Genese eines diffusen Konzeptes

Nachhaltigkeit ist nicht alles. Aber ohne Nachhaltigkeit ist alles nichts. Ein Blick auf die Geschichte, die Entwicklung und Beispiele des Handlungsleitbildes. Von Iris Pufé

Bevölkerungsexplosion, Biodiversitätsverlust, Korruption, Fachkräftemangel. Wenn Unternehmen Pleite gehen, wenn Menschen nicht ausreichend qualifiziert sind, wenn die Umwelt verschmutzt wird – dann ist damit im weiteren Sinne fehlende Nachhaltigkeit gemeint.

Der Begriff Nachhaltigkeit beschreibt in seiner ursprünglichen Bedeutung die Nutzung eines regenerierbaren natürlichen Systems, so dass seine wesentlichen Eigenschaften erhalten bleiben und sein Bestand auf natürliche Weise nachwachsen kann.

Wer ernten will, muss säen

Seinen Ursprung hat der Begriff in der Forstwirtschaft. Bereits 1713 forderte Hans Carl von Carlowitz, der Oberberghauptmann und Leiter des frühindustriell überaus bedeutsamen sächsischen Oberbergamts in Freiberg, „eine beständige und nachhaltende Nutzung des Waldes“.

Die „kluge Art der Waldbewirtschaftung“ – wie Carlowitz es bezeichnete – kann bis heute als anschauliche Metapher herangezogen werden: Bäume die abgeholzt werden müssen nachgepflanzt werden um die Ressourcenbasis – und damit die wirtschaftliche Basis – nicht zu erschöpfen.

Krise als Katalysator

Dieser Gedanke kam in der Politik der Siebziger Jahre wieder auf. Gründe hierfür waren die Verschärfung von Umweltproblemen, bedingt u.a. durch die Erdölverknappung, die Zerstörung der Ozonschicht, den demografischen Wandel, sowie die Globalisierung und den Welthandel. Was in den Achtzigern Waldsterben und Saurer Regen waren, wurden später die Diskussionen um BSE, Feinstaub und Klimawandel.

Was aber ist die „klassische“ Definition von Nachhaltigkeit? Die erste formale Definition und die, die bislang als anerkannt gilt, geht auf die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung im Jahre 1987 zurück: „Eine nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse gegenwärtiger Generationen berücksichtigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen daran gehindert werden ihre Bedürfnisse zu befriedigen.“

Das Nachhaltigkeitsdreieck

Um diesen Gesamtzusammenhang zu veranschaulichen, werden häufig das sogenannte „Drei-Säulen-Modell“ oder das „Nachhaltigkeitsdreieck“ herangezogen. Beider Kern ist: Umwelt, Soziales und Wirtschaft hängen zusammen und sind deshalb gleichermaßen zu berücksichtigen.

Die Quintessenz dieses integrativen Ansatzes beschreibt Bianca Wiedemann, Gründerin der Nachhaltigkeitsberatung fair society, so: „Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet, Profite sozial und ökologisch verantwortungsvoll zu erwirtschaften und nicht, Profite zu erwirtschaften, um sie dann für Sozial- oder Umweltbelange einzusetzen.“

Josef Ackermann dagegen sieht die Sache ganz à la homo oeconomicus. „Es ist in unserem eigenen Interesse in die Stabilität und den Wohlstand der Gemeinschaften, in denen wir operieren, zu investieren“, fasst der Deutsche Bank-Chef in seinem Corporate Social Responsibility Bericht, dem Bericht zur sozialen Unternehmensverantwortung, zusammen.

Um das Ganze aber aus Politik und Wissenschaft in Wirtschaft und Praxis zu holen: Wie agieren Unternehmen nachhaltig?

Beispiel Dienstleistung: Emissionsarme Bildungsreisen

Ein Beispiel aus dem Dienstleistungsbereich ist Studiosus. Der Marktführer bei Studienreisen wurde beim Wettbewerb um den deutschen Nachhaltigkeitspreis 2010 unter 560 Unternehmen für die „nachhaltigste Zukunftsstrategie“ prämiert. Er hat als erster europäischer Reiseveranstalter ein Umweltmanagementsystem (UMS) eingerichtet.

Die Umweltziele umfassen eine bessere Transportenergiebilanz, einen geringeren Ressourcenverbrauch und eine verminderte Luft- und Wasserverschmutzung. „Im sozialen Bereich haben wir weltweit Initiativen und Projekte. Vor allem rund um Menschenrechte, Arbeitsstandards und Antikorruption“, sagt Geschäftsführer Peter-Mario Kubsch.

Beispiel Industrie: Vom Chemo-Frosch zum grünen Frosch

Ein Beispiel für ein Industrieunternehmen, das als Pionier für ökologische Nachhaltigkeit in der Reinigungsmittelbranche gilt, ist die Werner & Mertz GmbH. Der Mittelständler aus Mainz steht hinter der Marke Frosch.

