Sapere aude! – Deutsche Strategiefähigkeit?

06. Jun 2010 | von Carolin Hilpert | Kategorie: Deutsche Strategiefähigkeit im 21. Jahrhundert
Wie strategiefähig ist die Bundesrepublik?
Die aktuellen Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan oder im Rahmen der EU-Mission vor Somalia werden nicht die letzten sein. Dennoch fehlt es Deutschland an Strategiefähigkeit, um den Konflikten und möglichen Gefahren der Zukunft zu begegnen. Mit einem Dossier möchte /e-politik.de/ einen Beitrag zu einer ehrlichen Debatte über Sicherheitspolitik und Strategie in Deutschland leisten. Von Carolin Hilpert und Peter Eitel

„Tod und Verwundung sind Begleiter unserer Einsätze geworden. Und sie werden es auch in den nächsten Jahren sein. Wohl nicht nur in Afghanistan“, sagte zuletzt Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und drückte damit aus, dass die Bundeswehr längst zu einer Armee im Einsatz geworden ist. Doch wohin wollen wir damit in Zukunft gehen? Wie schützen wir uns vor den Gefahren, die Europa und der Bundesrepublik in Zukunft drohen?

Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung und der vollständigen Souveränität krankt die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik an einer ehrlichen Bestandsaufnahme der eigenen Verantwortung und Rolle, ebenso wie den sich daraus ergebenden Problemen und Herausforderungen. Das deutlichste Beispiel ist Afghanistan: Weder waren die Ziele in der Vergangenheit klar definiert, noch sind sie es heute. Dabei könnte Deutschland viel von seinen eigenen Strategen und Denkern lernen, wie zum Beispiel dem preußischen Militärtheoretiker Clausewitz.

Zwei Seelen in des Deutschen Brust

An Köhlers sicherheitspolitischen Äußerungen schieden sich die Geister.
Deutschland ist durchaus ein Land mit einer langen Tradition strategischer Denker. Doch in des Deutschen Brust wohnen zwei Seelen, wenn es darum geht, sich den sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen. Das deutsche Monster des Ersten und Zweiten Weltkrieges ist die eine, der ewige Friede der Aufklärung die andere. Aus Angst vor dem militaristischen Erbe des Deutschen Reiches verdrängt man heute das strategische Erbe. Es scheint, die politische Elite befürchte, das schlafende Monster zu wecken, wenn sie eine ehrliche Debatte über Sicherheitspolitik und Strategie im 21. Jahrhundert anstößt. Doch die Fähigkeit, strategisch denken und handeln zu können, sollte nicht mit blindem Militarismus verwechselt werden.

In Afghanistan hat das Fehlen einer Sicherheitsstrategie teilweise verhängnisvolle Konsequenzen. Zu lange hat sich die Bundesrepublik auf scheinbar bewährte Mittel verlassen. Die Strategiedebatte – falls man sie überhaupt als eine solche bezeichnen kann – drehte sich hauptsächlich um Grundannahmen wie die Tatsache, dass zivile Ansätze militärischen vorzuziehen seien. Das Fehlen einer Strategiedebatte in Deutschland liegt also nicht am Mangel an Strategiefähigkeit, sondern der Entschließung und des Mutes, sich derselben zu bedienen.

Mehr als Scheckbücher

Umstrittener Einsatz: Deutsche Tornados in Afghanistan.
Es gilt jetzt, zwei Seelen zu vereinen. Das bedeutet, die deutsche Geschichte nicht auf die schwärzesten Jahre zu reduzieren, sondern auch die hellen Jahre der Aufklärung zu betrachten. Es bedeutet, die Lehren der dunklen Jahre in eine handelnde Politik umzuwandeln, und es nicht immer nur bei Worten oder Scheckbüchern zu belassen. Mit anderen Worten: Es bedeutet, den Mut zu haben – sapere aude -, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Ein ehrlicher Blick auf die Realität ist hierfür Grundvoraussetzung.

Wenn Deutschland sich international nicht isolieren möchte, werden Einsätze à la Afghanistan auch in Zukunft zu den Aufgaben der Bundeswehr und der deutschen Sicherheitspolitik gehören. Was können wir dabei aus unserer Vergangenheit lernen? Trauen wir uns, das strategische Erbe unserer Geschichte anzunehmen und in der Politik in stabilisierenden und friedenssichernden Einsätzen umzusetzen?

Mit dem Dossier „Deutsche Strategiefähigkeit im 21. Jahrhundert“ möchte /e-politik.de/ einen Beitrag zu einer Strategiedebatte leisten und einen ehrlichen Blick auf die Realität versuchen. Dabei geht es /e-politik.de/ bewusst darum, ein möglichst umfassendes Bild zu zeichnen, und möglichst vielen Stimmen über die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert einen Platz zu geben. Denn die Zeiten, in denen sich Sicherheitspolitik auf Panzer und Kriegsschiffdiplomatie reduzieren ließ, sind auch für Deutschland längst vorbei. Sapere aude ist also der Wahlspruch dieses neuen /e-politik.de/-Dossiers. Experteninterviews, Hintergrundartikel, Meinungen und Essays sollen Aufschluss darüber geben, warum Deutschland den realistischen Umgang mit sicherheitspolitik im eigenen wie im multilateralen Interesse braucht. Über Kommentare und Anregungen unserer Leser freuen wir uns sehr.

Dieser Artikel ist Teil des /e-politik.de/-Dossiers “Deutsche Strategiefähigkeit im 21. Jahrhundert”. Lesen Sie hier die weiteren Beiträge.


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