Von Watergate bis WikiLeaks

WikiLeaks hat geheime Dokumente veröffentlicht, die zeigen, wie schlecht es um Afghanistan wirklich steht. Die Website steht in einer langen Reihe von Aufdeckern, die Korruption und Missstände an die Öffentlichkeit bringen. Von Tobias Hauser

92.000 Dokumente umfassen die auf WikiLeaks veröffentlichten, eigentlich vertraulichen Informationen über den Krieg in Afghanistan. Einige davon sind so brisant, dass sie sogar vor der afghanischen Regierung geheim gehalten wurden.

Die Dokumente räumen auf mit dem öffentlich vermittelten Bild des Konfliktes. So soll das Land im Laufe der vergangenen Jahre sicherer geworden sein. Das Gegenteil aber ist der Fall. Und auch das Bild vom Norden Afghanistans, in dem die deutschen Truppen der NATO-Mission ISAF stationiert sind und der als vergleichsweise sicher gilt, wird durch die Dokumente widerlegt. Besonders explosiv an den Dokumenten: sie berichten davon, dass, wie bisher nur vermutet, der pakistanische Geheimdienst die Taliban unterstützt.

Aufdecken von Kriegsverbrechen

Die jetzt veröffentlichten Informationen sind nicht der erste Coup, den WikiLeaks landen konnte. Seit 2006 bietet die Seite Menschen mit Zugang zu geheimen Dokumenten die Möglichkeit, diese anonym zu veröffentlichen. Lediglich fünf feste Mitarbeiter hat WikiLeaks. Der Öffentlichkeit mit seinem richtigen Namen bekannt ist nur der Australier Julian Assange, Gründer der Internet-Plattform.

Die Bandbreite der Publizierungen reicht von lustig-harmlos bis zu Hinweisen auf Kriegsverbrechen. 2008 wurde zum Beispiel der Inhalt von Sarah Palins Yahoo!-Mailbox veröffentlicht, nachdem der Sohn eines demokratischen Abgeordneten ihre Zugangsdaten erraten hatte. Daraufhin stellte sich heraus, dass Palin, frühere US-Vize-Präsidentschaftskandidatin, ihren privaten Account für offizielle Regierungsgeschäfte benutzte. Auch 2008 und noch einmal im darauf folgenden Jahr erschien eine Liste mit Namen von Mitgliedern der rechtsextremen British National Party auf WikiLeaks.

Das größte Aufsehen erregte aber vermutlich die Veröffentlichung eines Videos in diesem Frühjahr, das US-Soldaten bei der Tötung von irakischen Zivilisten und Reuters-Journalisten zeigt. Geleakt – „leak“ ist das englische Wort für Leck oder Loch – wurde das Video vermutlich von einem Mitglied der US-Armee. Im Mai wurde der 22-jährige Bradley Manning verhaftet. Ihm drohen wegen der Veröffentlichung bis zu 52 Jahre Haft.

Ohne Informanten kein WikiLeaks

Sollte es tatsächlich Mannings gewesen sein, der das Video dem Onlineportal zuspielte, stünde der Soldat in einer langen Tradition von so genannten Whistleblowern („Pfeifenbläser“). Sie machen die Öffentlichkeit auf Missstände in Politik oder Wirtschaft aufmerksam. Ihre Handlungen sind dabei in den meisten Fällen nicht legal, da sie vertrauliche und klassifizierte Informationen veröffentlichen.

Unter den bedeutendsten Whistleblowern befindet sich Ronald Ridenhour. Ohne ihn wäre das Massaker von My Lai, bei dem mehrere hundert vietnamesische Zivilisten von US-Soldaten gefoltert und ermordet wurden, wohl nicht publik geworden. Wie Ridenhour war auch Joe Darby ein Armeeangehöriger. Darby brachte 2004 den Folterskandal im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis ans Licht.

Einer der bekanntesten Informanten dürfte Mark Felt sein, der unter dem Decknamen Deep Throat die Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein mit wichtigen Informationen zum Watergate-Skandal versorgte. Die Verfilmung der Geschichte mit Robert Redford und Dustin Hoffmann erreichte Kultstatus. Auf Grund der Veröffentlichungen der beiden Journalisten der Washington Post trat Richard Nixon zurück – als erster US-Präsident überhaupt. In Europa machte sich vor allem der Niederländer Paul van Buitenen einen Namen. Er deckte in den 1990er-Jahren den Korruptionsskandal um die Europäische Kommissarin Édith Cresson auf, was schließlich zum Rücktritt der gesamten Kommission führte.

Konsequenzen für die Whistleblower

Van Buitenen wurde später mit der Leitung einer parlamentarischen Untersuchung belohnt. Damit erging es ihm bedeutend besser als vielen anderen Whistleblowern. Als Joe Wilson seine Recherchen veröffentlichte, und damit der Bush-Administration eine wichtige Rechtfertigung für den Irak-Krieg nahm, ließ die Regierung die Tarnung seiner Ehefrau Valerie Plame, eine CIA-Geheimagentin, auffliegen. Wilson hatte die Behauptung der Regierung widerlegt, wonach der Irak nukleares Material im Niger erworben hatte.

Solche Konsequenzen für ihre Informanten wollen die Betreiber von WikiLeaks vermeiden. Sie halten ihre Quellen geheim. Dennoch kommt es von Behörden immer wieder zu Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen.

Wie wichtig die Arbeit von WikiLeaks inzwischen für traditionelle Medien geworden ist, zeigt die finanzielle Unterstützung, die die Website von Zeitungen wie der Los Angeles Times oder der Presseagentur Associated Press erhält. Gleichzeitig beweist es aber auch, dass WikiLeaks von Print- und Rundfunkmedien abhängig ist. Einerseits können dadurch Server-, Verwaltungs- und auch Prozesskosten bezahlt werden. Andererseits ist WikiLeaks auf die größeren Reichweiten der Unterstützer angewiesen, um die Informationen unter das Volk zu bringen. Denn: Der Durchschnittsbürger liest keine 92.000 Dokumente über den Afghanistan-Krieg. Eine Zusammenfassung davon in einer Tages- oder Wochenzeitung schon.


Die Bildrechte liegen bei _marmota / Quelle: flickr (Foto: anonymer Informant) lizensiert unter Creative Commons und bei New Media Days / Quelle: flickr (Julian Assange) lizensiert unter Creative Commons.


logo_politik_de_rgb_360_66Dieser Artikel erschien bereits bei unserem Kooperationspartner


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