Ohnmacht der Übermacht

22. Jul 2010 | von Carolin Hilpert | Kategorie: Deutsche Strategiefähigkeit im 21. Jahrhundert

Die neue Afghanistan-Strategie der Bundesregierung
Die Bundeswehr wird im Sommer dieses Jahres ihre neue Afghanistan Strategie im Rahmen ihres ISAF-Engagements umsetzen. Doch wie adressiert die Bundesrepublik die Bedrohung durch die Taliban? Ein Vergleich zwischen der deutschen und der Taliban-Strategie. Von Carolin Hilpert

Zu Beginn des Jahres änderte die Bundesrepublik ihre Afghanistan-Strategie. 500 Soldaten mehr sollen den Wiederaufbau des Landes vorantreiben. Zudem sollen deutsche intensiver und verstärkt afghanische Sicherheitskräfte ausbilden. Im Zentrum der militärischen Strategie steht dabei das sogenannte „partnering“. Das bedeutet die afghanischen Kräfte auch im Einsatz zu begleiten statt wie bislang vorwiegend in Camps auszubilden. Dazu sollen deutsche Soldaten verstärkt Präsenz in der Fläche zeigen, um die Zivilbevölkerung besser zu schützen.

Dazu der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold: „Ein Weiter-so wie bisher hätte zu einem Versagen in Afghanistan geführt, von daher halte ich die neue Strategie der Verbündeten in Afghanistan für erfolgversprechend.“ Der Tod von vier Soldaten Mitte April hat gezeigt, dass Deutschland bereits im Feld unterwegs und aktiv ist.  „Im Sinne des ‚partnerings‘ werden solche Einsätze allerdings zunehmen“, so Arnold. „Und damit werden die Risiken steigen. Die Afghanen zu trainieren ist der richtige Weg. Die Bundeswehr kann es sich nicht aussuchen, ob sie kämpfen möchte oder nicht.“  Beim Begräbnis der vier zuletzt gefallenen Soldaten stellte auch Verteidigungsminister zu Guttenberg die Bevölkerung auf weitere Verluste der Bundeswehr ein.

Schwierige Gratwanderung

Obwohl überfällig ist die neue Strategie kein Allheilmittel und wird von Experten teils sehr skeptisch eingeschätzt. Omid Nouripour, Verteidigungsexperte der Grünen im Bundestag erkennt in der neuen Strategie keine wirkliche Strategie: „Wir brauchen eine klare Zielsetzung und eine darauf abgestimmte Strategie. Es wurden bislang von dieser und der vorhergehenden Regierung eine Fülle von Zielen genannt, unter anderem Bündnisloyalität, die Stabilisierung Afghanistans und die Stabilisierung Pakistans. Keines dieser Ziele ist falsch, allerdings fehlt uns die Priorisierung. Genau danach sollte sich der Einsatz entsprechender Mittel richten.“

Zudem wird das Umsetzen der Strategie auf operativer Ebene in Afghanistan nicht leicht. Auf der einen Seite, so der Militärhistoriker Klaus Naumann, gilt die US-Strategie „Winning the hearts and minds of the people“ auf der anderen Seite setzt man militärische Gewalt gegen Aufständische ein, was jedoch stellenweise die Unterstützung der Zivilbevölkerung aufs Spiel setzen kann.

Diese schwierige Gratwanderung ist in Deutschland insbesondere durch den Tanklaster-Vorfall bei Kundus offensichtlich geworden. Im September 2009 orderte Oberst Klein zwei US-Hubschrauber, um entführte Tanklaster zu bombardieren. Dabei starben 142 Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten und Kinder. „Taktisch und militärisch gesehen war sein Handeln völlig richtig,“ sagt Klaus Naumann. „Allerdings hatte es für die Strategie verheerende Folgen. Auf diese Weise könnte man den Krieg in Berlin verlieren.“

Wie Fische im Wasser

Die Herzen der Afghanen zu gewinnen und gleichzeitig die Aufständischen zu bekämpfen ist eine schwierige Gratwanderung.
Genau das ist nämlich die Strategie der Taliban: den Feind zermürben und letztendlich zum Abzug zwingen – nicht etwa durch militärische Überlegenheit, sondern weil die Unterstützung der Bevölkerung der NATO-Staaten mit zunehmenden Toten abnimmt. Die Taliban ziehen hierzu die ISAF-Streitkräfte in kleine Scharmützel oder locken sie in Hinterhalte. Sie agieren im Schutz und teils mit Unterstützung der Bevölkerung, von der sie oft nicht zu unterscheiden sind. Damit folgen sie der Anweisung für Guerilla Krieger von Mao Tse-tung, der forderte, das Guerillas wie Fische im Wasser schwimmen müssen. Angesichts dessen ist die Übermacht der NATO-Truppen bislang scheinbar machtlos.

