Der menschliche Fußabdruck

Die NASA veröffentlicht im Internet Millionen Bilder, die Astronauten auf ihren Flügen ins All gemacht haben. Nirgends sind die Auswirkungen des menschlichen Daseins für unseren Planeten so erkennbar wie auf diesen Fotos. Von Julian Burgert

Eine landläufige Meinung besagt, die Chinesische Mauer sei das einzige von Menschenhand erbaute Objekt, das man vom Weltall mit bloßem Auge aus sehen könne. Das stimmt nicht. Die chinesische Mauer ist viel zu schmal und unterscheidet sich farblich kaum von ihrer Umgebung. Zur Beobachtung der Erde vom Weltall aus sollte man sich sowieso besser auf Fotoapparate verlassen. Das tun auch die ins All fliegenden Astronauten und Astronautinnen und haben seitdem eine ganze Menge an atemberaubenden Fotos unseres Heimatplaneten zusammengetragen. Die Nationale Luft- und Raumfahrtbehörde der USA (NASA) veröffentlicht alle diese Bilder auf ihrer Website: „Gateway to Astronaut Photography of Earth”, die größte und vollständigste Online-Sammlung von Fotos der Erde.

Die Sammlung

Seit der Mensch zum ersten Mal die Atmosphäre unseres Planeten verlassen hat, versucht er die überwältigenden Eindrücke dort oben photographisch einzufangen und uns hier unten daran teilhaben zu lassen. Die NASA sammelt dementsprechend alle von ihren Astronauten gemachten Fotos, von den frühen Mercury Missionen der 1960er bis hin zu den Shuttleflügen zur Internationalen Raumstation ISS. Diese Bilder sind in dem Internet-Datensatz enthalten und für jedermann zugänglich.

Die Fotos lassen sich per Schlagwort durchforsten oder man lässt sich von einem Top-10-Fotosatz der Woche überraschen. Wer einen speziellen Ort sucht, kann sich, ähnlich GoogleEarth, auf einer Weltkarte zu seinem Zielort klicken und dort genau sein Zielobjekt betrachten. Spezialisten können anhand der NASA-Missionsnummer Nachforschung betreiben. Wer will, kann sich einen Bildschirmschoner mit Fotos der Erde herunterladen und installieren. Auf der Mehrzahl der Fotos ist die Erde das Objekt der Betrachtung, der Rest ansonsten Bilder vom Ausladen der Satelliten oder Arbeiten außerhalb der Weltraumstation. Diese überfliegt die Erde in etwa 350 bis 400 Kilometern Höhe und versetzt die Astronauten so in die Lage, großflächige Regionen zu fotografieren.

Sichtbare Auswirkungen der menschlichen Existenz

Beim Anblick der Bilder kommt dem Betrachter schon einmal der Alttestamentarische Auftrag in den Sinn: „Macht euch die Erde Untertan“ (Mose 1, 28) . So ist es geschehen. Nirgendwo wird das so deutlich wie auf den zahlreichen Fotos: Die Landwirtschaft hat die Erdoberfläche verändert, Tundra und Wiesen sind in Äcker und Felder umgewandelt, Wälder abgeholzt worden. Tagebergbau und Minen haben den Boden aufgebrochen, Bewässerungskanäle, Dämme und Stauseen die Flusslandschaft verändert. Straßen und Schienen zerteilen die Oberfläche, die Städte und die sich ausbreitende Urbanisierung haben massive Folgen für das Ökosystem der Erde. Aus dem All wird das ganze Ausmaß menschlichen Wirkens sichtbar.

Bei Nacht sieht man die spektakuläre Dominanz des Menschen noch deutlicher. Zusammen mit der Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA des US- Handelsministeriums veröffentlichte die NASA eine Weltkarte bei Nacht, zusammengesetzt aus Bildern von der Erde in 830 Kilometern Höhe umkreisenden Satelliten des Wettersatellitenprogramms DMSP des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Erscheinen die Städte bei Tageslicht als graue oder braune Kleckse, je nach Stand der städtischen Entwicklung, so erhellen ihre Straßenlampen bei Nacht den Himmel. Anhand der Beleuchtung lassen sich auch sehr gut die unterschiedliche Bevölkerungsdichte und der Entwicklungsstand einer Region erkennen. Während die USA, Japan, Mitteleuropa oder die Ostküste Chinas hell erleuchtet sind, bleiben weite Teile Afrikas, Australiens und Südamerikas im Dunkeln. Ausreißer sind allerdings die großen Millionenstädte wie Nairobi, Sao Paulo oder Neu-Delhi. Indien besitzt einen eigenen charakteristischen Leuchtabdruck aus lauter kleinen Punkten.

