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Fremdgehen mit der Chinabox

Posted By Markus Rackow On 26. September 2011 @ 19:42 In Gesellschaft | No Comments

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Natto
Zum Auftakt der Ausstellung „Floating Foods“ wurde über Essensprostitution, miefige China-Restaurants und billige Asianudeln hergezogen. Aber was ist schon authentische asiatische Küche? Ein Veranstaltungsbericht von Markus Rackow

Die alle zwei Jahre stattfindenden Asien-Pazifik-Wochen Berlin stehen in diesem Jahr vor allem im Zeichen von Ernährung. Im Haus der Kulturen der Welt, einen Katzensprung vom Kanzleramt entfernt, kann man dazu Ulrike Ottingers [2] Ausstellung „Floating Food“ besichtigen, in der auf Großbildleinwänden Radfahrerkolonnen auf den Straßen Shanghais und mit Kohl bepackte Radler und Laster auf Landstraßen Chinas an der Kamera vorbeiziehen. Auf anderen Leinwänden vollzieht ein Schamane singende rituelle Praktiken und nehmen Mongolen ein Schaf aus und verwerten jedes Organ, jede Sehne, jeden Tropfen Blut.

Am Auftaktwochenende hielt die Kulturinstitution ferner die Veranstaltung „Kulturpraktiken des Essens“ ab, in der es um „Asian Food zwischen Inszenierung, Exotisierung und Vermarktung im Zeitalter der Migration“ gehen sollte. In einem ersten Panel ging man dieses Thema historisch und soziologisch an, in einem folgenden fand sich der Zuhörer in einer Art Werbeveranstaltung für den neuen Asian-Food-Trend in Berlin wieder: Koreanische Gastronomen berichteten von ihren Erfahrungen und zum Probieren wurden scharf fermentierter Chinakohl, Kimchi [3], sowie (mit Mayonnaise verfälschtes) Gimbap [4], eine Art fülligere, breite Maki-Sushi-Rolle, gereicht.

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Floating Foods Atrium
Von der Migranten- und Matrosenspelunke…

Weniger sinnlich, dafür interessanter gestalteten sich die Ausführungen des New Yorker Historikers John Kuo Wie Tchen über die Geschichte chinesischer Einwanderung in die USA. Der erste Chinese kam demnach Ende des 18. Jahrhunderts an die Küste der USA, um – welch eine Ironie der Geschichte – Schulden einzutreiben. Im Goldrausch wurden dann Chinesen als Arbeiter für die Eisenbahnstrecken billig ins Land gelassen, nur um im Chinese Exclusion Act [6] 1882 diesen billigen Arbeitskräften die Einreise zu verweigern. Hier schlägt wohl auch die Stunde der Chinesischen Küche in den USA: Für viele Amerikaner bestand im Besuch von Chinatown [7] und der dort beheimateten, hauptsächlich von Chinesen frequentierten Restaurants eine Möglichkeit für Transgression, den Ausbruch aus dem sittenstrengen Protestantismus; andererseits war diese Attraktivität die willkommene Nische für chinesische Einwanderer, wirtschaftlich zu überleben und vom aufkeimenden Konsum zu profitieren. Statt „authentischer“ Küche breitete sich aber bald das Chop Suey [8] aus, um dessen Entstehung sich widersprechende Mythen ranken: War es die spontane Erfindung des Arztes des chinesischen Präsidenten auf Staatsbesuch? Oder der Name für das Resteessen in einer chinesischen Provinz?

In Deutschland, weiß der Osnabrücker Historiker Lars Amenda zu berichten, öffnet 1921 das erste China-Restaurant seine Pforten, nachdem es wohl auch hier wie in New York in Hafenvierteln erste Spelunken gab, von denen aber mangels Werbung wenig überliefert ist. Dabei wurden in den 20ern dann gerne Jazzmusik gespielt oder avantgardistische Tanzeinlagen präsentiert: China und seine Küche – die in Wahrheit ja sehr heterogen und regional differenziert ist – galten als orientalisch, exotisch, anziehend.

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Bibimbap oder Bimbam?
… zum Ausfahrtsstraßen-China-Restaurant

Auch die mit Drachen und Torbögen verzierten und als Pseudo-Gartenanlagen möblierten Chinarestaurants übten lange Zeit diesen Reiz aus. Doch das hat sich geändert. „Trendy“ sind diese miefigen Soziotope nicht mehr, sind heute in Verruf geraten. Innen spartanisch muss das moderne Asialokal daherkommen und Garküchenatmosphäre haben. Harmonisch, gesund soll das asiatische Essen heute sein und nicht in Glutamatsauce ertrinken, denn klebrige Enten und matschiges Gemüse hat wenig mit China zu tun, wie taz-Redakteur Felix Lee anekdotisch aufklärte. Augenzwinkernd erzählt Chinaexperte und Hongkongnese, wie er seine Eltern fragte, wann sie mal wieder „richtig“ Chinesisch äßen – nachdem sie mit dem damals 10-Jährigen bereits ein Jahr wieder in Hong Kong wohnten.

