Mehr Verantwortung für den Bürger

Jutta Croll engagiert sich seit Jahren für digitale Chancengleichheit. Im /e-politik.de/-Interview spricht sie über die Rolle des Bürgers, der Regierung und des Internets im 21. Jahrhundert. Von Sarah Kringe

Jutta Croll ist geschäftsführendes Mitglied des Vorstands der Stiftung Digitale Chancen in Berlin. Die Stiftung setzt sich dafür ein, dass Menschen die Möglichkeiten des Internets kennen und für sich zu nutzen lernen. Digitale Chancen will Interesse für das Medium wecken und zu einem verantwortungsvollen Umgang damit beitragen.
Als Netzwerk Digitale Chancen vor zehn Jahren an der Universität Bremen gegründet, kooperiert die Stiftung heute mit einer Vielzahl von Partnern. Die Schirmherrschaft haben das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend übernommen.

/e-politik.de/: Unsere Gesellschaft „verdigitalisiert“. Welche Herausforderungen und Hindernisse kommen auf den digitalen Bürger zu?

Croll: Die Digitalisierung der Gesellschaft stellt die Bürgerinnen und Bürger vor die Herausforderung, mehr Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört die Beurteilung von digital verfügbaren Informationen auf deren Wahrheitsgehalt, ebenso wie der verantwortungsbewusste Umgang mit eigenen Daten. Auch die fundierte Entscheidung darüber, wo und wie man an den Möglichkeiten der Informationsgesellschaft teil haben will und kann, und die Bereitschaft, die dafür erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, wird zunehmend gefragt sein.

/e-politik.de/: Stellt die Plattform Wikileaks eine dieser Herausforderungen dar, indem sie vom Bürger einerseits eine gewisse Mündigkeit im Umgang mit Daten verlangt, und andererseits demonstriert, dass wir auf immer mehr Transparenz und Unsicherheit im Umgang mit (fremden) Daten zusteuern?

Croll: Die Herausforderung, den Wahrheitsgehalt und die Bedeutung eines Datensatzes einzuschätzen, fängt schon viel niedrigschwelliger an als bei Wikileaks. Im Web 2.0 kann jeder alles jederzeit veröffentlichen. Das heißt für den Bürger, dass er nunmehr selbst Aufgaben übernehmen kann und muss, die bisher Redaktionen vorbehalten waren. Ein gutes Beispiel ist das Thema Gesundheit: Es gibt viele Foren, die in Gesundheitsfragen Rat anbieten. Der Nutzer muss selbst entscheiden, wie fundiert die Informationen sind, die er dort bekommt und ob er glaubt, was ihm geraten wird und danach handelt. Das heißt, die Beurteilung ob etwas wahr oder falsch ist, wird zunehmend auf ihn verlagert.

/e-politik.de/: Wird der Beruf des Journalisten bzw. Redakteurs, der Informationen zusammenträgt und auswertet, dann nicht überflüssig?

Croll: Überflüssig nicht, aber es findet eine andere Rollenverteilung statt. Früher hatte jemand mit entsprechender Ausbildung den Auftrag, Informationen zu prüfen und zu gewichten. Heute muss der Leser selbst entscheiden, ob er bspw. eine Twitter-Meldung für bare Münze nimmt.

/e-politik.de/: Die Begriffe Digital Gap und Digital Divide werden oft nur auf internationaler Ebene in Bezug auf Entwicklungs- und Industrieländer diskutiert. Wie tief ist die Spaltung innerhalb der deutschen Gesellschaft?

Croll: Ausgangspunkt der Diskussion um die Digitale Spaltung sind die „Falling through the Net“- Berichte der US-amerikanischen Regierung Ende der 90er Jahre gewesen. Darin wurde auf nationaler Ebene festgestellt, welche gesellschaftlichen Gruppen Zugang zum Internet haben und welche nicht. Erst in einem zweiten Schritt wurden später auch die Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern in den Blick genommen. Auf nationaler Ebene zeigt sich, dass die Digitale Spaltung entlang bestehender gesellschaftlicher Unterschiede verläuft. Sozial- und Bildungsbenachteiligte finden nach wie vor in geringerem Umfang Zugang zum Netz als andere Bevölkerungsgruppen, weiterhin besteht ein nahezu unverändert großer Abstand zwischen Männern und Frauen. Auch Ältere sind weniger häufig im Netz anzutreffen als die jüngere Generation. Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene besteht das Phänomen der Digitalen Spaltung darin, dass diejenigen, die Zugang zum Internet haben und über die Kompetenz verfügen, den Zugang für sich zu nutzen, daraus in so erheblichem Maße Vorteile ziehen können, dass sich ihr Vorsprung an Wissen und Wohlstand vor denjenigen, die keinen Zugang haben, ständig vergrößert.

/e-politik.de/: Die Bundesregierung macht mobil: IT-Planungsrat, IT-Beauftragte und eine Nationale E-Government-Strategie sollen unsere Gesellschaft aufs 21. Jahrhundert vorbereiten. Wer bleibt dabei auf der Strecke?

Croll: Zunächst einmal ist nicht erkennbar, dass dabei jemand auf der Strecke bleiben muss. Entscheidend ist, die Maßnahmen so anzulegen sind, dass alle Bevölkerungsgruppen davon profitieren.

