Einmaleins der Meinungsmache

09. Mrz 2011 | von Luzia Geier | Kategorie: USA
Seine Gegner bezeichnen Obama wahlweise als Faschisten oder Sozialisten.
Kein anderer Fernsehsender beeinflusst die amerikanische Bevölkerung so sehr wie Fox News. Den Wahlsieg Barack Obamas konnte der Kanal zwar nicht verhindern. Doch die Verantwortlichen arbeiten unbeirrt daran, ihm seine Amtszeit zu erschweren – mit Erfolg. Von Luzia Geier

„Wir Amerikaner mögen keine Terroristen, wir mögen keine Dope-rauchenden Hippies, so machen wir Amerikaner das nicht”, erklärt der untersetzte Herr im schicken Anzug. Er malt drei scheinbar planlose Striche an eine vor ihm aufgebaute, altmodische Schultafel.  Deren Mittelpunkt bildet ein Foto von Barack Obama, über dem der Schriftzug Tree of Revolution zu lesen ist. Vermeintlich zusammenhangslos befindet sich links darunter das Konterfei Che Guevaras. Der Sprecher geht jedoch nicht darauf ein und malt weiter, redet sich regelrecht in Rage. „Die Gesundheitsreform, die nur dazu da ist, unser gesamtes System kollabieren zu lassen…”, hört man den Blonden sprechen. „Machtübernahme… Marxismus… Moral…” Obamas Regierung, so stellt er fest, ist der Feind aller guten und religiösen Bürger. Währenddessen fliegt seine Hand, die Kreide fest umklammert, über die Tafel. Das Bild nimmt langsam  Formen an: Der „Tree of Revolution” ist vollendet. Die Wurzeln bilden Che und andere links-orientierte Persönlichkeiten, die Studentenbewegung der 1960er ist der Stamm. Oben in der Baumkrone thront Obama und es ist klar: Der Präsident und seine „sozialistischen Hintermänner” haben nur eines im Sinn: die USA in einen „faschistischen, maoistischen” Staat zu verwandeln.

Fair und Ausgewogen”

Eine Tafel, eine Weltsicht: Moderator Glenn Beck
Nein, das ist kein Stammtisch-Gerede. Die mit Kreidezeichnungen untermalten Thesen gehören zu Glenn Beck, dem Moderator einer der populärsten Vorabendsendungen der Vereinigten Staaten. Der verantwortliche Kabelsender Fox News untersteht der Fox Entertainment Group, einem der einflussreichsten Großkonzerne der Welt. Fünf Tage pro Woche kann man sie dort bewundern, Glenn Beck und seine Tafel. Auf jener befinden sich in stetem Wechsel Hakenkreuze, chinesische Flaggen und Persönlichkeiten wie Stalin oder Mussolini. Eins bleibt jedoch immer gleich: der Pfeil zu Barack Obama.

Die konservative Ausrichtung von Fox News ist ein offenes Geheimnis. Gründer Rupert Murdoch verteilt regelmäßig Spenden in Millionenhöhe an republikanische Institutionen. Der Sender, der mit dem Slogan „Fair and Balanced” wirbt, nahm außerdem im Januar letzten Jahres die erzkonservative Sarah Palin unter Vertrag.  Die Suche nach sachlicher Berichterstattung gestaltet sich insgesamt nicht immer leicht in der Welt des amerikanischen Kabelfernsehens. Auch  in anderen Programmen finden sich undifferenzierte Kommentare.

Fox News polarisiert jedoch so sehr, dass sogar das Weiße Haus dazu Stellung bezog. Kommunikations-Chefin Anita Dunn verurteilte die einseitige Berichterstattung: „Fox News operiert oft entweder als Recherche- oder Kommunikationsarm der Republikaner. Das ist auch in Ordnung so. Aber lassen sie uns nicht so tun, als hätten wir es mit einem Nachrichtenssender wie CNN zu tun.”

