Marx Reloaded

Ein Geist geht um und Roger de Weck hat ihn gesehen: die „ökosoziale Marktwirtschaft“. In seinem bündigen Büchlein „Nach der Krise“ hetzt er atemlos durch eine gelungene Krisenanalyse und rattert mitreißend ein Manifest für eine „Reformation“ des Kapitalismus herunter. Der Leser darf unbesorgt sein: Ein zweites „Manifest“ à la Marx ist nicht zu erwarten. Von Markus Rackow

Roger de Wecks  Biografie liest sich wie eine Tafel in der Walhalla: Der 56-jährige Schweizer Publizist und multitalentierte Mediennomade ist Luzerner Ehrendoktor, Stiftungspräsident, Moderator von nächtlichen „Sternstunden Philosophie“, Medienpreisträger und nach einem Intermezzo bei der ZEIT auch Buchautor. Was den überzeugten Liberalen umtreibt, ist die Furcht, dass die Kapitalisten den Kapitalismus abschaffen. So fragt er dann: „Gibt es einen anderen Kapitalismus?“ und gibt für zehn Euro Praxisgebühr Antworten.

Das schmale, zwischen Pamphlet und Sachbuch schwankende Buch atmet freimaurerischen Geist, nur macht es die Forderungen explizit. De Wecks Moralkeule schwingt über der Gier der Manager und übersieht geflissentlich die Mitverantwortung der Journalistik, die lange Zeit den Neoliberalismus hofiert hat. Das aus weisen Autoritäten und eigenem Wertekanon destillierte Konzentrat schlittert souverän zwischen Ökokonservatismus und Sozialliberalismus; konträre Denker wie Lenin und Adam Smith werden zu einer weichbuttrigen Emulsion verrührt. So erzählt de Weck wenig Neues, vereint aber eine hervorragend und angenehm lesbare, kurze Problemanalyse mit einem reichhaltigen Fundus an halbwegs konkreten, vereinzelt erfrischend innovativen Handlungsempfehlungen für die politischen Entscheidungsträger. Die Krise sieht de Weck als beendet an, obwohl die globalen Ungleichgewichte weiter bestehen und mancher Ökonom vor der nächsten Krise warnt. Er aber sieht das Schlimmste hinter uns und nachdem sich der Sturm nun gelegt hat, schreibt er hinein in die „produktive Ungewissenheit“.

Was ist daran noch Kapitalismus?

Ein wenig krankt de Wecks Opus parvus aber am Bestreben, ein Opus magnum zu sein, an einem verwirrenden Sprachgebrauch, der ausgerechnet den „anderen Kapitalismus“ schwammig definiert. Marktwirtschaft – die der Autor hier als überzeitlich ansieht – und Kapitalismus werden nicht unterschieden. Und was an dem „anderen Kapitalismus“, der eben der richtige sein soll, noch so kapitalistisch ist, bleibt im Dunklen: ausgewogen, real existierend, demokratisch, stabil, nachhaltig, liberal, global. Das sind ziemlich viele Anforderungen, die eben nicht den selbst gesetzten Anspruch erfüllen, sich im Alltagshandeln einer liberalen Haltung umsetzen zu lassen.

Begrüßenswert ist freilich seine Kritik des Neoetatismus, in dem die krisenverantwortlichen Krisenverlierer nun den freien Markt scheuen, sich vom Staat freikaufen lassen und ihr Geschwätz von gestern vergessend sich selbst ad absurdum führen. Dieser moral hazard führt nur zur nächsten Rallye. Kapital und Arbeit sollen ebenso wie Staat und Markt wieder im Lot sein: Beide sind jeweils voneinander abhängig. Ein Klassenkampf – ohne das Wort zu nutzen – muss sich gegen die globale Klasse richten. Diese ist für de Weck hemmungslos gierig. Hier wird es problematisch, denn das klingt gelegentlich nach Weltverschwörung.

Eine globale Reformation als Ziel

Finanzspekulation und auf schnellen Gewinn abzielende Aktienhausse ist ihm ein Dorn im Auge, erst recht wenn Nahrungsmittel Objekte der Gier sind. Ziel des Kapitalismus müsse eine Versorgung aller wider dem Diktat kurzfristiger Gewinne sein. Überholt sei die Vormacht des Dollars , der sich wie ein Schwamm voll saugt und nun wie ein Wal an Land am eigenen Gewicht zu ersticken droht – doch auf Konsequenzen seiner Ablösung geht der Autor nicht ein. Keynes und andere Ökonomen liefern ihm Ideen für eine globale Finanzarchitektur aus Tobinsteuer und Währungskorb.