/e-politik.de/: Im Mai 2010 hat das Landessozialgericht Niedersachsen ein Urteil erlassen, nach dem Hartz-4-Empfänger keine finanzielle Unterstützung zu Anschaffung eines PC zusteht, weil dieser zu einer ordentlichen Haushaltsführung nicht vonnöten sei. Ist das nicht ein Beispiel für eine solche Benachteiligung?

Croll: Mittlerweile hat das Bundesverfassungsgericht einen Teilbetrag für PC und Internet im Hartz-4-Regelsatz vorgesehen. Dieser ist allerdings, wie viele andere Beträge, viel zu niedrig angesetzt. Es gibt aber auch viele Möglichkeiten, an öffentlichen Orten das Internet zu nutzen. Wir haben in der Stiftung eine Sammlung von über 8000 Adressen bundesweit, die Internetzugang für die Öffentlichkeit anbieten, viele davon sogar kostenlos.
Sich mit Computer und Internet zu beschäftigen, um einen Nutzen für den persönlichen Lebensalltag daraus zu ziehen, bedeutet Zeit und Geld zu investieren. Damit die Menschen sich dafür entscheiden, müssen sie die Gelegenheit haben, eine positive Ersterfahrung mit dem Medium zu machen.

/e-politik.de/: „Eine moderne öffentliche Verwaltung ist Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands“. Mit diesen Worten wirbt das Bundesministerium des Innern auf seiner Homepage für die E-Government Maßnahmen der Regierung, die unter anderem zu mehr E-Partizipation führen sollen. Wie steht es aber mit der E-Inklusion ? Wird sie durch die E-Government-Strategie gefördert?

Croll: E-Inklusion kann nur erreicht werden, wenn die Angebote so gestaltet sind, dass sie von allen Menschen gleichermaßen ohne jede Einschränkung und selbständig genutzt werden können. Dazu gehört der Aspekt der barrierefreien Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderungen, aber auch eine Gestaltung, die es Netzneulingen ermöglicht, sich mit den Angeboten vertraut zu machen.

/e-politik.de/: Tut die Bundesregierung Ihrer Meinung nach also genug, um die digital gap in Deutschland zu verringern?

Croll: Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie finanziert seit Ende 2008 unter dem Titel ‚Internet erfahren‚ eine breit angelegte Kampagne zur Förderung der Internetnutzung, die von der Stiftung Digitale Chancen gemeinsam mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen und dem Kompetenzzentrum Technik – Diversity – Chancengleichheit umgesetzt wird. Dabei steht im Vordergrund, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu gewinnen und für die Aufgabe der Heranführung von Menschen an das Internet zu befähigen. Weitere Bundesministerien befassen sich aus ihrem jeweiligen Blickwinkel mit den Fragen, die die Internetnutzung aufwerfen kann (Jugendmedienschutz – BMFSFJ, Verbraucherschutz – BMELV, Barrierefreier Zugang – BMAS, Sichere Nutzung – BMI).

/e-politik.de/: Wie kann man sich die Arbeit solcher Multiplikatoren konkret vorstellen?

Croll: Die Interneterfahrungsorte, mit denen wir zusammenarbeiten, sind z.B. Bibliotheken, Gemeindezentren oder Jugendclubs. Die Mitarbeitenden dort können häufig für private Zwecke gut mit Informationstechnologien umgehen, wissen aber nicht, wie sie ihre Zielgruppen damit vertraut machen können. Unsere Stiftung führt momentan eine Trainingskampagne durch, die hier ansetzt. Wir zeigen den Multiplikatoren, wie man andere Menschen an die sichere und verantwortungsbewusste Nutzung des Internet heranführt. Dazu gehört z.B. zu lernen, welche Plattform sich zu welchem Zweck eignet und wie diese genutzt werden.

/e-politik.de/: Im letzten Monat verabschiedete das Kabinett den DE-Mail-Gesetzentwurf, seit diesem Monat ist der digitale Personalausweis gültig. Sind das sinnvolle Projekte oder wird hier nur noch mehr Verantwortung auf den Bürger abgewälzt? Wie sieht es mit der Sicherheit aus?

Croll: Sicherheitsbedenken sind eines der am häufigsten genannten Argumente, wenn es darum geht zu erklären, warum viele Menschen das Internet (noch) nicht nutzen. Insofern ist es sicher richtig, Angebote zu entwickeln, die das Sicherheitsbedürfnis der Nutzerinnen und Nutzer ansprechen. In erster Linie erwächst die Motivation, sich mit dem Internet vertraut zu machen, aber aus der Alltagsrelevanz der verfügbaren Angebote für die Nutzerinnen und Nutzer. Insbesondere beim neuen Personalausweis wird der Erfolg davon abhängen, ob genügend interessante und alltagstaugliche Anwendungsfelder für den Einsatz des Ausweises erschlossen werden.

/e-politik.de/: Frau Croll, wir danken für das Gespräch.


Die Bildrechte liegen bei der Stiftung Digitale Chancen (Jutta Croll), Curtis Newton (E-Government), Graphic Tribe (Wikileaks-Flagge) und sind unter Creative Commons Bildrechten lizensiert.


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