Wahre Helden frieren lieber

„Shoppen für Weltverbesserer“ – unter diesem Motto fand Mitte November der Zweite Heldenmarkt in Berlin statt. Die Verbrauchermesse möchte Umweltbewusstsein und verantwortungsvollen Konsum miteinander verbinden. Herausgekommen ist jedoch eine Nabelschau für Öko-Hedonisten und nachhaltige Konsum-Jünger mit fadem Beigeschmack. Ein Veranstaltungsbericht von Alf-Tobias Zahn

Die Halle im ersten Stock des Postbahnhofs am Ostbahnhof war gut gefüllt. An beiden Ausstellungstagen besuchten knapp 5.000 Interessierte den Heldenmarkt und frönten dem nachhaltigen Konsum. Gratis mitgeliefert wurde von den Veranstaltern das beruhigende Gefühl vom verantwortungsvollen Helden, der beim Shoppen, genannt: „korrekter Konsum“, auf Nachhaltigkeit achtet.

Über 100 Aussteller rückten auf den 2.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zusammen und propagierten ihre mehr oder weniger ökologischen Produkte. Geboten wurde alles – vom nachhaltig produzierten Business-Hemd über fair gehandeltes Holzspielzeug und Fahrräder aus Bambus bis hin zu Anleihen für den darbenden Regenwald und ozonfreies Wasser in fünf Geschmacksrichtungen – in der Flasche gereift und mit LKWs zum Standort gebracht. Bio, Faitrade und „Gedöns“, würde Altkanzler Schröder wohl dazu sagen.

„Ist was für Prenzlauer-Berg-Eltern“

Unabhängig von der Beantwortung der Frage, ob Konsum überhaupt nachhaltig sein kann, fragten sich einige Besucherinnen und Besucher, wo sie eigentlich hingeraten sind. „Ich lass mich doch nicht mit Werbung zuballern und zahle auch noch fünf Euro“, setzte ein unzufriedener Besucher gerade an, als er an den Biowindeln der Marke „wiona“ vorbeispazierte. Noch während des Streitgesprächs mit seiner Begleitung verstummte der Gast allerdings beim Anblick von „teaposy“. Schwungvoll wird ein Beutel mit grünem Tee in heißes Wasser geworfen. Unter dem Raunen der Zuschauer platzt der Beutel auf – tata! Erstaunt, kopfschüttelnd und gerade im Begriff, zum nächsten Stand zu ziehen, streift der Blick noch die Krokodillederschuhe des Öko-Animateurs hinter der Teekanne.

Zwei Projekte auf dem Messegelände zeigen, dass die Veranstaltung nicht nur etwas „für Prenzlauer-Berg-Eltern“ ist.  Es geht auch anders – ohne simulierte Unterhaltung, philosophische Ansätze und große Kulleraugen. Der Quartiermeister zum Beispiel ist das erste Berliner not-for-profit-Bier. Mit dem Gewinn werden soziale Projekte und Initiativen in den Kiezen der Hauptstadt gefördert, über die die Konsumenten auch abstimmen können. Für Fashionistas mit Anspruch und aktuellem Modegeschmack liefert Ken Panda die entsprechenden Outfits – aus ökologischer Baumwolle, mit gewagten Designs – Berlin-Neukölln lässt grüßen – und für den eigenen Nachwuchs den Supermann-Strampler. Es geht also doch – verantwortungsbewusst und farbenfroh, statt messe- und massenkompatibel.

Wenn der Heizstrahler glüht

Manchmal steckt der Teufel aber im Detail – wer genau hinsah, konnte feststellen, dass die anerkennenswerten Ziele der potenziellen Weltverbesserer nicht stringent umgesetzt wurden. Ob ein Berliner Carsharing-Anbieter auf einer Messe für Nachhaltigkeit wirklich etwas zu suchen hat, ist eine Sache. Etwas grundsätzlich anderes ist dagegen die sinnlose und gedankenlose Verschwendung von Energie, damit es die Besucher schön heimelig haben.

Anders lässt es sich nicht erklären, warum die Heizstrahler an der Decke des Erdgeschosses im Bereich der Garderobe und des Bistros auf höchster Stufe liefen. Um dem einsetzenden Transpirationsprozess der Gäste entgegen zu wirken wurde jedoch nicht die Temperaturstufe heruntergeregelt; man entschied sich lieber für das stundenlange Öffnen einer Seitentür.

Spätestens für die dritte Auflage des Heldenmarktes im März sollten die Veranstalter beherzigen: Wahre Helden frieren lieber.

Anmerkung des Autors: Für die Recherche zu diesem Kommentar wurden mutmaßlich 70 Gramm co2 durch Suchanfragen bei Google ausgestoßen.


Die Bildrechte liegen bei Matze Hielscher und Yeayea, beide Creative Commons Lizenz.


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