Pakistan braucht mehr als symbolische Gesten

31. Okt 2010 | von Carolin Hilpert | Kategorie: Deutsche Strategiefähigkeit im 21. Jahrhundert
Sherry Rehman, pakistanische Politikerin, kämpft für die Menschenrechte in Pakistan.
Sherry Rehman, prominente pakistanische Politikerin, spricht über die Rolle Deutschlands in ihrem Land. Sie lobt die Arbeit der deutschen politischen Stiftungen, kritisiert aber, dass manchmal mehr als Worte und symbolische Gesten nötig wären. Ein Interview von Carolin Hilpert

Sherry Rehman ist Journalistin und Mitglied der mitte-links gerichteten Pakistanischen Volkspartei, der größten Partei Pakistans. Über zehn Jahre war sie Chefredakteurin der Zeitung The Herald, einem der führenden Nachrichtenorgane des Landes. Sie war von 2008 bis 2009 Informationsministerin, bis sie aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit einigen Regierungsmitgliedern zurücktrat. Diese hatten auf einem restriktiven Kurs gegenüber privaten Nachrichtenkanälen bestanden, Rehman hingegen trat für die Pressefreiheit ein. So trug sie in ihrer Amtszeit auch maßgeblich zu zwei dementsprechenden Gesetzen bei. Darüber hinaus war sie federführend an einem Gesetz gegen sexuelle Belästigung beteiligt. Heute leitet Rehman das Jinnah Institut, einen unabhängigen Think-Tank, der sich für Demokratie einsetzt und regionale Entwicklungsstrategien für Pakistan entwickelt.

/e-politik.de/: Wie sieht Pakistan die Rolle Deutschlands in der internationalen Gemeinschaft? Welchen Ruf haben die Deutschen in Pakistan?

Sherry Rehman: Deutschland hat für Pakistan in den letzten zehn Jahren sehr viel an Bedeutung gewonnen. Die deutsche Botschaft in Islamabad beispielsweise ist unabhängiger geworden und hat viel geleistet, was die Außenpolitik und das Verständnis pakistanischer Bedürfnisse betrifft. Darüber hinaus betrachtet uns Deutschland nicht nur aus dem Aspekt der Sicherheitspolitik – wie das andere Staaten tun. Dank der Vertretung in Pakistan wird Deutschland heute als ein freundliches und engagiertes Land wahrgenommen. Es gibt sehr viele pakistanische Organisationen, die nicht mit anderen, fremden Ländern kooperieren möchten, doch Deutschland ist da eine Ausnahme. Sich mit der „Marke Deutschland“ zu identifizieren und mit ihr zusammenzuarbeiten ist kein Hindernis für Pakistaner. Das hängt damit zusammen, dass Deutschland seine Interessen nicht so sehr auf Pakistan projiziert wie andere Nationen das tun.

/e-politik.de/: Hat denn auch Deutschlands „Kultur der Zurückhaltung“ etwas damit zu tun, sprich Deutschlands Zögern, militärisch einzugreifen und zivile Mitteln zu bevorzugen?

Rehman: Ich bin mir sicher, dass es etwas damit zu tun hat, allerdings nur sehr begrenzt. Pakistan ist anders als Afghanistan. Es sind für uns diese aktiven deutschen Institutionen, die zählen – nicht so sehr die militärische Komponente von Sicherheitspolitik. Ich nenne ein paar dieser Organisationen: die Friedrich-Naumann-Stiftung, die Hanns-Seidel-Stiftung oder die Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Deutschen werden bei uns als eine sehr aktive Gesellschaft wahrgenommen, die viele Tagungen, Veranstaltungen und Publikationen unterstützt.

Nicht nur bei der verheerenden Flut im Sommer 2010 war und ist Pakistan auf ausländische Hilfe angewiesen.
/e-politik.de/: Sind Sie der Ansicht, die Deutschen haben aufgrund Ihrer Rolle in zwei Weltkriegen eine besondere außenpolitische Verantwortung?

Rehman: Die zwei Weltkriege belasten sicherlich noch immer die deutsche Seele, ja. Aber ich denke wir müssen uns darüber hinaus bewegen, Deutschland immer nur in diesem Kontext zu sehen. Meiner Ansicht nach ist es wichtiger, Deutschlands Handeln in den letzten dreißig Jahren zu beurteilen. Das Land hat sich in völlig neue Richtungen entwickelt und wird heute als ein demokratisches Land wahrgenommen, das große internationale Verantwortung auf sich genommen hat. Wir müssen Deutschlands heutige Rolle beurteilen  – und nicht die damalige.

/e-politik.de/: Deutschland hat vor wenigen Tagen einen nicht-ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erhalten.

Rehman: Ja, ich finde das ist sehr zu begrüßen!

/e-politik.de/: Gibt es Konflikte oder Herausforderungen in Ihrem Land, bei denen Sie sich ein größeres Engagement wünschen würden?

