Das größte Eigentor des Philipp Lahm

Wenn Fußballprofis während ihrer Karriere Bücher geschrieben haben, dann hat es ihnen meist geschadet. Philipp Lahms Buch wird keine Ausnahme sein. Von Christoph Rohde

Schon bevor Philipp Lahms Buch Der feine Unterschied – Wie man heute Spitzenfußballer wird veröffentlicht wurde, hat es bereits großes Aufsehen erregt. Dies liegt am Vorabdruck durch Bild, die natürlich nur die brisantesten Stellen und oft aus dem Kontext gerissen, publizierte. Dennoch: Philipp Lahm, ein intelligenter junger Mann mit einem Herz für soziale Belange, hat ohne Not bewährten Fußballgrößen der Republik auf die Füße getreten. Aber maßgeblich mitverantwortlich für den durch die Publikation ausgelösten Entrüstungssturm düften Lahms Berater Roman Grill und der Pressechef des FC Bayern, Markus Hörwick sein, die die Folgen dieses Buches besser hätten antizipieren können und müssen.

Kleinigkeiten, die den Unterschied machen

Der Beginn von Lahms Karriere offenbart nicht sehr viel Außergewöhnliches. In der frühen Jugend von einem größeren Verein entdeckt, gefördert, dann Jugendnationalspieler. Für Lahm ist Disziplin – Fussball statt Frauen – entscheidend, ob man letztlich dazu imstande sein wird, Fußballprofi zu werden. Als er in der „goldenen Generation“ der Regionalligamannschaft des FC Bayern von 2003, aus der zahlreiche Nationalspieler hervorgingen, spielte, erhielt er vom damaligen VfB-Trainer Felix Magath das Angebot, ins Stuttgarter Profi-Team zu wechseln. Das Ergreifen dieser Chance hält Lahm für genauso entscheidend für seinen späteren Erfolg, wie seine spontane Bereitschaft, auf die linke Verteidigerposition zu wechseln; zwei Entscheidungen, die letztlich den „feinen Unterschied“ ausmachten. In eineinhalb Jahren schaffte es Lahm so von der Regionalliga bis in die Nationalmannschaft, auch wenn der Start bei der Europameisterschaft 2004 mit dem blamablen Ausscheiden in der Vorrunde alles Andere als optimal verlief.

Jede Menge Fettnäpfchen

Die Kritik an der mangelnden Lernbereitschaft seines Ex-Trainers Louis van Gaal in Bezug auf das Spielsystem des FC Bayern ist die eine Sache, die undifferenzierte fachliche Kritik an Größen des deutschen Fußballs, eine andere. Zu Völlers Training schreibt Lahm: „Wir trainieren nichts Spezielles, außer vielleicht Flanken von der Seite in die Mitte, wo dann irgendwer unbedrängt den Ball annimmt und aufs Tor haut. Lustig, ja, und völlig unsystematisch.“ Dieser latente Spott richtet erheblichen Schaden an. In der führenden Fußball-Talkshow Doppelpass konterte Völler bereits am Tag nach dem Vorabdruck: „Eine solche Art der Kritik gehört sich nicht.“ Der Junge könne sich kein Urteil darüber erlauben, wie eine Nationalmannschaft zu führen gewesen sei. Auch Ex-Bundes- und Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann wird von Lahm als oberflächlicher Motivator abgekanzelt. Lahm erlaubt sich die Kardinalsünde in dieser Profession. Er vergleicht und bewertet einzelne Akteure, was zu Lasten zahlreicher Spieler und Trainer geht. Viele Freunde bleiben am Ende nicht übrig.

Die Frage der Motivation

Es finden sich zahlreiche interessante Ansätze und Gedanken in Lahms „Zwischen-Biographie“, zum Beispiel zum Umgang von Sportlern mit Verletzungen, zur integrationspolitischen Funktion des Fußball oder zu den Möglichkeiten, sich als Fußballer für soziale Belange einzusetzen – Die Philipp-Lahm-Stiftung setzt sich für die Ausbildung südafrikanischer Jugendlicher ein. Doch durch den Gesamttenor des Buches verschwimmen diese wertvollen Gedanken.

Warum er das Buch geschrieben habe, wurde der Nationalspieler öffentlich gefragt, worauf Lahm antwortete: „Mein wahres Motiv ist, dass ich den Leuten den Fußball nahe bringen möchte“. Aber Lahm geht es ganz sicher auch um die eigene Profilierung als Kapitän. Der eher klein gewachsene und jugendlich wirkende Verteidiger besticht durch Leistung und Intelligenz, aber es fehlt ihm an natürlicher Autorität. Deshalb rechtfertigt er auf sechs Seiten seinen Wunsch, nach der Weltmeisterschaft Kapitän der Nationalmannschaft bleiben zu wollen. Dass er ein Mann mit Ecken und Kanten sei, demonstriert er daran, dass er für sein legendäres kritisches Interview über den FC Bayern die höchste Geldstrafe der Vereinsgeschichte eingesteckt habe. Lahm hatte im Oktober 2009 die fehlende Vereinsphilosophie des Rekordmeisters beklagt, was die FCB Granden um Uli Hoeneß alles andere als begeistert hatte.

Verstoß gegen den Ehrenkodex – mit Folgen?

Wird dieses Buch in Philipp Lahms Karriere den großen Bruch einläuten, wie dies bei Toni Schumacher und Lothar Matthäus und ihren Publikationen der Fall war? Ein Buch über den Profifußball während der aktiven Fußballer-Laufbahn zu schreiben, erweist sich auch dieses Mal als unkalkulierbares Risiko. Für zahlreiche Ex-Fußballer hat Lahm mit seiner Veröffentlichung gegen den Ehrenkodex des Fußballs verstoßen. Das ist eine turmhohe Hypothek, die sich der ehrgeizige Spieler aufgebaut hat, zumal sein Wunsch nach Medienpräsenz mittlerweile als notorisch zu bezeichnen ist. Die erste sportliche Schwäche wird Lahms Kritikern Tür und Tor öffnen, um ihn auszubremsen – möglicherweise nicht nur sportlich.

Philipp Lahm: Der feine Unterschied – Wie man heute Spitzenfußballer wird.
Antje Kunstmann Verlag, August 2011, 250 Seiten
ISBN 9783888977299, 19,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag Antje Kunstmann (Cover) und az1172 (Creative Commons) (Philipp Lahm)


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