Plastikweinlaub auf Hartz-IV

Wer Probleme hat, seine Zeche zu bezahlen, kann eine Zeit lang anschreiben lassen. Doch früher oder später bekommt man die Rechnung serviert; egal ob in Brüssel, in Athen oder am Tresen des Epeisodion. Von Lennart Faix

Neulich zu später Stunde im Epeisodion: Zwei etwas in die Jahre gekommene Familienväter sitzen am Tresen und palavern. Dieser trinkt Weinschorle, jener ein Weizen. Dieser hat jenem soeben eröffnet, einem Alkoholiker sei nicht geholfen, wenn man ihm noch eine Flasche Schnaps hinstelle. Der „Herr Professor“ und ein „Schätzelein“ sitzen an einem behaglichen Ecktisch und basteln Einladungskarten für einen Afrika-Basar. Der Wirt geht unruhig hin und her, singt unschlüssig ein paar Zeilen griechischen Liedguts mit, bricht dann aber wieder ab.

JENER (an die Bastler am Ecktisch): Was macht ihr denn da? (er geht ein paar Schritte in deren Richtung und versucht den Text auf den Karten zu entziffern) So…lida…ri… Wieso denn Afrika? Macht doch mal was wegen Haiti…

Der „Herr Professor“ schaut ihn eine Zeit lang an, entscheidet sich dann aber doch gegen eine Antwort.

DIESER: Komm her, ich schmeiß ne Runde Ouzo… (in Richtung Wirt) Auf Griechenland! Und noch ne Runde auf die neue Hauptstadt!

Der Wirt verschwindet hinter der Theke. Jener setzt sich und schaut Diesen fragend an.

DIESER (geduldig): Die sind doch jetzt eine Gefahr für die Eurozone… sozusagen unter strengster… also die werden jetzt quasi von Brüssel aus regiert…

JENER: Brüssel… Und Athen?

DIESER: Sucht sich vielleicht ein anderes Land, von dem es die Hauptstadt sein kann…

Dieser und Jener prosten sich lachend zu und werfen einen Blick nach dem Wirt.

DIESER (ratlos): Komplett pleite sind die… die Halunken.

JENER: Dabei geben wir doch immer ordentlich Trinkgeld…

DIESER: Und wer bezahlt das alles wieder?

JENER: Ich sag dir, wenn ich nicht mehr in Urlaub fahren kann, nur weil… ach, die sollen selber schauen, wo… (nach dem Wirt) Wo bleibt denn eigentlich der Ouzo?

WIRT (hilfsbereit): Komme, Kollege!

DIESER: Also ich bin ehrlich gesagt gegen… Finanz…wie gesagt, das wär dann ja wirklich, als wenn…außerdem dürfen wir ja gar nicht, schon rein rechtlich gesehen…

Der Wirt mit dem Ouzo tritt an den Tisch.

DIESER: Na, Chef, kann man hier demnächst nicht mehr mit Euro bezahlen?

WIRT: Äh, was meinst du, Kollege?

JENER (unschuldig): Na, wir machen uns halt Sorgen… Was passiert denn jetzt mit den Griechen?

WIRT: Wasweißich…egal. Hartz-IV, oder?

JENER: Was, alle auf einmal?

DIESER: Millionen von Transferabhängigen…

WIRT: Richtig, Kollege, ist neu: Agenda „Schluss mit lustig, her mit dem Geld“. Bisschen Schonvermögen, bisschen Wohngeld, fertig! Wie in Deutschland, so in Europa…

Feierlich schaut der Wirt an die Zimmerdecke. Dort ruht sein Blick eine Weile auf einem angestaubten Gartenlampion mit Plastikweinlaub. Plötzlich wendet er sich wieder an Diesen und Jenen: „So, Kollegen, zahlen! Ouzo oder Gummibärchen? Sparmaßnahme, Ladenschluss! Bis morgen oder nächste Woche!“ Dieser und Jener leeren ihre Gläser. Der „Herr Professor“ und das „Schätzelein“ räumen ihre halbfertigen Karten zusammen und machen betretene Gesichter.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/-Autor Sören Sgries.


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