„Wir setzen auf kleinstmögliche Verpackungen und auf naturbasierte Wirkstoffe, auf Tenside nachwachsenden pflanzlichen Ursprungs und auf eine firmeneigene Wasseraufbereitungsanlage zur Rückführung von gereinigtem Produktionswasser in den Abwasserkreislauf“, so Gerhard-Josef Schmitt von Werner & Mertz. Reduziert würden im Gegenzug Phosphate, Borate, halogenorganische Verbindungen, Formaldehyd und PVC. Dazu kommt ein Plus-Energiebilanz-Haus, das als neues Firmengebäude mit geothermischer Grundwassernutzung, 16 Windrädern und einer Photovoltaikanlage auf dem Dach ausgestattet wird.

Was die soziale Unternehmensverantwortung angeht, bemüht sich Werner & Mertz um viele Ausbildungsplätze und viele Übernahmen, bietet Weiterbildungsangebote, Mitarbeiterentwicklungssysteme, Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodelle sowie Zuschüsse bei der Kinderbetreuung. „In den Sommerferien 2010 hatten wir erstmals ein Ferienprogramm für Mitarbeiterkinder“, heißt es im Nachhaltigkeitsbericht.

Das Unternehmen erzielte 2008 mit der Produktlinie Frosch den höchsten Umsatz seit deren Einführung im Jahr 1986. Die konsequente Umstellung der Produktion – beziehungsweise die „konsequent verfolgte ökologische Nischenstrategie“ wie Werner & Mertz  es bezeichnet – war also nicht nachteilig.

Pflicht und Kür – müssen, können, wollen

Warum aber werden einige Unternehmen grüner und sozialer? Es geht um eine Mischung von Push- und Pull-Faktoren, von Pflicht und Kür. Auf der einen Seite stehen strikte Gesetzesauflagen und freiwillige Initiativen, auf der anderen geht es um Absatzmöglichkeiten, Steuererleichterungen und ein besseres Image.

Einen Push-Faktor nennt Bundesumweltminister Norbert Röttgen: „Bis 2020 sollen die Treibhausgase – gegenüber 1990 – um 40 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gemindert werden. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung wird bis 2020 auf 35 Prozent und bis 2050 auf 80 Prozent steigen.“

Ein Pull-Faktor sind die Aussichten für das Weltmarktvolumen für Umwelttechnologien. Mehr als verdoppeln könnte es sich weltweit bis 2020 auf dann 3.100 Milliarden Euro bzw. 467 Milliarden Euro allein in Deutschland, behauptet die Unternehmensberatung Roland Berger. Bereits 2007 haben deutsche Firmen Umweltgüter im Wert von 60 Milliarden Euro ins Ausland geliefert.

Das Ende vom Lied
Die Beispiele zeigen: Nachhaltigkeit wird unterschiedlich gehandhabt. Gemeinsam aber ist den Unternehmen, dass sie alle drei Bereiche – Ökonomie, Ökologie und Soziales – gleichermaßen bedienen. Dabei setzen sie Schwerpunkte auf Themen, die ihrer Kernkompetenz am stärksten entsprechen.

Das Ende vom Lied: Nachhaltigkeit ist ein Prinzip, das alle Dimensionen menschlichen Handelns und Wirtschaftens umfasst, durchdringt und berücksichtigt. Und weil es in allen Branchen, Bereichen, Abteilungen und Funktionen auftaucht – und dabei in unterschiedlicher Art zum Einsatz und zur Anwendung kommt – ist Nachhaltigkeit Füllwort und Kernaussage, Trend und Dauerthema, Querschnittsthema und Herausforderung.

Dieser Artikel ist Teil des /e-politik.de/-Dossiers „Nachhaltigkeit – Wunsch und Wirklichkeit“. Lesen Sie hier die weiteren Beiträge.


Weiterführende Literatur:

Kleine, Alexandro/von Hauff, Michael (2009): Sustainability-Driven Implementation of Corporate Social Responsibility: Application of the Integrative Sustainability Triangle. In: Journal of Business Ethics. Ausgabe 85/3. S. 513-533.

von Hauff, Michael/Kleine, Alexandro (2009): Nachhaltige Entwicklung: Grundlagen und Umsetzung. Oldenbourg Wissenschaftsverlag. Oldenbourg.


Weiterführende Links:

Agenda 21 der Vereinten Nationen

Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung

Millennium-Entwicklungsziele


Die Bildrechte liegen bei Paul-Georg Meister/PIXELIO (Holzfäller), fair society (Bianca Wiedemann), der Werner & Mertz GmbH (Froschreiniger) und der Autorin (Grafik).


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