Gegen Gegenaufklärung

Eine Gruppe antideutscher Autoren nimmt kein Blatt vor den Mund, um die Modephilosophen des Poststrukturalismus rückschrittlicher Tendenzen oder gar der „Gegenaufklärung“ zu überführen. Gut, dass das mal jemand sagt. Von Markus Rackow

Satzzeichenfehler, falsche Literaturangaben, Druckverzögerungen: Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, unterstreichen die handwerklichen Mängel des vorliegenden Sammelbandes Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft den schweren Stand der darin geäußerten Kritik. Die Publikation ist daher zu begrüßen.

Die Herausgeber Alex Gruber und Philipp Lenhard haben elf Beiträge von insgesamt neun Autoren, die den Antideutschen zuzuordnen sind, editiert. Die versammelten Aufsätze wenden sich gegen Gender-, Postcolonial- und Diskurstheorie und die zeitgenössiche Philosophieprominenz von „Schaumschlägern“ wie Peter Sloterdijk und Giorgio Agamben. Deren Pseudokritik an den Irrwegen der Moderne treibe Aufklärung nicht weiter, sondern falle hinter sie zurück. Als politisches Projekt verstanden betreibe die Postmoderne also Gegenaufklärung im aufklärerischen Gewand, indem sie dem modernen, geschlechtlichen Subjekt den Todesstoß versetze.

Obzwar unterschiedlich in inhaltlicher Qualität und Umfang, variieren die Beiträge letztlich ein und dieselbe Grundmelodie. Während die einen in Fragestellung und Untersuchungsmaterial stärker realpolitisch geerdet sind, widmen sich andere stärker dem akademischen Feld und zeigen Entwicklungslinien von deutschen Denkern konservativer Revolution bis hin zum Poststrukturalismus.

Wider die „deutsche Ideologie“

Theoretisch eint die Gruppe aus Wiener und deutschen Autoren – wie Antideutsche generell – die Kritik an der „deutschen Ideologie“, der postmoderne Theoretiker aufsäßen. Jene „deutsche Ideologie“, der die Antideutschen den Kampf erklärt haben, meint eine in Deutschland entsprungene, mittlerweile weltweit verbreitete und bestimmte Gemeinsamkeiten teilende Ideologie. Mit der Verdrängung von historischer Dialektik wird in ihr das Versöhnungsversprechen von Religion oder Kommunismus getilgt. Statt Kritik an der im Spätkapitalismus über den staatsgestützten Markt ablaufenden Vermitteltheit zu äußern, würden die durch diese Vermittlung entstehenden gesellschaftlichen Widersprüche ins Subjekt inkorporiert. So stellen Postmodernisten wie Foucault auf Selbsttechniken wie Meditation ab oder plädiert der Dekonstruktivist Derrida für eine Überwindung des Vernunftdenkens. In einem Eigentlichkeits- und Unmittelbarkeitsphantasma würden „moderne Mythen“ beschworen; dazu zählt zum Beispiel eine nicht erkennbare Differenz, gerne garniert mit Versatzstücken aus der Quantenphysik oder der Kunst.

Statt auf Gott, die Hegelsche Aufhebung der Widersprüche oder sonst eine Transzendenz auf Vernunft hin zu setzen, wird das allgegenwärtige Gefühl von „Überflüssigkeit, Ich-Schwäche und Angst, die die Individuen in der nachbürgerlichen Gesellschaft charakterisieren […] qua Identifikation in ein Moment der Bejahung verwandelt“, so Alex Gruber in seinem Beitrag. Selbiges gilt für die Affinität zu NS-Relativierung und Antisemitismus oder das vereinzelte Engagement führender poststrukturalistischer Theoretiker wie Judith Butler oder Alain Badiou pro Palästina. Die mit dem theoretischen Nihilismus und Anti-Eurozentrismus einhergehende implizite Duldung islamistischen und palästinensischen Terrors oder gar dessen Verklärung als Freiheitsbewegung schließen sich nahtlos an. So vollbringt die Genderphilosophin Judith Butler gar das Kunststück, die Burka mit selbstgewählter Würde der Frau zu verbinden, anstatt darin das vielleicht notwendige Resultat gesellschaftlicher Herrschaft und Zwänge zu vermuten.

Mit Ideologie gegen Ideologie

Sowohl die theorieimmanenten als auch die Realpolitik einbeziehenden Ansätze überspannen jedoch zuweilen den Bogen wissenschaftlicher Redlichkeit wie auch der Ideologiekritik. Ideologisch enttarnte Figuren werden oft in einem unvermittelten, direkten Entsprechungsverhältnis übersetzt: Ist etwa von Führung die Rede, wird auf den Führer geschlossen; wird das Grund- oder Bodenlose moderner Subjektivität im Poststrukturalismus verherrlicht, wird Antizionismus herausgelesen.