Städte bei Nacht

Interessanterweise erstrahlen besonders die Städte mit regionalen Unterschieden. Japanische Städte stechen besonders hervor, sie leuchten in einem kühlen aber sehr hellen, blau-grünem Licht, das andere Länder nicht haben. Schroffe (Licht-)Grenzen zeigen an, wo die Besiedlung endet. Große Verkehrsknotenpunkte wie Häfen, Flughäfen oder Bahnhöfe sind gut erkennbar, ebenso Straßen und Transportrouten. Häfen und Industrieanlagen haben ein besonders helles Licht, das Arbeiten auch bei Nacht erlaubt. Eine kleine Sammlung der atemberaubendsten Städte bei Nacht gibt es auch auf Video.

Anhand der Beleuchtung lässt sich auch auf das Alter und die Entwicklungsgeschichte einer Stadt schließen. In Nordamerika haben ältere Städte weniger regelmäßige Straßenlinien und verwenden grünes Quecksilber-Licht. Die neueren Städte im amerikanischen Westen weisen hingegen sehr lineare Straßenverläufe auf, die sich direkt an den Himmelsrichtungen orientieren. Außerdem verwenden sie orangene Natriumdampflampen. Europäische Städte sind ebenso charakteristisch. Sie haben ein typisches Straßennetz, das sich vom Zentrum der Stadt aus in die Umgebung ausstreckt und einem leuchtenden Spinnennetz ähnelt. Hellster Punkt auf der Welt ist übrigens Las Vegas. Als „Leuchtfeuer der Menschheit“ setzt sich die Spielerstadt besonders scharf gegenüber der Dunkelheit der sie umgebenden Wüste ab.

Foto-Training vor dem Start

Sämtliche Bilder sind von den Astronauten per Handkamera gemacht worden. Diese sind von den ansonsten strengen Gewichtsrestriktionen der NASA ausgenommen. Wurden anfangs noch normale Fotoapparate benutzt, sind seit 1995 ausschließlich Digitalkameras im Einsatz. Die Astronauten werden laut NASA vor dem Abflug extra in der Benutzung und Handhabung von fotografischer Ausrüstung trainiert. Einmal im All, sollen sie wissenschaftliche Observationen von geologischen, geografischen oder ozeanografischen Phänomenen machen. Aber auch für meteorologische Untersuchungen werden Bilder benötigt. Dazu werden sechs Monate vor dem Abflug von Wissenschaftlern ganze Listen interessanter Ziele herausgesucht und zusammengestellt.

Ein Problem für die Astronauten ist die Rotation der Erde beziehungsweise der Internationalen Raumstation. Die ISS bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von sieben Kilometern pro Sekunde. Der Belichtungszeitraum reicht da für Tageslichtbilder gerade aus, nicht jedoch für Bilder bei Nacht. Diese brauchen eine wesentlich längere Zeitspanne, sonst verwackeln sie. Um das zu vermeiden, installierten Astronauten 2003 aus Ersatzteilen der Station einen sogenannten Barn-door-Tracker. Diese Montierung erlaubt es, die Plattform, auf der die Kameras installiert sind, langsam zu bewegen. Damit bleibt das Zielobjekt immer fest im Fokus der Kamera und zieht nicht daran vorbei. Das gleiche Prinzip wird auf der Erde bei Observatorien benutzt, um die Rotation der Erde auszugleichen.

Houston, bitte melden!

Alle Bilder werden im Lyndon B. Johnson Space Center (JSC) der NASA gespeichert. Dieser 1961 gebaute und 1973 zu Ehren des damals gerade verstorbenen US-Präsidenten und Texaners umbenannte Komplex befindet sich südöstlich von Houston. Das JSC fungiert als führendes NASA-Zentrum zur Ausbildung und zum Training der Astronauten. Zusätzlich ist es Missionsleitstelle für alle NASA Missionen.
Beachten muss man bei den Fotos, dass sie aus unterschiedlichen Perspektiven heraus gemacht wurden. Es ist also nicht gleich auszumachen, wo Norden und Süden ist. Insgesamt wurden schon 1.048.018 Bilder der Erde auf der Website veröffentlicht. Täglich werden neue Ansichten der Erde von der ISS gesendet und online gestellt.


Die Bildrechte liegen beim Image Science & Analysis Laboratory, NASA Johnson Space Center.


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