Lichtfest der Standortpolitik

Die Fête des Lumières in Lyon gilt als leuchtendes Beispiel städtischer Inszenierung und erfolgreichen Stadtmarketings. Ihre Illuminationen locken Millionen von Menschen in Winternächten auf die Straße. Doch das Lichtfest hat auch Schattenseiten. Von Nona Schulte-Römer

Wenn die Tage kürzer werden und die heimische Couch am Abend zum liebsten Aufenthaltsort wird, bringt die Fête des Lumières Bewegung in die Stadt an Rhône und Saône. Auch in diesem Jahr drängten sich vom 8. bis 11. Dezember allabendlich Familien neben Touristengruppen und feiernden Jugendlichen, um Lichtinstallationen oder dreidimensionale Projektionen in Wasserdampfwolken zu bestaunen. Ihre Begeisterung äußert sich in Menschentrauben und in emporgereckten Fotoapparaten oder Handy-Kameras.

Das Spektrum der Illuminationen reicht von komplizierten technischen Aufbauten bis zu Kerzenschein auf Fenstersimsen. Die Stadt Lyon versteht es hervorragend, das traditionelle Lichtfest als touristisches Highlight zu vermarkten. Beeindruckend sind nicht nur die spektakulären Lichtinstallationen und Projektionen an Hauswänden, auf Kirchen und Monumenten, an den Flussufern und auf den Hügeln der Stadt, sondern auch die Logistik hinter dem Ereignis. Das Fest erfordert die Koordination technischer wie künstlerischer Expertise, von Transportsystemen und Sicherheitskräften. Seit 1989 obliegt diese Organisation einer professionellen, städtischen Verwaltung – und hat sich dabei um Lichtjahre von seiner ursprünglichen Form entfernt.

Merci Marie – Kerzen für die Mutter Gottes

Seine Authentizität gewinnt das Lichterfest aus der bis ins 12. Jahrhundert zurückreichenden Marienverehrung im katholisch geprägten Lyon. Die Gläubigen danken der Mutter Gottes unter anderem dafür, sie 1643 vor der Pest und 1832 vor der Cholera beschützt zu haben. Die Tradition, Kerzen in die Fenster zu stellen, wurde 1852 geboren, als die lange erwartete Einweihung einer Marienstatue buchstäblich ins Wasser fiel. Als damals die Feierlichkeiten am 8. Dezember endlich ihren Lauf nehmen konnten, war die Freude so groß, dass die Lyoner spontan und kollektiv Kerzen in ihre Fenster stellten. Seitdem brennen die Marienlichter jedes Jahr Anfang Dezember.

„Und wie viele Kerzen sieht man heute noch?“, stellt ein Einwohner Lyons die Gretchenfrage. Die Antwort gibt er selbst: „Früher flackerten Teelichter überall, nicht nur bei Katholiken. Heute sieht das ganz anders aus und die Einheimischen verlassen am Wochenende die Stadt, wenn sie können.“

Graswurzel-Glühwein gegen Stadtprofil

Abhauen will auch der Metzger an der Ecke, den der Rummel und Kommerz gehörig nervt. In einer Kneipe im alternativ angehauchten Stadtteil Croix Rousse vermittelt der junge Barkeeper Alan ein Stimmungsbild aus dem Viertel: „Meine Freunde hier sind ziemlich links und gegen die Vermarktung des Volksfestes“. Lyons Regierender Bürgermeister Gérard Collomb gehöre zwar der sozialdemokratischen Partei an, vertrete aber bürgerlich konservative Werte. Diese bourgeoise Haltung schlägt sich während der Fête insbesondere in Beteiligungsfragen nieder.

