommen und grunddemokratisch die Mehrheitsverhältnisse geachtet.

Über 20 Jahre Landtag

Nach seinem Staatsexamen im Jahr 1977 ist Kretschmann 1979 Mitbegründer der Grünen in Baden-Württemberg und zieht ein Jahr später in die erste grüne Fraktion eines Flächenstaat-Landtags ein. Joschka Fischer beruft ihn 1986 als Ministerialrat in das erste grüne Umweltministerium nach Hessen und zwei Jahre später gelingt ihm der Wiedereinzug in den Landtag.

Das VFB Stuttgart Mitglied geht seinen politischen Weg konsequent weiter und steckt auch Rückschläge, wie das Verlieren seines Landtagsmandats 1992 an Helmut Palmer, weg. Ab 1996 bis heute ist der designierte Ministerpräsident ständig im Landtag vertreten und übernimmt viele Führungsaufgaben für seine Partei.  So ist er seit acht Jahren Fraktionsvorsitzender seiner Partei. Dieses Kapitel ist im Gegensatz zum Beginn seiner Biographie „typisch grün“. Er ist von Anfang an bei den Grünen in Baden-Württemberg dabei und mit wichtigen Aufgaben betraut.

Politik ist für ihn keine Lust, sondern Pflicht

Unter seiner Führung muss es der neuen Landesregierung gelingen, die Wahlversprechen zumindest weitestgehend einzuhalten, ohne Baden-Württemberg als Industrie-, Wissenschafts-, und Hochschulstandort schlechter zu stellen. Hier zeigt sich der 62-Jährige bereits als einsichtiger und die politischen Maschinerien kennender Realist. So spricht er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung davon, dass er bei der Politik nicht etwa an Lust denke, sondern vielmehr an Kants Worte: „Pflicht, wunderbarer Gedanke“. Die wirkliche Aufgabe der Politik ist es nach Kretschmann, „alles zusammenzuhalten, so dass wir uns nicht irgendwann den Schädel einschlagen.“

Volksabstimmungen steht er kritischer gegenüber als so mancher Grünen-Wähler oder Stuttgart 21-Gegner. Kretschmann möchte zusammen mit seiner Partei in Baden-Württemberg „einen Schritt zur Bürgergesellschaft, aber nicht den größten Debattierclub Deutschlands“ gründen. Stuttgart 21 sieht der designierte Ministerpräsident als den „großen Stolperstein“ der grün-roten Koalition.

Um diesen Stolperstein beiseite zu rollen, ist Winfried Kretschmann der Richtige. Er ist nicht der typische Grüne, sondern schon immer Realist und Politikprofi mit großer politischer Erfahrung. Doch genau das macht ihn für seine Partei so wertvoll, die in neue Sphären vorstößt und den Weg zur Volkspartei weiter gehen will.


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