Ökumenischer Kirchentag 2010

125.000 Menschen nehmen dauerhaft am 2. Ökumenischen Kirchentag in München teil. Die Mehrzahl der Teilnehmer sind evangelische Christen – kein Wunder. Ein Veranstaltungsbericht von Christoph Rohde

Der 2. Ökumenische Kirchentag (OEKT) in München, der vom 12. bis zum 16. Mai stattfindet, kommt zur rechten Zeit, denn sein Motto lautet: Damit Ihr Hoffnung habt. In Zeiten von Wirtschafts-, Währungs-, Orientierungs- und weiteren Krisen helfe der Kirchentag, um über die Wertebasis sozialen Handelns neu nachzudenken, so der Präsident des Kirchentages, Alois Glück (CSU). Auf dem Kirchentag finden an vier Tagen 3.039 Veranstaltungen an mehr als 500 Orten statt. Die Themenschwerpunkte beinhalten aktuelle Themen wie die Wirtschafts- und Finanzkrise, Krieg und Frieden, interkulturellen und interreligiösen Dialog sowie Fragen von Kirche und Ökumene. Die Veranstaltungen finden in Kirchen, aber auch öffentlichen Gebäuden, der Messe sowie dem Olympiapark statt.

Ökumene mehr als lästige Pflicht

In einem Punkt waren sich die konfessionell getrennten Kirchenvertreter, der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Bayerns, Johannes Friedrich einig: Das Christentum könne seine gesellschaftliche Bedeutung nur bewahren, wenn es gemeinsame Ziele betone und nicht konfessionelle Grenzen hervorhebe. Bezeichnend für die Lage der Kirchen ist die Tatsache, dass sich weit mehr evangelische als katholische Christen zum Kirchentag angemeldet haben. 57,72 Prozent der Teilnehmer sind evangelisch und nur 39,52 Prozent katholisch. Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und die „Affäre Mixa“ haben der katholischen Kirche weit mehr geschadet als der „Fall Käßmann“ der evangelischen Kirche. Im Gegenteil: Der schnelle Rücktritt der EKD-Vorsitzenden stärkte die Glaubwürdigkeit des Protestantismus. Margot Käßmann tritt beim Kirchentag als einfache Pfarrerin vier Mal auf.

Viele Besucher aus Nordrhein-Westfalen

Die Tatsache, dass ein Fünftel der Besucher des Kirchentages aus Nordrhein-Westfalen angereist sind, sei schon vor der Landtagswahl bekannt gewesen, witzelte der Westfale und Erzbischof Reinhard Marx. Dafür sind besonders wenige Besucher aus den neuen Bundesländern zu verzeichnen.

Insgesamt werden viele Tagesbesucher die Gesamtzahl der Teilnehmenden auf wohl 600.000 bis 800.000 erhöhen. Zwar gibt es zahlreiche Gratisveranstaltungen – die können aber nicht über die gepfefferten Eintrittspreise der anderen Veranstaltungen hinwegtäuschen. Eine Dauerkarte kostet stolze 89 Euro, bei einer Tageskarte ist man mit 28 Euro dabei. Die nur unzureichenden Ermässigungen für gemeinhin finanzschwache soziale Gruppen lassen das Ereignis für Arbeitslose, Rentner oder Auszubildende zu einem fast unerschwinglichen Event werden.

80.000 Besucher bei den drei Gottesdiensten

Die Organisatoren hatten mit mehr als 100.000 Besuchern bei den drei Eröffnungsgottesdiensten in München gerechnet, es kamen 80.000. Allein 50.000 erlebten die Auftaktveranstaltung auf der Münchener Theresienwiese. Ein riesiger Posaunenchor sowie Luftballons, die für ethische Werte wie Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung standen, schufen einen stimmungsvollen Rahmen für den ökumenischen Gottesdienst.

Die Ökumene wurde dadurch betont, dass die beiden maßgeblichen Bischöfe ihre Predigt in origineller Dialogform hielten. Reinhard Marx und Johannes Friedrich spielten sich die Bälle zu. Sie betonten die Herausforderungen für die Kirche in einer Zeit von Unsicherheit und Verfehlungen, hoben jedoch hervor, wie viele Millionen Kirchenmitglieder in Deutschland jenseits aller Missbrauchsskandale ehrenamtliche Dienste ausübten und der Gesellschaft ein solidarisches Gepräge gäben, das wenig offen sichtbar sei. Den Ernst der krisenhaften Lage in der Kirche hob Alois Glück hervor, der klare Transparenzregeln für die Aufgabenbereiche in der katholischen Kirche forderte. Es sei Unrecht, die Interessen der Institution Kirche über die Schicksale von Missbrauchsopfern zu stellen.

Bundespräsident fordert Neubesinnung auf Werte

Der Applaus in Bezug auf die politische Prominenz fiel ungleich aus. Ministerpräsident Horst Seehofer wurde ebenso kühl empfangen wie der an sich beliebte Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). Der Bundespräsident hingegen wurde begeistert empfangen. Seine eher unpolitische Rolle macht ihn zu einem glaubwürdigeren Makler für gesellschaftliche Werte als die im politischen Alltag zermürbten Politiker. Horst Köhler sehnte einen neuerlichen Ökumenischen Kirchentag geradezu herbei und hob die Fortschritte im Verhältnis der Großkirchen hervor. Bekanntermaßen liegt das Schisma vor allem in der Frage der Feier der Eucharistie. Der Bundespräsident forderte allgemein die Erneuerung des Wertefundaments der Gesellschaft; dennoch gelingt es dem Amtsinhaber, nicht floskelhaft zu wirken.

Atmosphärisches

Viele junge Leute bringen mit Musik und Ideen eine coole Atmosphäre in die Stadt des Kirchentages. Wer mit Kirche nur Liturgie verbindet, der merkt auf einem Kirchentag, dass Kirche seine Botschaft immer mehr als Eventcharakter verkauft. Viele Bands und offene Sessions sorgen für moderne, interaktive Informations- und Unterhaltungsforen. Ein BR-Kirchentagshund macht ebenso viel Spaß wie das Engagement von sozialen Gruppen, die sogar noch nützliche Utensilien wie Thermoskannen verschenken.

Eins wurde deutlich: Der Glaube ist durch die Sünden des Bodenpersonals nicht ins Hintertreffen geraten. In ihm sehen viele das Potenzial zur Lösung überbordender gesellschaftlicher Probleme.


Die Bildrechte liegen beim Autor.


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