Die Macht der Medien

Nichtsdestotrotz befindet sich Fox News schon lange auf Platz eins der meistgesehenen Nachrichtensender. MSNBC, ein populärer linksliberaler Sender, muss sich  mit dem zweiten Rang begnügen und CNN ist an dritter Stelle. Die Ökonomen Stefano DellaVigna und Ethan Kaplan nennen dieses Phänomen den Fox News Effekt.  Sie nahmen die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 zum Anlass, den Einfluss des Senders auf das Wahlverhalten der Amerikaner zu untersuchen. Aus ihrer Studie geht hervor, dass der republikanische Stimmenanteil, im Vergleich zu 1996, in jenen Städten stieg, welche neben Fox News nur eine begrenzte Auswahl an anderen Nachrichtensendern zur Verfügung hatten.

Außerdem fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Quote von Unentschlossenen, welche Fox News als ihre Nachrichtenquelle nutzten und dann die Republikaner wählten, zwischen drei und acht Prozent lag. In Anbetracht des knappen Wahlsiegs von George W. Bush sei es somit „sehr wahrscheinlich“, dass der Sender zum endgültigen Ergebnis beitrug. Natürlich handelte es in diesen Fällen um verhältnismäßig kleine Zahlen. Gegen den Erdrutsch-Wahlsieg Obamas 2008, unter anderem begründet durch die vielen politischen Fehltritte seines Vorgängers, hatte selbst Fox News keine Chance.

Riskante Entwicklung

Seinen Wahlsieg konnte Fox News nicht verhindern. Doch im Amt ist Obama erst recht die Zielscheibe des Senders geworden.
Dennoch bestätigte sich vor allem während Bushs Präsidentschaft immer wieder der Einfluss des Kanals auf seine Zuschauer. So glaubten im Wahljahr 2004 ganze 67 Prozent aller Fox News-Konsumenten, es gäbe Beweise für Saddam Husseins Verbindung zu al-Qaida. Im Gegensatz dazu waren unter den Zuschauern des öffentlich-rechtlichen Senders PBS nur sechzehn Prozent dieser Auffassung. Fox News lässt folglich nicht nur im Bezug auf Wählerstimmen die Muskeln spielen, sondern auch bei der Verbreitung falscher Tatsachen.

Nach Obamas Inauguration wurde insbesondere die angebliche Einführung von Euthanasie-Räten im Zuge der Gesundheitsreform geradezu ausgeschlachtet. Murdochs Sender widmete Stunden der Diskussion einem Gerücht, welches sich bereits mit seinem Aufkommen als vollkommen abwegig erwiesen hatte.  Nicht zuletzt wegen derartiger Propaganda verlor Obama drastisch an Popularität und seine Partei in der Folge wichtige Mandate bei den Kongresswahlen. Die jüngsten Ereignisse in Nordafrika bereiten zusätzlich den Boden für Panikmache. Glenn Becks Tafel- Beweisführung hat längst den Beginn der Islamisierung der Vereinigten Staaten heraufbeschworen und auch die restlichen Meldungen würde Sprecherin Anita Dunn wahrscheinlich kaum als „seriösen Journalismus” bezeichnen.

Zwar konnte Obama in den letzten Umfragen, unter anderem durch seine Rede zur Lage der Nation, wieder Pluspunkte sammeln. Dennoch sitzt der Fernsehsender ihm ständig im Nacken und könnte jederzeit zum entscheidenden Faktor werden. Bis zur nächsten Präsidentschaftswahl sind es noch knapp anderthalb Jahre und in den amerikanischen Medien wird eingehend darüber spekuliert, wer für die Republikaner antreten wird. Unter den möglichen Kandidaten befinden sich fünf, die einen Vertrag mit Fox News haben.


Die Bildrechte liegen bei Dave Parker (Plakate, Creative-Commons-Lizenz), David Shankbone (Beck, Creative-Commons-Lizenz) und Pete Souza (Obama, Creative-Commons-Lizenz).


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Ein Kommentar
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  1. Die letzte Meldung war, dass FOX NEWS überlegt Becks Vertrag, der im Dezember diesen Jahres ausläuft nicht zu verlängern. Ob das daran liegt, dass Becks Prophezeiungen einer faschistisch-islamistisch-sozialistischen Weltverschwörung zur Errichtung eines weltumspannenden Kalifats und seine oftmals schlichtweg falschen Behauptungen letztendlich zu viel waren oder dass seine Zuschauerzahlen seit letzten August um ein Drittel gesunken sind, können wahrscheinlich nur die FOX NEWS Bevollmächtigten sagen.

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