Der Bote des polnischen Untergrundes

Wer die Mentalität des polnischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus und die Struktur des polnischen Untergrundstaates verstehen möchte, der kommt um Jan Karskis Mein Bericht an die Welt nicht herum. Der Leser wird zwischen Bewunderung und Erschütterung hin- und hergerissen. Von Christoph Rohde

Während der ehemalige Widerstandskämpfer, Journalist und spätere Professor Jan Karski eine Übersetzung seines Buches Mein Bericht an die Welt zu Lebzeiten (19142000) ablehnte, ist diese nun doch umgesetzt geworden. Für das deutsche Publikum ist dieses Buch von enormem Wert. Denn der Augenzeugenbericht des Mannes, dessen Name an einem Baum auf der „Allee der Gerechten“ in der Gedenkstätte Yad Vashem verewigt ist, lässt die Schrecken der deutschen Besatzungs- und Vernichtungsfeldzüge in Polen auf beklemmende Weise lebendig werden. Zusätzlich erfährt der Leser spannende Details über die hochprofessionelle Struktur des polnischen Untergrundstaates.

Der polnische Untergrundstaat

Polen, traumatisiert durch mehrere Teilungen im 18. Jahrhundert und durch die dauerhafte Abhängigkeit vom Ränkespiel der Großmächte, hat über die Jahrhunderte eine Art informelles Widerstandssystem entwickelt, das sich zu Zeiten der deutschen Besatzung hochgradig bewährt hat. Das Land war das einzige deutsche Besatzungsland ohne Kollaborationsregierung. Es gelingt Karski, die Strukturen dieses Untergrundstaates in aller Deutlichkeit darzustellen. Dazu kann er auf Notizen zurückgreifen, die er auf seinen mutigen Reisen durch Europa gemacht hatte. Die Entbehrungen während zahlreicher Wanderungen bei zweistelligen Minusgraden ohne ausreichende Nahrung auf unwirtlichen Pfaden und bei steter Gefahr, aufzufliegen, waren für die Protagonisten des Untergrundes Normalität.

Koordiniert wurden die Untergrundaktionen von der polnischen Exilregierung in London, die von General Sikorski am 30. September 1939, kurz nach der militärischen Niederlage gegen das Deutsche Reich, gegründet und von Präsident Edward Raczyński geführt wurde.

Leben mit verschiedenen Identitäten

Karski zeigt, dass ein potenzielles Mitglied des Untergrunds zahlreiche Prüfungen bestehen musste, bevor es eingesetzt werden konnte. Denn ein Fehler eines Mitglieds hätte das Leben zahlreicher anderer Mitglieder gefährden können. Karski schildert, wie viel Misstrauen ihm vor seinem ersten Einsatz im Untergrund entgegengebracht wurde und welche verschiedenen Codierungs- und Sicherheitssysteme er beherrschen musste, bevor er als „zuverlässig“ eingestuft wurde. Für den Normalsterblichen ist es unvorstellbar, wie viel Mut und Anpassungsfähigkeit Karski und seine Mitstreiter im Untergrund aufgebracht haben, um Widerstand gegen die deutschen Besatzer zu leisten.

Dabei gesteht Karski durchaus ein, dass er als Mitglied des Untergrundes teilweise besser mit Dingen des Alltags versorgt wurde als der Normalbürger. Dennoch waren die Entbehrungen im Untergrund groß. Alte Bekannte durfte Karski nicht mehr treffen, am gesellschaftlichen Leben konnte er nicht mehr teilnehmen. Ständige Orts- und Identitätswechsel beanspruchten die Psyche enorm. Dazu fiel er in einem slowakischen Nest der Gestapo in die Hände, wurde gefoltert, blieb (gegen seinen Willen) am Leben und schnitt sich daraufhin die Pulsadern auf. Aus dem örtlichen Krankenhaus wurde er schließlich befreit, da er für die Exilregierung in London ein wichtiger Bote war. Jeder Untergrundkämpfer hatte eine Giftpille, die er nach seiner Gefangennahme schlucken sollte. Karski war jedoch so schwer gefoltert worden, dass er diese Pille nicht mehr einnehme n konnte.

Darstellung deutscher Greueltaten

Dass viele Polen aus der älteren Generation auch gegenwärtig noch Animositäten gegen „die Deutschen“ haben, versteht man nach der Lektüre dieses Buches besser. Denn die perfiden, inhumanen Taten der Nazis werden durch Karskis Detaildarstellungen, zum Beispiel des Warschauer Ghettos, noch einmal in erschreckender Weise lebendig. Die Entmenschlichung der SS- und SA-Mitglieder, die abgemagerte Juden als Zielscheiben missbrauchten und für die das Töten Wehrloser Unterhaltung zu sein schien, macht fassungslos. Karski hat seine Besuche des Warschauer Ghettos und der Vernichtungslager selber psychisch und physisch kaum verkraftet. Aber er musste diesen schweren Weg gehen, um die Alliierten von der Realität des Holocausts zu überzeugen. Denn in England und den USA hielt man die Berichte über die systematische Judenvernichtung für „übertrieben“, bis Karski den Beweis auf Zelluloid in die USA schmuggeln konnte. Dort gelang es ihm, Antony Eden und Franklin Delano Roosevelt persönlich Bericht über den Holocaust und die deutsche Barbarei in Osteuropa zu erstatten.

Ein Augenzeugenbericht von hohem Wert

Dokumente wie dieses Zeitzeugnis stellen äußerst wertvolle Beiträge zur Vergangenheitsbewältigung und konstruktiven Erinnerungskultur dar. Die Übersetzung von Karskis Bericht an die Welt ist für die deutsche Geschichtsschreibung ein großer Gewinn. Denn der authentische Bericht beinhaltet die Gefühle des Autors, den berechtigten Hass auf den Feind und Karskis Ängste und Hoffnungen. Dieser Bericht verändert den Leser, der den Mut aufbringt, ihm von Anfang bis Ende zu folgen.

Jan Karski: Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund
Antje Kunstmann Verlag, München, 2011,
620 Seiten
ISBN 978-3888977053, 28,00
Euro


Die Bildrechte liegen beim Antje Kunstmann Verlag (Cover, Porträt)


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