Sherry Rehman: Wir haben einige deutsche NGOs (non-governmental organizations) in Pakistan, die sich von der Masse abheben, die für demokratische Werte, Menschenrechte und Säkularismus einstehen. In diesem Diskurs nimmt Deutschland eine wichtige Rolle ein. Einige der deutschen Institutionen gehören zu den wenigen, die angesichts der schlechten Sicherheitslage noch funktionieren. Andere verstecken sich hinter Sicherheitswällen. Das Goethe-Institut in Karachi beispielsweise ist noch immer offen.

/e-politik.de/:Bedeutet das, dass Deutschland bereits genug leistet oder wünschen Sie mehr Engagement in manchen Bereichen? Im Januar 2009 wurden Sie von einer Frauenzeitschrift aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zu einer der „100 einflussreichsten Asiaten“ gewählt. Was kann Deutschland von Ihnen lernen? Was sollte Deutschland verbessern?

Rehman: Ich denke, Deutschland muss lernen, dass die Menschenrechte – wie alle fundamentalen Rechte – mehr Nachdruck brauchen, um sich in einer Gesellschaft zu etablieren. Es sollte dabei weniger um die Förderer, also Deutschland, gehen, sondern vielmehr darum, Wissen zu kreieren und zu verbreiten und Haltungen zu ändern. Wenn ich selbst für die Menschenrechte eintrete, dann könnte ich oftmals etwas mehr Unterstützung gebrauchen und nicht nur symbolische Worte. Ich brauche mehr als eine Veranstaltung und ein paar Ankündigungen. Es sollte viel weiter gehen. Es wäre sehr schön, wenn deutsche Institutionen zu dieser Art von Arbeit etwas mehr beitragen könnten – dazu, die Menschenrechte, Geschlechtergleichheit oder Demokratie zu fördern. Das setzt jedoch auch ein größeres Investment in lokale, örtliche Institutionen voraus.

Pakistan braucht mehr als symbolische Gesten wenn es um die Menschenrechte, darunter auch das Recht auf Bildung, geht.
/e-politik.de/: Pakistan hat, wie Afghanistan, ein Problem mit islamistischen Extremisten. Sollte Deutschland in Afghanistan mehr dazu beitragen, die Taliban zu bekämpfen?

Rehman: Ich denke das zu entscheiden obliegt Kabul. Wenn die Afghanen mehr deutsche Truppen wollen oder mehr deutsches Engagement im Sicherheitsbereich, so muss das Afghanistan entscheiden. Ich denke jedoch, dass sich das afghanische Volk mehr Unterstützung für Schulen oder die Landwirtschaft wünscht. Dort wird mehr deutsches Engagement erwartet.

/e-politik.de/:Wie beurteilen Sie die Chancen der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan? Die Ziele, die man sich einst gesetzt hatte, wurden längst nach unten korrigiert.

Rehman: Ja, das ist wahr. In dieser Hinsicht sind einige Punkte wichtig. Erstens sollte die Hilfe, die nach Afghanistan fließt, deutlich besser koordiniert werden. Zweitens sollte sich die ISAF (International Security Assistance Force) mehr darum bemühen zwischen die beiden Länder, Afghanistan und Pakistan auseinander zu halten. Wir brauchen mehr Engagement im Grenzgebiet, denn genau hier agieren die Partisanen. Sie suchen in einer Gegend Unterschlupf, während sie in der anderen ihren Operationen nachgehen. Daher müssen wir diese Gegend wesentlich besser sichern. Das sind fundamentale Dinge, die man nicht ignorieren kann, die allerdings im Augenblick ignoriert werden.

/e-politik.de/: Pakistan erwartet also mehr Truppen im Grenzgebiet?

Rehman: Das ist keine Frage der Truppenanzahl. ISAF institutionalisiert nicht was wir Grenzsicherheitspatrouillen nennen; und sie haben kein biometrisches Identifikationssystem operationalisiert, obwohl Pakistan darum gebeten hat. Ein System biometrischer Identifikation würde es schwieriger machen, die Grenze zu überschreiten. Wir haben etwa eintausend Checkpoints an der Grenze, während es auf der afghanischen Seite etwa einhundert sind. Da ist ein großes Ungleichgewicht.

/e-politik.de/: Frau Rehman, vielen Dank für das Gespräch!

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Die Bildrechte liegen bei Sherry Rehman (Porträt), Samenwerkende Hulporganisaties (Giro555)/Creative Commons (Flut) oder sind gemeinfrei (Kinder).


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Dauerkrise in Pakistan

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3 Kommentare
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  1. Ein sehr gutes Interview. Da würde einen nur noch interessieren, ob diese Frau religiös ist und welche Rolle die Religion für die Entwicklung Pakistans spielt.

  2. Ich schließe mich dem Urteil von Christoph an: Ein gutes Interview. Allerdings spielt es aus meiner Sicht für die Ausrichtung des Interviews (Die Beurteilung Deutschlands durch Pakistan unter einem sicherheitspolitischen Kontext) keine Rolle, ob Frau Rehman religiös ist und welche Rolle die Religion für die Entwicklung Pakistans spielt. Dieser Aspekt wäre in einem neuen Artikel oder in einem weiteren Interview zu verhandeln.

  3. God!!!
    could someone translate it into English????

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