Wechselstimmung am Pazifik – Teil 2

PlakateBei der Präsidentschaftswahl in Chile geht der Rechtskonservative Sebastián Piñera mit Vorsprung in die Stichwahl – die Meinung über ihn aber ist gespalten. Von Steffi Fetz

Am Montag nach der Wahl wird nachbereitet: Chilenische Zeitungen schreiben vom Triumph Piñeras, deutsche vom Rechtsruck und einem chilenischen Berlusconi. „Ich glaube weder daran, dass ein Rechtsruck stattfindet, noch dass Chile einen Berlusconi bekommt“, meint der chilenische Politikwissenschaftler Raimundo Heredia von der Universidad de Chile. Sein Fachgebiet sind die Politischen Systeme Lateinamerikas. „Piñera hat schon immer auf eine Wählerschaft im konservativen Zentrum gesetzt“, berichtet er. Radikale Umbrüche seien Heredia zufolge schon allein deshalb nicht möglich, weil das rechte Lager dafür keine Mehrheiten in den beiden Kammern des chilenischen Parlaments besitzt. Es gilt, wie so oft, die Konsenssuche.

Diese ist zwischen den Generationen schwierig. Während die Eltern sich für Piñera begeistern, kritisiert die 28-jährige Carolina dessen Nähe zu Politikern, die bereits zu Zeiten der Diktatur aktiv waren. „Er gibt vor, Präsident aller zu sein, doch die große Ungleichheit, die in Chile zwischen Arm und Reich herrscht, wird er nicht verringern“, sagt die Anglistikstudentin und bewegt auf dem Sofa sitzend mit dem Fuß die Babywippe ihres Sohnes. An der Wand hinter ihr hängt ein Gemälde eines befreundeten Künstlers. Es zeigt das zerbombte Regierungsgebäude 1973 während des Militärputsches gegen den damals amtierenden sozialistischen Staatschef Salvador Allende.

Ein junger Mann für Ominami

Carolina wollte wählen, war auf dem Amt, um sich registrieren zu lassen. Doch da ihr Geldbeutel samt Personalausweis gestohlen wurde, weigerten sich die Beamten. Ihr Freund Emilio, 32,  hätte schon bei drei Präsidentschaftswahlen wählen können. Doch erst 2009 gab er seine Stimme ab. Damit liegt er im Trend: Nur etwa ein Fünftel der Chilenen unter 30 Jahren lassen sich zur Wahl überhaupt registrieren. Sie scheuen die langen Schlangen vor den Wahllokalen, in der sommerlichen Hitze von mehr als 30 Grad.

Sie sind aber vor allem genervt von der chilenischen Wahlpflicht. Hat man sich einmal registrieren lassen, ist man verpflichtet, bei jeder künftigen Wahl sein Kreuz zu machen oder auf Anfrage als Wahlschöffe zu helfen. Wenn keine besonderen Gründe, wie Auslandsaufenthalte, den Wahlgang verhindern, droht ein Bußgeld von rund 50 Euro. „Das ist zwar für die Mehrheit der Chilenen noch kein Vermögen, aber diese Einschränkung und Kontrolle stört die Jugend am Wahlsystem“, meint Emilio. Im September hat er sich dennoch registrieren lassen. Er hat für Ominami gestimmt, wegen dessen Ideen und dessen Zuversicht – und weil Emilio verhindern will, dass die Rechte an die Regierung kommt. Vielleicht aber auch deswegen, weil sich seine Lebensumstände geändert haben: Zwei Wochen nach seiner Registrierung kam sein Sohn Salvador zur Welt.

Ein alter Herr für den Wechsel

KochAm Tag zwei nach der Wahl herrscht auf dem “Vega”, den Markthallen Santiagos, Alltag. Zwischen dem Geruch von rohem Fleisch und frischem Fisch und den leuchtenden Farben der Erdbeeren und Zitronen drängen sich die Menschen in der Mittagszeit zu den Essensständen. Hier gibt es für wenig Geld „Completos“, die chilenischen Hotdogs, oder „Pastel de Choclo“, einen Mais-Fleisch-Auflauf.

Auf der einen Seite des Durchgangs stehen Tische und Stühle auf zwei Ebenen, auf der anderen wird geschnitten und gebrutzelt. Man kann dem Koch René im Vorbeigehen direkt in den Topf schauen. Der 74-Jährige arbeitetet seit fast 50 Jahren in seinem Familienbetrieb täglich elf Stunden, am Montag etwas weniger. Natürlich war er zusammen mit Frau, Kindern und Enkelkindern wählen. „Ich sehe die Leute hier jeden Tag durchlaufen. Auch wenn wir im Vergleich zu unseren Nachbarländern gut entwickelt sind, gibt es viel Armut. Sehr viel Armut“, sagt er. Diese könne man nur bekämpfen, wenn man das schlechte Bildungssystem verbessere und dem Drogenhandel und der Kriminalität entschlossen entgegentrete. Daher hat er Sebastián Piñera gewählt und wird es auch bei der Stichwahl tun. „Die Concertación war nun 20 Jahre lang an der Regierung. Die Linke hat einfach keine Ideen mehr, sondern wiederholt sich ständig“, begründet er.

Eduardo Frei, der zweite Kandidat der Stichwahl im Januar, war von 1994 bis 2000 schon einmal Präsident. Von ihm spricht hier in diesen Tagen keiner.


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