Auch was die Herzen und Köpfe der Afghanen betrifft, gingen die Taliban oftmals geschickter vor als die ISAF. Afghanische und pakistanische Taliban betrieben Anfang 2009 hunderte von Radioprogrammen und verbreiten durch geschickte und intensive Mediennutzung ihre Nachricht vom Jihad in Afghanistan und Pakistan, schürten damit Furcht und Angst. Doch auch in den Westen senden die Taliban ihre Botschaft, zum Beispiel durch Selbstmordanschläge, die in der ganzen Welt Schlagzeilen machen. Erst 2009 änderte auch die USA ihre Kommunikationsstrategie in Afghanistan und setzte von da an verstärkt auf Radiosender, um die Afghanen zu erreichen.

Wie erfolgreich die oben beschrieben Strategie der Taliban sein kann, zeigte zuletzt der Kollaps der niederländischen Regierung, die im Streit um eine Verlängerung des Afghanistan-Mandats auseinander brach. Die niederländische Bevölkerung hatte den Einsatz, der 21 Soldaten das Leben gekostet hatte, mehrheitlich abgelehnt. Während die Regierungen der westlichen NATO-Staaten ihren Bürgern Rechenschaft schulden, durch Gesetze gebunden und der öffentlichen Meinung unterworfen sind, agieren die Taliban völlig ohne diese Beschränkungen und opfern bewusst auch Frauen und Kinder, um ihre Ziele zu erreichen.

Lessons to learn für Deutschland

Aus dem Fall der Niederlande könnte die Bundesrepublik viel lernen. Man täte gut daran, weniger die Ausrüstung und die Akzeptanz der eigenen Bevölkerung, sprich sich selbst,  als vielmehr die strategisch-taktischen Ansätze  und den Umgang mit den Taliban zu diskutieren. Ein Beispiel gibt hier die counter-insurgency Strategie zur Aufstandsbekämpfung, die mittlerweile offizielle ISAF Doktrin ist. Dazu sagt Winfried Nachtwei, ehemaliger Verteidigungsexperte der Grünen im Bundestag: „In Berlin wird dieses Thema lieber ausgeklammert beziehungsweise verharmlost. Es wäre dringend notwendig, das offen und ehrlich zu diskutieren, ansonsten wird die Bundesrepublik im Norden des Landes auf absehbare Zeit marginalisiert werden.“

Es stellt sich jedoch die Frage, ob Deutschland das nicht bereits ist. Zur Unterstützung der Deutschen verlegen die USA 2.000 Soldaten in den Norden des Landes. Über die letzten Jahre war klar der Trend zu erkennen, dass für die Bundeswehr der Selbstschutz in den Vordergrund rückte, wobei der Schutz der Bevölkerung in den Hintergrund geriet. So gewinnt man keine Köpfe und Herzen in Afghanistan. Im Gegenteil, man verspielt seine Glaubwürdigkeit. „Die deutsche Diskussion fokussierte sich immer wieder überwiegend auf die taktischen Gegebenheiten“, so Nachtwei, „also auf die militärische Ausstattung, die Waffen und die Einsatzregeln. Inwieweit aber diese Regeln und die Ausrüstung auch für die Auftragserfüllung insgesamt angemessen sind – nicht nur für den Selbstschutz – trat eigentlich in der Diskussion immer mehr in den Hintergrund.“

Was also ist zu tun? Man braucht die Unterstützung der eigenen Bevölkerung, damit nicht jeder gefallene Soldat den Anlass dafür gibt, den Einsatz in Frage zu stellen. Diese Infragestellung spielt natürlich den Taliban in die Hände. Gegenmittel ist eine wahrhaftige Debatte über den Einsatz, eine Priorisierung der Ziele und die Bereitstellung entsprechender Mittel. Es ist bis heute ein Paradox Deutschlands, dass die Bundesrepublik einerseits zwar der größte Waffenexporteur Europas geworden ist, dass, andererseits aber ehrliche Debatten zu Sicherheitspolitik und Strategie nicht stattfinden. Der ehrliche Austausch über deutsche Interessen und den Afghanistan-Einsatz ist jedoch Voraussetzung für den Erfolg am Hindukusch.

Dieser Artikel ist Teil des /e-politik.de/-Dossiers “Deutsche Strategiefähigkeit im 21. Jahrhundert”. Lesen Sie hier die weiteren Beiträge.


Die Bildrechte liegen bei isafmedia / U.S. Army Staff Sgt. Gary A. Witte / Quelle: flickr (Soldaten) und bei David Axe / Quelle: Wikipedia (Panzer mit Schussvorrichtung).


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