Von Ausnahmen abgesehen, belegen die Autoren ihre oft sprunghaften Rundumschläge nur sehr willkürlich. Philosophen in ihren Kämmerlein werden schnell auf „fanatische Unterstützer des antisemitischen Terrors“ reduziert oder überhöht. Es ist fraglich, ob es dem Ansinnen der Autoren nützt, derart über die Stränge zu schlagen. Nicht nur dem wissenschaftlich geschulten Leser mag dieses Vorgehen übel aufstoßen; es scheint vielmehr, als seien auch die Kritiker postmoderner Denkfaulheit vor eben diesem Vorwurf nicht gänzlich gefeit.

In medias res statt Neusprech

Das Buch ist erfrischend und überzeugend, wenn es „zu den Sachen selbst“ vorstößt und postmoderne Textspielerei auf den Boden realer Politik zerrt. So vereinige der Kampf gegen Israel oder die „Free-Gaza“-Flottille Aktivisten verschiedenster Couleur zu einer Art Querfront: „Queers, radikale Moslems, Linke und Neonazis“. Allerdings bleibt der Band durch seinen geschichtsphilosophisch gesetzten Schwerpunkt auf Israel eine Antwort schuldig, wie weit die „Barbarisierung der Gesellschaft“ schon fortgeschritten ist und ob der postmoderne Beitrag nicht Reflex jener ist. Zeigt sich eine solch unbewusste Querfront nicht auch bei anderen Phänomenen wie dem Umweltschutz? Und wie ist die Tendenz vereinzelter Rechtsextremer zu deuten, Israel als Bastion gegen den selbst teils antisemitischen politischen Islam zu sehen? Ist die von Postmodernisten kritisierte Islamophobie also selbst strukturell antisemitisch?

Dem Lesefluss sind die Geschwader polemischer, von Karl Marx’ Sticheleien inspirierter Invektiven nicht abträglich. Der an Adornos bedeutungsschwangeren Duktus erinnernde Entlarverdünkel wird hingegen am Nervenkostüm manches Lesers zerren. Die erwähnte gewisse Redundanz darf nicht über den Seltenheitswert und die Notwendigkeit der Kritik hinwegtäuschen: Der Gewinn einer Lektüre vor allem beim postmodern-affinen und geschulten Studentenpublikum dürfte überwiegen. Die Beiträge dieses Buches bieten einen willkommenen Kontrast zur Esoterik à la Judith Butler oder dem verschwurbelten Dekonstruktionsargot eines Derrida. Statt Neusprech erwarten den Leser klare Ansagen, gesellschaftliche Prozesse werden beim Namen genannt und von der Theoriekanzel herabgestoßen.

Noch nicht auf Augenhöhe

In seiner Endnote räumt der Autor Manfred Dahlmann letztlich die Polemik des Buches ein, aber nur unter dem Blickwinkel vergänglicher Aktualität. Doch die Wurzel des Problems liegt tiefer. Die Polemik ist zweischneidiger Ausdruck eines Dilemmas: Kritik muss die Kluft zwischen Wissenschaftsjargon und aufklärerischem Gestus, also politischem Zweck, überwinden, aber just diese Differenz scheint das einzige Heilmittel gegen den Schwall der nie um ein letztes Paradoxon verlegenen Postmodernen zu sein. Inhalt und Form müssen also harmonieren, ohne ihre notwendige Verschiedenheit zu verlieren.

Neue ideologietheoretische Einsichten liefert das Buch nur bedingt, aber angesichts der weitgehend unkritischen Verwendung postmoderner Theorie ist das zunächst auch unnötig. Ein Gegenentwurf auf der Höhe der Zeit, der über eloquente, aber bisweilen platte Kritik hinausgeht, müsste unter Beibehalt ideologiekritischer Volten ähnliche Popularität wie die Gegenseite erreichen können. Ein solcher Schritt auf Augenhöhe steht weiter aus.

Gruber, Alex / Lenhard, Philipp (Hrsg.):
Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft.
ça ira Verlag, Freiburg 2011, 302 Seiten
ISBN-13: 978-3-86259-101-5, 18 Euro


Weiterführende Links:

Oliver Gruber, Philipp Lenhard – Auf dem Rücken des Tigers. Zur Geschichte und Aktualität der „deutschen Ideologie“: Von Stirner zum Postrukturalismus.


Die Bildrechte liegen beim ca ira Verlag (cover) und Hendrik Speck (Creative Commons) (Giorgio Agamben, Alain Badiou, Judith Butler).


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