Monopolinteressen müssen zurückgedrängt, Staat und Wirtschaft wieder demokratischer bestimmt werden. Bei Bailouts muss der Staat als Risikoträger die Aktien bekommen: Nur ein Beispiel, wie ordnungspolitische Rahmensetzungen im richtig verstandenen Neoliberalismus wieder eine sinnvolle Risikoverteilung bewirken und Wachstumsfanatismus und Eigennutz wieder demokratischer Erdung weichen. In einer geradezu revolutionär anmutenden Passage zieht de Weck alternative Geldtheorien zu Rate, die das Buchgeld- und Bankenkreditwesen, wie wir es kennen, tilgen würden.

Und dennoch: Sein Ziel ist kein anderer Kapitalismus, sondern ein Kapitalismus, wie er reibungsloser funktioniert und weniger Widerstand hervorruft, ohne Staat und Demokratie zu gefährden. Der Staat ist ein Heilmittel und nicht das, was Marx mal als „Instrument der herrschenden Klasse“ brandmarkte. So reiht sich de Weck ein in etwas, das man als milde Variante einer neuen konservative Revolution mit Ökoanstrich begreifen könnte: Mit Moralphilosophie im Interesse aller die Feinde der natürlichen, ökologischen Ordnung ankreiden. Nach einer Alternative wird mit dem Verweis auf die andere Alternative, die gescheitert ist, nicht gefragt. So akzeptiert er das Diktum vom „Ende der Geschichte“ und sucht nur noch, dieses harmonisch zu erhalten. De Weck ist schließlich besorgter, unideologischer Liberaler in bester kulturpessimistischer Tradition. Die Marktwirtschaft gilt ihm wie die Demokratie für Churchill die schlechteste, aber einzig funktionierende. So liegt seine Technikskepsis offen zur Schau, wenn er vor Maschinen warnt, die Menschenhand ersetzen. Andere, wie zum Beispiel Grundeinkommensbefürworter, sehen das als große Chance der Befreiung des Menschen von Arbeit. So bleibt er „laboristisch“, wie er an einer Stelle Marx bekrittelt.

Würde Helmut Schmidt de Weck zum Arzt schicken?

Der Leser bleibt vor Kompression und Tempo dennoch nicht auf der Strecke, hat de Weck – was ihm als Verdienst hoch anzurechnen ist – doch vor allem eine Synthese aus aktuellen, ultrareformerischen Vorschlägen und alten moralphilosophischen Ideen vorgelegt. Das ist jedoch auch das Problem des schmalen Pappeinbandes: Seine Thesen, wild zusammengesucht und doch harmonisch komponiert, ersticken korsettgleich Zweifel und dünken an mancher Stelle selbst so doktrinär wie der Ultraliberalismus, an dem er sich abarbeitet. Der Nagel dieser Thesen wird bis ins Hirn gerammt statt an die Kirchentür. Motto: Wir wissen  ja, was natürlich ist – worauf warten wir?

Symptomatisch für ein gewisses Zurückrudern vor allzu radikalen Vorschlägen ist das Titelbild, auf wessen Kappe dies auch gehen mag. Statt einem realsozialistischen Kitsch verhöhnenden oder nachtrauernden Gemälde à la Norbert Bisky ziert das Cover eine halb zerrissene Dollarnote, eine Nadel mit rotem Bindfaden ist dabei sie von unsichtbarer Hand zu nähen. Ein Bild sagt mehr, auch als 112 generös bedruckte Seiten: Soll der dollar-kapitalistische Markt sich doch selbst heilen? Wo sind lachende Kinder und blühende Landschaften der ökosozialen Marktwirtschaft? Oder soll die Nadel mangels sichtbarer Hand ein Innehalten andeuten, ein warnendes „So geht es nicht mehr!“ Auf diesem offensichtlich irreführenden Umschlag kommt die ganze Furcht vor der vermeintlichen Pathologie „Vision“ zum Ausdruck, die de Wecks einstiger ZEIT-Kollege Helmut Schmidt so anrüchig unpragmatisch fand. Doch de Wecks Pamphlet ist geradezu ein Spagat: eine pragmatische Vision.

De Wecks Hoffnung ruht auf einem Zitat des Kulturwissenschaftlers Jacob Burckhardt, dass „Entwicklungen, die sonst Jahrhunderte brauchen“, sich erst recht aufgrund einer „uneinsichtigen Elite“ in Windeseile vollziehen können. Wir dürfen gespannt bleiben – obwohl wir eigentlich alle gefragt sind, etwas zu ändern, ehe diese Eliten uns erfolgreich eingelullt haben im antireformerischen „Klein-Klein“ (wie auch der einstige Großreformator Westerwelle zu sagen pflegte). Doch vor dem großen Wurf sollte man weiter nachdenken. Der Steinbruch der Weisen lässt sich bislang nicht ausbeuten.

De Weck, Roger
Nach der Krise. Gibt es einen anderen Kapitalismus?
(2009), München, Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
112 Seiten, ISBN 978-3312004546, 10,00 Euro


Die Bildrechte liegen beim Carl Hanser Verlag (Buchcover) und Marc Wetli (Roger de Weck).


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