Das neue Wir-Gefühl im Garten

Es war der Trend dieses Sommers in Berlin. Nichts spross in solcher Vielfalt aus dem Boden wie die vielen unterschiedlichen Gartenprojekte. Eine neue urbane Gartenbewegung lässt die Grenze zwischen Stadt und Land immer mehr aufweichen. Ob gemeinschaftlich, interkulturell oder generationenübergreifend konzipierte Gärten – die Resonanz der Bürger ist groß.  Von Giuseppina Lettieri

„Endlich mal ein Grund meine Oma anzurufen und um Rat zu fragen.“ Saskia, 29, grinst und grübelt kurz danach wieder, warum ihr vor kurzem gesäter Spinat nicht richtig wachsen will. Großmütterlicher Rat tut Not. Schließlich sät und erntet diese schon seit Jahrzehnten in ihrem eigenen Garten. Saskia hingegen ist da noch etwas grün hinter den Ohren. Seit Mai 2011 macht sie bei dem Gemeinschaftsgartenprojekt Allmende Kontor mit. Auf dem Tempelhofer Feld bietet die Initiative seit April 2011 allen Interessierten die Möglichkeit auf einem 5000m² großen Gelände das Gärtnern selbst in die Hand zu nehmen.

Der Spagat zwischen Natur und urbaner Lebensweise

Gartenarbeit, einst spießiges Hobby und der ergrauten Rentnergeneration vorbehalten, wird immer mehr zum Trend junger Großstädter: Es ist hip und zugleich Ausdruck eines inneren Bedürfnisses, die urbane Schnelllebigkeit zu entschleunigen und dem Stadtleben einen grünen Stempel aufzudrücken.

Ob an Hauswänden oder auf den Bürgersteigen: Der urbane Raum erblüht im grünen Gewand. Dabei fällt besonders ins Auge, dass die Akteure dieses Trends meistens Bürger aus der unmittelbaren Nachbarschaft sind. Das haben sich einige zum Vorbild genommen und diesen Gedanken weiterentwickelt. Als Aktionsräume werden bevorzugt die vielen Brachflächen Berlins auserkoren, um dort, wo jahrelang nichts oder nur Müll lag, nun die verschiedensten Gartenprojekte zu starten.

Die Brache ergrünt

Eine dieser ehemaligen Brachflächen befindet sich in Berlin Kreuzberg in unmittelbarer Nähe des verkehrsintensiven Moritzplatzes. Dort entstanden 2009 die Prinzessinnengärten. Wer hier an den gegliederten Aufbau einer Kleingartenkolonie denkt, der ist sicher erst einmal irritiert. Gärtnern in der Stadt sieht eben doch etwas anders aus. Anstatt in Beeten, wird hier alles in transportablen Säcken und Blechtrommeln angebaut. Dies ist zwar primär der befristeten Bewilligung des Projekts geschuldet, aber zugleich lässt sich auf diese Weise das Konzept der Prinzessinnengärten auch leicht in andere Kieze und Städte übertragen. Flexibel und unabhängig von den jeweiligen Bodengegebenheiten, können die verschiedenen, teilweise sehr seltenen Gemüsesorten angebaut werden. Die Auswahl spiegelt dabei nicht zuletzt auch die verschiedenen kulturellen Hintergründe der Prinzessinnengärtner wider.

Der Erfolg, gemessen an der Nachfrage aus der Bevölkerung und dem daraus erwachsenen ehrenamtlichen Engagement, ist groß. Über den Akt des gemeinsamen Anbauens von Gemüse hinaus ergeben sich für die Projektteilnehmer Möglichkeiten an einem Entwurf des gesellschaftlichen Miteinanders der Zukunft zu arbeiten.

Selbstverwaltete Nischen

Zurück auf dem Tempelhofer Feld erklärt Saskia was für sie das Besondere an der Allmende-Idee ist: „Hier kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, helfen sich gegenseitig beim Bauen der Hochbeete und geben sich Tipps beim Bepflanzen. Viele junge Familien sind dabei, aber genauso der türkische Opa, der sich zusammen mit ein paar Studenten ein Beet neben meinem gebaut hat.“

Der generelle Leitgedanke des Allmende Kontors ist es, die Selbstverwaltung des Gemeinguts zu fördern. Der Gemeinschaftsgarten ist dabei als Experimentierplattform zu verstehen, der das Ökologische mit dem Sozialen zu verbinden sucht: Weg von dem oft propagierten „Mein-Dein-Denkens“ in der Gesellschaft. Durch die Etablierung von Gemüse-Tauschbörsen soll sich diesem Ziel genähert werden. Nach dem Motto: Was bei dem Einen an Gemüse zu viel ist, soll mit dem Anderen und dessen Gemüse getauscht werden. So soll bewusster Konsum und ein solidarisches Miteinander gefördert werden. Zugegebenermaßen ist das eher eine kleine selbstverwaltete Nische in Zeiten einer fast perversen Wegwerfmentalität bei Lebensmitteln – derzeit schonungslos porträtiert in dem Dokumentationsfilm Taste the Waste und dem Buch zum Film Die Essensvernichter.

Als weiteres Nebenprodukt der neuen grünen Spielwiesen im öffentlichen Raum lässt sich ein integrativer Effekt der gemeinsamen Gartenarbeit erkennen. Das Gärtnern ist dabei das kommunikative Bindeglied zwischen den Menschen, die sich dort zusammenfinden. In regelmäßigen Abständen finden zudem bei vielen Gartenprojekten Treffen zum gemeinsamen Kochen des selbstgeernteten Gemüses statt. Denn wie könnten Menschen besser zusammenkommen als über das sinnlich verbindende Element des gemeinsamen Essens?

Auf Zeit gebaut

Neben den sozialen und integrativen Effekten haben viele der neuen Gartenprojekte noch etwas anderes gemein: Sie sind nicht für die Ewigkeit gedacht. Das Allmende Kontor zum Beispiel besitzt einen dreijährigen Pachtvertrag für das Gelände. Was danach passiert, steht in den Sternen. Planungssicherheit sieht anders aus. Für dieses Jahr musste das Allmende Kontor jedenfalls sogar einen Baustopp ausrufen, da die Kapazitätsgrenzen des zur Verfügung stehenden Geländes erreicht sind. Ein Aushang auf dem Gelände verspricht aber, dass nach neuen Orten zum Gärtnern Ausschau gehalten wird.

In Zeiten des Klimawandels, immer knapper werdender Ressourcen und sich überschlagender Lebensmittelskandale verbindet viele Menschen der Wunsch wieder mehr Handlungssouveränität über die Lebensbereiche Ernährung und Umwelt zu gewinnen. Ob von der urbanen Gartenbewegung mehr bleibt, als nur der Trend eines Sommers, hängt von den Bürgern selbst ab. Die stetige Weiterentwicklung durch die Projektkoordinatoren und die aktive Mitarbeit der Bürger an den Garteninitiativen werden dafür wegweisend sein. Nur dadurch wird an die Kommunen und Stadtentwickler ein eindeutiges Zeichen gegeben, dass diese Bewegung von Seiten der Politik verstetigt werden sollte, damit endlich jeder Bürger Berlins seinen Garten in der Stadt haben kann – jedenfalls prinzipiell.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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