Von Fußball, Fans und Frauen

Seit einigen Jahren scheint es in Fußball-Deutschland ein neues Phänomen zu geben: Frauen. Etwa alle zwei Jahre tauchen sie vermeintlich aus dem Nichts mitten unter den Fans auf. Der gesellschaftliche Umgang damit ist unterschiedlich. Von Lisa Örtel

Beim Sommermärchen im Jahr 2006 machten die Medien verstärkt auf bisher scheinbar unbekannte Wesen aufmerksam. Das Publikum großer Fußballereignisse wie Welt- und Europameisterschaften war auf einmal voll von Frauen. Denkt man an die Bilder vom Public Viewing zurück, hat man unweigerlich Menschenmassen vor großen Leinwänden vor Augen, im Vordergrund Mädchen im Fußball-Bikini, gehüllt in eine übergroße Deutschland-Flagge. Plötzlich brandete in der Öffentlichkeit großes Interesse an diesen Frauen auf, die offensichtlich Spaß an der Männerdomäne Fußball hatten.

Von der Hutnadel zum Dekolleté

Dieses ungläubige Staunen suggerierte, dass es sich bei weiblichen Fußballfans um etwas Besonderes, ja etwas Neues handelte. Entgegen der lange vorherrschenden Meinung über das Nicht-Zusammenpassen von Frauen und Fußball ist aber belegt, dass es in der Geschichte des Spiels schon immer Frauen auf dem Rasen und am Spielfeldrand gab. Bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert fanden die weiblichen Zuschauerinnen in der Presse Beachtung. Waren es damals die Hutnadeln der Damen, liegt der Fokus diverser Bildstrecken heute meist auf den Dekolletés.

Die Wissenschaft beschäftigt sich ebenfalls schon länger mit dem Zusammenhang von Geschlecht und Fußball. Seit den 1980er Jahren erschienen zu diesem Thema diverse Abhandlungen von Historikern und Soziologen, sowie Beiträge der Kultur- und Genderforschung. Mal mehr, mal weniger überzeugend wurde versucht zu erklären, warum Fußball im Allgemeinen als Inbegriff von Männlichkeit gilt. Mit Attributen wie Wettbewerb und Härte, aber auch Treue und Kameradschaft belegt, schien der Sport noch nie viel mit dem „schwachen Geschlecht“ zu tun zu haben.

Auch heute wird Frauen noch häufig eine Verständnisresistenz in Bezug auf die Abseitsregel unterstellt und echtes Interesse am Sport angezweifelt. Vielmehr seien wahlweise die männlichen Partner, die Spielerkörper oder der Eventcharakter von Länderspielen für den erhöhten Frauenanteil unter den Zuschauern verantwortlich. Dementsprechend wurden sogar Typologien erstellt: Der Groupie, die Begleiterin, der Cheerleader, die Spielerfrau – als „echte Fans“ gelten nur Männer, seltener auch Frauen, die sich wie Männer verhalten.

Die Entdeckung des weiblichen Potentials

Dass auch Frauen Fußballspiele verfolgen ist also nicht neu. Und entgegen anders lautender Behauptungen beschränkt sich das Interesse vieler auch nicht nur auf Welt- oder Europameisterschaften, wie aktuelle Zuschaueranalysen der Bundesliga zeigen. Richtig ist hingegen, dass sich die Zahl der weiblichen Fußballfans in den letzten Jahrzehnten erhöht hat. Die Anteile der an wichtigen Länderspielen Interessierten sind heute bei Männern und Frauen mit je rund 50% nahezu gleich, die EM 2008 wurde gar von mehr Frauen als Männern im Fernsehen gesehen. Und selbst das Stadionpublikum bei Spielen der ersten Bundesliga ist etwa zu einem Viertel weiblich.

Manager und Marketingexperten der Fußballvereine hören solche Zahlen gerne. Die Öffnung des Fanartikelmarktes für die als konsumfreudig geltenden Frauen lies bald keine weiblichen Wünsche mehr offen: Von Nagellack und Handtaschen in den Vereinsfarben über Schminksets in Schwarz-Rot-Gold ist mittlerweile alles zu haben. Sogar als potentielles Mittel zur Gewaltprävention wurde das weibliche Geschlecht entdeckt: Durch die Erhöhung der Frauenquote Aggression und Gewalt im Stadion verringern – dass diese Idee wiederum auf wenig Gegenliebe bei den „echten Fans“ stieß, ist vorstellbar.

Fußballfrauen heute und morgen

Die fußballbegeisterten Frauen haben ihre eigenen Wege gefunden mit dem Unverständnis seitens der restlichen Gesellschaft umzugehen. Laut Almut Sülzle, Ethnologin an der Universität Marburg, reichen die Strategien „vom Ignorieren übers Adaptieren und Ironisieren bis zum Herausfordern und Bekämpfen“. Wichtig erscheinen vor allem der Zusammenschluss und damit einhergehend die Sichtbarmachung von Frauen in der Fußballwelt. Dies geschieht beispielsweise durch die Organisation in rein weiblichen Fanclubs oder auch durch die Gründung des Netzwerks F_in Frauen im Fußball.

Dieser Tage spricht vieles für eine Normalisierung des Umgangs mit dem Phänomen Zuschauerinnen. Der Anblick von Frauen beim Public Viewing ist nichts Außergewöhnliches mehr und es soll sogar vorkommen, dass „echte weibliche Fans“ ihren bisher wenig fußballbegeisterten und vom Event angelockten männlichen Begleitern die ein oder andere Fußballregel erklären. Selbst in den Medien wurden die Frauen vom Spitzenplatz in der Berichterstattung verdrängt: Die neue erklärungsbedürftige Spezies sind in diesem Jahr nämlich die Vuvuzelas.


Weiterführende Literatur:

Hagel, Antje, Nicole Selmer, Almut Sülzle (2005): gender kicks. Texte zu Fußball und Geschlecht. KOS-Schriften 10. Herausgegeben von der Koordinationsstelle Fan-Projekte bei der Deutschen Sportjugend. Frankfurt a.M.

Selmer, Nicole (2004): Watching The Boys Play. Frauen als Fußballfans. AGON Sportverlag. Kassel.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/ (Titelbild), Wolfgang Gaebler aka gogo6969 (Public Viewing, zugeschnitten), nach Creative Commons lizensiert, und bei F_in Netzwerk Frauen im Fußball (Flyer).


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