Globale Wirtschaft, lokale Kulturen

Wie in vielen europäischen Ländern öffnete die deutsche Discount-Kette Lidl auch Filialen in Bulgarien. Beim Einkaufen orientieren sich die Bürger nicht an den Waren, sondern an den Preisen. Durch die internationale Expansion der Discounter gehen Besonderheiten lokaler Produkte verloren. Von Svetla Stoyanova

Bis vor circa drei Jahren kannte der Verbraucher in Bulgarien keine Discounter. Der Markt für Lebensmittel war – insbesondere in der Provinz – durch einzelne Familiengeschäfte, die nur lokal vertreten waren und höchstens ein paar Filialen eröffneten, dominiert. Über die Ortsgrenzen hinaus blieben diese allerdings unbekannt. Außerdem wurden Lebensmittel sehr selten importiert. Fleisch-, Getreide- oder Milchprodukte wurden in Bulgarien produziert. Lediglich Waren wie Markenschokolade und Kaffeebohnen kamen aus dem Ausland.

Im Zug der Globalisierung lernen auch die Bulgaren die Discount-Kultur allmählich kennen. Diese „neuartigen“ Geschäfte ersticken langsam die bisher oft besuchten Einzelgeschäfte und damit auch die traditionelle Einkaufs- und Esskultur im Land. Die meisten Lebensmittel werden bereits importiert. Mittlerweile erweist sich der Import billiger als die Herstellung im eigenen Land. Dadurch leidet die bulgarische Landwirtschaft sehr, da beispielsweise Fleisch- und Milchproduktion sich nicht mehr lohnt.

Der Ansturm auf die billigen Lebensmittel

Der Eintritt der Discount-Kette Lidl in den bulgarischen Markt ist ein aktuelles Beispiel für das Spannungsverhältnis zwischen dem Lokalen und dem Globalen. Am 25. November letzten Jahres wurden Lidl-Filialen in elf bulgarischen Städten eröffnet, eine davon in Lovech. Vor Ort bildeten sich lange Menschenschlangen, die auf dem großen Parkplatz vor dem Geschäft auf billige Produkte warteten. An den kleinen Kreuzungen in der Nähe der Filiale kam es sogar zu Verkehrsstaus. Auf die Frage, wie man die Eröffnung der Lidl-Filiale in Lovech erlebte, antwortete eine Kundin: „An diesem Tag konnte ich gar nicht hinein gehen, sondern erst am nächsten Morgen.“ Bei der Korrespondenz mit dem Online-Medium LovechToday stellte sich heraus, dass dies auch für die örtlichen Medien ein Problem war: „Die Eröffnung war seltsam, wir konnten nicht herein.“

Man berichtete sogar über Verletzte bei dem Ansturm. Besonders begehrte und billige Waren wie Bananen, Oliven oder Wurst wurden nur in begrenzter Menge pro Kunde verkauft. Bei der Frage nach dem Grund dafür, antwortete Lidl Bulgarien: „Auf diese Weise versuchen wir gegen Großhändler zu kämpfen, die Waren bei uns billig einkaufen, um diese danach teurer in deren eigenen Geschäften weiter zu verkaufen. Lidl ist letztendlich kein Großhandelsunternehmen.“

 

Bockwurst und Weizenbier für Bulgaren

Einer der Vorteile der rationalisierten und standardisierten Produktionsweise der Discount-Ketten sind die unschlagbar niedrigen Preise. Auch ein Jahr nach der Eröffnung bilden sich immer noch große Schlangen vor der Lidl-Filiale in Lovech, wenn es Verkaufsaktionen oder Rabatte gibt. Der Grund dafür ist nicht, dass beispielsweise die deutsche Bockwurst besser als die bulgarische Wurst schmeckt. Die meisten Menschen kaufen bei Lidl ein, weil es dort billiger ist als in den einheimischen Geschäften. Die Bulgaren kennen die traditionell deutsche Produktionsweise von Bock-, Jagd- oder Bierwurst gar nicht.

Unkenntnis der deutschen Produkte führt auch zu Missverständnissen bei deren Übersetzung ins Bulgarische. So wird in der wöchentlichen Aktionsbroschüre von Lidl „Bjala Bira“ angepriesen. Auf Bulgarisch bedeutet das „weißes Bier“. Damit ist das Weizen- oder auch Weißbier gemeint, das eigentlich gar nicht weiß ist, sondern dessen Name eine ganz andere Herkunft hat. Trotzdem erzählen die Einheimischen, dass das „weiße Bier“ ein Hit in Bulgarien geworden ist. Auf die Frage, ob Lidl Bulgarien dies als ein Problem sähe und was man unternehmen könnte, damit die bulgarischen Kunden besser die deutschen Waren kennen lernen, bekam e-politik folgende Antwort: „Wir organisieren bereits verschiedene kulturelle und landspezifische Aktionswochen wie diese in Deutschland. Zudem sind wir dabei, Marktstrategien zu entwickeln wie beispielsweise Bildungsmarketing. Es lohnt sich, dass unsere Qualität durch Vermarktung und Kommunikation weiter verbreitet wird.“

 

Die McDonaldisierung der Welt

Die internationale Expansion der Discounter ähnelt dem Phänomen von McDonald‘s, welchem bereits George Ritzer die McDonaldisierungsthese gewidmet hat. McDonaldisierung bedeutet nach Ritzer die globale Rationalisierung des Fastfood-Bereiches, was „hauptsächlich ein Homogenisierungsprozess ist, der zur Reduktion der Konsumvielfalt tendiert“. Dies ist jedoch nicht nur beim McDonald’s zu beobachten, sondern in vielen Bereichen der Gesellschaft. Nach dem gleichen Prinzip beobachtet man auch bei den Discount-Ketten einen Rationalisierungs- und Standardisierungsprozess. In allen Lidl-Filialen Europas findet man die gleichen Waren, Prozesse und Strukturen. So gehen lokale Handels- und Esskulturen verloren, traditionelle Erzeugnisse und Produktionsweisen verschwinden. Das Lokale wird gefährdet.

Am 8. September 2011 wurde die 50. Lidl-Filiale in Bulgarien eröffnet und dies innerhalb von weniger als einem Jahr. Durch den Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung verlieren lokale kulturelle Besonderheiten an Bedeutung. Deutsche Lebensmittel werden im Ausland gerne konsumiert, aber nur wenige wissen, was sie genau kaufen, oder welche  Traditionen dahinter stehen. Im importierenden Land dagegen lauert die Gefahr, dass einheimische Produkte „vergessen“ werden, weil die exportierten billiger sind. Dadurch gewinnt die Wirtschaft, aber nicht die Kultur.


Die Bildrechte liegen beim LovechToday (Lidl-Filiale) und der Autorin (Lidl-Prospekt).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

WissensWerte: Globalisierung

Globalisierung gestalten

Globalisierung – eine Schimäre?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.