Am Anfang war Assange

Ein turbulentes Jahr liegt hinter WikiLeaks. Bei der Kooperation zwischen der Organisation und dem SPIEGEL fungieren Marcel Rosenbach sowie Holger Stark als Schnittstelle. In ihrem Buch zeigen sie eine bislang unbekannte Seite der Internetplattform sowie ihres Gründers Julian Assange. Von Stefan Bernhardt

Viele interessierte Menschen haben sich die geheimen US-Dokumente entweder direkt auf WikiLeaks angeschaut oder sich in den Medien darüber informiert. Für die Regierung der Vereinigten Staaten war dies eine Kette von peinlichen Ereignissen. Der vorläufige Höhepunkt dieser Geschichte ist die Veröffentlichung der US-Botschaftsdepeschen. Mit Staatsfeind WikiLeaks legen die SPIEGEL-Journalisten Rosenbach und Stark ein interessantes Buch vor, das einen Blick hinter die Kulissen der Plattform bietet, aber vor allem die Persönlichkeit ihres Gründers in den Fokus nimmt.

Ein turbulentes Leben

Hinter jeder Idee stecken Menschen mit ihrer eigenen Lebensgeschichte, die sie prägen. Wenig verwunderlich, dass die Autoren mit Assanges Geschichte in seinem Heimatland Australien beginnen. Schnell wird dem Leser deutlich gemacht, dass er ein turbulentes Leben hatte. Seine Kindheit und Jugend wirken im Buch teilweise stürmischer als sein heutiges Leben. Häufige Umzüge, Verstecken vor dem Stiefvater, soziale Isolation, Rückzug in eine virtuelle Welt sowie als junger Erwachsener der Kampf um das Sorgerecht für seinen Sohn prägten das Dasein des WikiLeaks-Gründers.

Bei der Beschreibung wird nicht an Details gespart. Dabei wird ebenso ausführlich Bezug auf die gegen Assange erhobenen Vorwürfe in Schweden genommen, die zu seiner Verhaftung im Dezember 2010 in England führten. Die Autoren zeichnen das Bild eines Exzentrikers, der mit seinem Ego und seiner Paranoia WikiLeaks oft an den Rand der Existenz trieb. Assange polarisiert – dies ist einer der zentralen Eindrücke, die vermittelt werden.

Hinter den Kulissen

Unter seinem Verhalten haben vor allem seine Mitstreiter zu leiden, die sich zum Teil inzwischen von ihm getrennt haben, wie Daniel Domscheit-Berg. Er fungierte als einer der offiziellen Sprecher der Organisation, war der Programmierer der Internetseite und verwaltete die WikiLeaks-Gelder bei der Wau-Holland-Stiftung. Assange schloss ihn, wie so viele, in zunehmendem Maße von den strategischen Entscheidungen aus. Nachdem Domscheit-Berg dies sowie seinen allgemeinen Führungsstil kritisierte, kam es zum Bruch zwischen den beiden. Seitdem arbeitet er an der Konkurrenz-Plattform OpenLeaks.

WikiLeaks hat viele Anhänger, Helfer und Mitarbeiter – doch mit Assange nur ein Gesicht, das der Internetplattform seinen Stempel aufdrückt. Insbesondere die Aussage von Assange gegenüber einem anderen Mitarbeiter, der ihn kritisierte, macht dies deutlich: „Ich bin das Herz und die Seele dieser Organisation, ihr Gründer, ihr Sprecher, der erste Programmierer, Organisator, Finanzier und ganze Rest. Wenn du ein Problem damit hast, verpiss dich.“

Ein sicherer Hafen

Die Geschichte von WikiLeaks wird zwar von Rosenbach und Stark plastisch dargestellt, leidet aber stets unter der offenbar omnipräsenten Erscheinung Assange, die im Vordergrund steht. Immerhin kommen die Funktion wie auch die Idee der Internetseite nicht zu kurz. Ein sicherer Hafen für Personen, die Zugang zu brisanten Dokumenten haben und diese anonym an die Öffentlichkeit bringen wollen. Interessant ist für den Leser vor allem eine Information, die zwischen den Zeilen vermittelt wird: Nur ein kleiner Teil der vorhandenen Dokumente wurde bisher veröffentlicht. Es darf noch mehr erwartet werden. Zusätzlich wird das Schicksal des Leakers Bradley Manning in diesem Kontext detailliert beleuchtet. Er wartet derzeit in einem US-Militärgefängnis auf seinen Prozess, da er die geheimen US-Unterlagen kopierte sowie anschließend an WikiLeaks sandte.

Die Autoren werden allerdings nicht müde zu erwähnen, dass die Internetseite nicht ohne die etablierten, traditionellen Medien auskommt. Ihr fehle es an den nötigen journalistischen Kompetenzen und sie hätte es ohne die Medien nicht zu ihrer Berühmtheit gebracht. Die kooperierenden Medien scheinen diesbezüglich nicht vollständig mit Assanges Vorstellungen einverstanden zu sein. Es gab Streit um den Zeitpunkt der Veröffentlichung sowie den Zugang zu den Daten für die Medien. Vor allem aber darüber, was veröffentlicht werden kann, ohne das Leben von Menschen zu gefährden. Während Assange für die komplette unzensierte Publizierung eintrat, sahen die Medienpartner Guardian, New York Times und der SPIEGEL dies kritischer. Insbesondere diese Konflikte bieten interessante Einblicke in die Kooperation, die der Öffentlichkeit bislang verschlossen geblieben waren.

Kein Ende in Sicht

Wer sich nicht an den bereits bekannten Geschichten aus SPIEGEL-Artikeln über den Inhalt der veröffentlichten Dokumente stört, kann sich an der interessanten WikiLeaks-Geschichte mit internen Blickwinkeln erfreuen. Vorausgesetzt man ist der Debatte um die Organisation noch nicht überdrüssig. Eine Antwort auf die Frage, wie die Zukunft von WikiLeaks aussieht, welche langfristige Wirkung es auf die Medienlandschaft, Politik oder Gesellschaft haben wird, bleibt das Buch allerdings schuldig. Es ist vor allem eine Geschichte mit einem offenen Ende.

Rosenbach, Marcel; Stark, Holger: „Staatsfeind WikiLeaks, Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert“
DVA Verlag, München, 2011, 336 Seiten
ISBN 978-3-421-04518-8, 14,99 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover) und bei New Media Days/Creative Commons (Porträt Assange).


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