Stille Nacht

2010: 365 Tage Weltenlauf und Zeitgeschehen. 12 volle Monate um die Welt zu einem schöneren Ort zu machen. Doch dann? Vertan, verpasst, vorbei – meint zumindest der Wirt des Epeisodion. Von Lennart Faix

Weihnachtszeit: Zeit der Besinnung, Zeit der Bescherung. Feierliche Ruhe über Tresen und Tischen des Epeisodion. Lammfromm liegen die Schaffelle auf den Eckbänken. Aus den Lautsprechern rieselt leise der Schnee. Der Wirt hockt auf dem Boden und ist melancholisch. Hier liegen ein paar Geschenke, dort steht eine Flasche Ouzo. Dazwischen mehrere Gläser, dann kann man immer trinken, egal, wo man gerade sitzt.

WIRT (hebt eines von den vollen Gläsern): Meine Herrendirektorgeneralundsoweiter, liebe Schätzeleins…

Kein Gast ist gekommen, keine Festgesellschaft, keine Familie, weder DIESER noch JENER, noch nicht einmal ein verirrter Alkoholiker. Es wird auch keiner mehr kommen, der Wirt hat nämlich zugesperrt. Ein Melancholiker, so hat er sich gesagt, ist schließlich auch nur eine besondere Form eines Hedonisten. Ein stiller, einsamer Genießer.

WIRT: Zweitausendzehn… Verpasstes und Vertanes – der exklusive Epeisodion-Jahresrückblick, herzlich willkommen… (schenkt nach, trifft immerhin zwei von fünf Gläsern)

WIRT: Januar, Februar, März, Moment mal… Griechenland! Oh, Stich ins stolze Hellenen-Herz! Ein Volk an der Kette, ein Mythenland als Trümmerfeld… Schnell weiter, April, Mai, dann ist schon Sommer… Autsch!

Die Fußball-WM ist ihm eingefallen, wieder so eine traumatische Griechenland-Episode. Verloren, vertan, vertändelt. Nein, das war kein gutes Jahr. Nicht einmal im Urlaub ist er gewesen. Dabei hatte er den Flug schon gebucht. Doch dann diese Aschewolke.

WIRT: Der wohl… erste CO2-neutrale Vulkanausbruch… (ein mildes Lächeln versüßt die bitteren Tränen des Selbstmitleids) Ein Geschenk des Himmels… Apropos Geschenke! (es raschelt verheißungsvoll: ein Buch, über Melancholie) Oh, danke, Chef, du kennst mich halt…

WIRT (rezitiert): „Faul, dumm… mager, weißgesichtig… treulos, lebensmüde… arrogant… Die Aufklärung als einzigartiger Krieg gegen die Melancholie… Vorwurf der Utopielosigkeit… dem, wie auch immer verstandenen, Fortschritt im Wege…“ (seufzend lässt er ab) Ich, der Melancholiker, isoliert, stigmatisiert… (pfeffert das Buch auf den Boden) Wut! Ist noch das erhabenste Gefühl, welches einem diese Zeiten bescheren… Augenblick, Wut, Bürger, da war doch was… Augustseptemberoktober… Stuttgarter Straßenkampf! Castor-Transport!! Schwarzgelbe Lobbydings!!!

Ja, kurz hatte er tatsächlich gedacht, ein Ruck ginge durch Deutschland. Aufbegehren, Bewegung, Geschichte hautnah. Und dann? Grüner Tisch im Onlinefernsehen statt großem Kino auf der grünen Wiese. Verraucht, verpufft, vergessen.

WIRT: Klatsch und Tratsch, das ganze Jahr lang… Und hier bei mir? Genau das gleiche. Hier am Tresen, in Stereo, jeden Abend… Ouzo! Oder ich kotz mir den Laden voll… (klirrende Gläser, Kaltes in die Kehle)

WIRT: Nein, dies ist einfach das falsche Leben… Mürrisch-mystischer Satire-Wirt im Online-Magazin… Mittelmäßige Metaphorik und andauernde Alliterationen… Ein ganz anderes Leben müsste man führen, ohne Triviales vom Tage… Eine… Me…lancho… eine Melankolumne! Jawohl, das wäre ein wahrhaftiges Leben… Die Zeichen der Zeit… Fingerindiewunde… Kerndersache… Mit ganz großem Federstrich, piff-paff, wiewiewie… (greift hastig nach dem nächsten Geschenk) wie ein Flaubert… (zerreißt das Papier, schlägt ein Buch auf)

WIRT (rezitiert): „Ich liebe den Herbst; seine Traurigkeit stimmt gut zu Erinnerungen.“ (lässt resigniert das Buch sinken) November: Auch schon wieder vorbei, verpasst, vertan…

WIRT: Nur gut, dass es wirklich bald vorbei ist, dieses Jahr… Wenn da nur nicht noch dieses… Weihnachten… (greift mechanisch nach der Flasche) Heiligabend, Jesuschristushimmelherrgott… Kirche, Kinder und Kondom-Kompromiss, füreinbisschenschwanger… Scheinheiligkeit überall, aber wo nur ist… Ein Jesus, an den man glauben kann??? Tja, Chef… „Es ist die Hoffnung, die dich traurig macht…“

Das ist ein Zitat aus dem Film im letzten verbliebenen Geschenkkarton. Das weiß der Wirt genau, er hat ihn sich ja selbst gekauft. Er lässt ihn, vorerst, unausgepackt.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/.


Zitierte Quellen:
Lenzen, Dieter (Hrsg.): Melancholie als Lebensform. Über den Umgang mir kulturellen Verlusten. Berlin, 1989.
Flaubert, Gustave: November.
Deceiver (Scharfe Täuschung). USA, 1997. Drehbuch und Regie: Pate, Josh/Pate, Jonas.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Blättern im Nichts

Die angenehmste aller Rollen

Deutschland im Terrorwahn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.