Die Medienwissenschaftlerin Michaelsen lenkte den Blick kritisch auf das Phänomen der „Food Pornography“: Wie bei anderen Medien auch, etwa im Film, wird und muss zum Genuss des Dargebotenen die Inszenierung übersehen werden, die Vermittlung ausgeblendet werden, um ein unmittelbares Erlebnis zu erfahren. Die intime Erfahrung des Essens soll zur leibhaftigen Einverleibung des Exotischen, des sozusagen sexualisierten Fremden führen. Dabei entfallen aber hierzulande Essensrituale, und auch das Ambiente ist meist an die in den USA entstandenen asiatischen Restaurants angelehnt. Kann diese kulturelle Hybridität [10] und Transgression zur Völkerverständigung besser beitragen als wirklich authentische Küche, die vielleicht in Form von tausendjährigen Eiern [11] oder Natto [12] eher abschrecken würde? Die allseits beliebten Asianudeln, die man an jedem Bahnhof erwerben kann, sehen wahrscheinlich mehr Glutamat als Liebe, von Authentizität und  Nährwert der Weißmehlnudeln und dem ausgedörrten Gemüse mal abgesehen. Aber zu viel Authentizität behagt dem deutschen Durchschnittsgaumen nicht. Da werden Kunden ausfallend, wenn beim Koreaner die Aufforderung „nicht zu scharf“ ignoriert wird. Manche geben bei der Bestellung des Bibimbaps [13], das in Korea ähnliche Popularität genießt wie hierzulande Pizza, „Bimbam“ an.

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Memil Maguksu
Friede, Freude, Essen?

Kann Essen also Kulturen verbinden? Nur bedingt, denn auch die Asiarestaurants mit all dem Harmonie- und Buddha-Gesäusel folgen den Markttrends. Die sind hier andere als dort: Während wenigstens traditionell in Korea, Japan oder China dem Essen eine viel stärkere kulturelle Bedeutung beigemessen wird, dreht sich hier viel um Sättigung oder Gesundheit. In den USA stehen zum Beispiel chinesische Einwanderer unter Druck, „japanische“ Sushi-Bars oder Thai-Diners zu eröffnen – Hybridität wird also als stummer Marktzwang verordnet. China wird auf der anderen Seite des großen Teichs nur mehr als Konkurrent wahrgenommen, hat seinen exotischen Reiz verloren. Die Strahlkraft des kosmopolitischen Westens kann etwa die Popularität amerikanischen Fast-Foods unter Chinas jungen Metropolbewohnern erklären. Über alles Verbindende des Essens hinaus scheinen also politische Prozesse den Geschmack ihre Logik überzustülpen. Nicht nur ist das Private und in Zeiten von Klimawandel und Fair Trade das Essen politisch, sondern auch die Esskultur.


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[1] Image: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2011/09/Natto1-1024x614.jpg

[2] Ulrike Ottingers: http://www.ulrikeottinger.com/index.php/home.html

[3] Kimchi: http://de.wikipedia.org/wiki/Gimchi

[4] Gimbap: http://http://de.wikipedia.org/wiki/Gimbap

[5] Image: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2011/09/Floating-Foods-Atrium-1024x614.jpg

[6] Chinese Exclusion Act: http://de.wikipedia.org/wiki/Chinese_Exclusion_Act

[7] Chinatown: http://www.usatipps.de/Reiseziele/50_Bundesstaaten/Nordosten/New_York/New_York_City/chinatown_ny.htm

[8] Chop Suey: http://de.wikipedia.org/wiki/Chop_suey

[9] Image: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2011/09/Bibimbap-1024x614.jpg

[10] kulturelle Hybridität: http://de.wikipedia.org/wiki/Hybridität

[11] tausendjährigen Eiern: http://de.wikipedia.org/wiki/Tausendjährige_Eier

[12] Natto: http://www.japantrends.com/de/japanisches-fernsehen-natto-und-die-macht-der-uberzeugung/

[13] Bibimbaps: http://de.wikipedia.org/wiki/Bibimbap

[14] Image: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2011/09/Memil-Maguksu-1024x614.jpg

[15] Kolletaralschäden des Genusses: http://www.e-politik.de/artikel/2010/kollateralschaden-des-genusses/

[16] Wahre Helden frieren lieber: http://www.e-politik.de/artikel/2010/wahre-helden-frieren-lieber/

[17] Lichtfest der Standortpolitik: http://www.e-politik.de/artikel/2010/lichtfest-der-standortpolitik/

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