„Gezeigt werden nur Großinstallationen, die ins Auge stechen“, so Alan, „junge, ortsansässige Künstler und Designer bekommen in diesem Spektakel kaum eine Chance.“ Auch die Gewinnbeteiligung leidet unter der klaren Linie. „Im letzten Jahr hat es zwanzigmal mehr Glühweinstände gegeben, alle zehn Meter einer.“ Diesmal ließ Collomb die Polizei hart durchgreifen, mit einer Razzia gleich am ersten Festabend. Doch trotz der drohenden Strafe von 750 Euro für illegalen Straßenverkauf müssen die flanierenden Massen nicht auf dem Trockenen sitzen. Mutige erfreuen sich am zweiten Abend des Festivals an ihren Ständen wieder bester Laune, insbesondere nachdem die frühlingshaften Temperaturen innerhalb einer Nacht auf den Gefrierpunkt gefallen sind und nun Heißgetränke gefragt sind.

Ein gemäßigtes Spektrum

So brodelt die Kritik an der Festverwaltung längst nicht so heiß, wie der Glühwein im Idealfall getrunken wird. Ein Ladenbesitzer hält das Verbot nicht-kommerzieller Stände für gerechtfertigt. „Das sind doch keine Geschäftsleute“, beschwert er sich hinter seinem Crepe-Stand. Außerdem traue er ihrem Punsch nicht. Aber auch manchem links orientierten Anwohner missfällt die Belagerung der Straße in den Tagen der Fête, die in den letzten Jahren ausgeartet sei. Das Lichtfest habe aber nicht nur kommerzielle und religiöse Seiten, bemerkt eine junge Frau in Alans alternativer Kneipe, sondern sei doch auch „ganz schön“.

In diesem Jahr lautet das überwiegende ästhetische Urteil allerdings „nicht besonders“ („pas terrible“). Auch die Zeitungen erinnern sich an fettere Jahre mit spektakuläreren Lichtdarbietungen. Die gratis verteilte U-Bahn-Zeitung 20 minutes schreibt, die Publikumsreaktion sei so lauwarm wie das Wetter. Trotzdem ist der Andrang groß. Am Fuße der Croix Rousse, wo zwischen historischen Gebäuden und auf historischen Plätzen das Hauptprogramm läuft, schieben sich die Menschenmassen durch die Fußgängerzone, unter überdimensionierten Stehlampen, Vögeln und Eiskristallen aus LEDs und im Schein rot und blau getönter Straßenlaternen. Polizeieinheiten sorgen für Sicherheit und Ordnungspersonal bändigt den Sturm auf die Metro, die man verbilligt und am 8. Dezember sogar gratis nutzen kann.

Merci Mairie – Lichtsignale aus dem Bürgermeisteramt

Das Ufer der Saône blitzt und blinkt im Wellenrhythmus silbriger Lichtpunkte, das Rathaus der Mairie ist vom ortsansässigen Leuchtenhersteller Philips farbenfroh und unter Verwendung neuster Technologien in Szene gesetzt. Aus dem Wasserbecken am Platz der Republik erheben sich dreidimensionale Leuchtgestalten aus dem Sprühregen der Fontaine. An einem kleinen Platz steht eine Designstudentin aus Paris mit Bohrmaschinen auf einer Leiter und setzt ihre seit dem Kälteeinbruch beschlagene Spiegelkonstruktion wieder ins rechte Licht. Ihre Kollegin erzählt stolz von ihrem Erfolg in einem nationalen Auswahlverfahren, das ihnen und 15 anderen studentischen Projekten die Einladung nach Lyon beschert hat.

So scheint das Lichtfest in seiner Vielfalt ganz unterschiedliche Interessen zu bedienen. Selbst die Kirche ist d’accord, weil sie in Zeiten schwindender Religiosität im Rampenlicht des Festivals von einem in jeder demografischen Hinsicht heterogenen Publikum aufgesucht wird. Doch an Rhône und Saône wird längst nicht nur vatikanische, sondern auch internationale Politik gemacht, denn temporäre Illuminationen sind längst nicht alles, was Lyon in Sachen Licht zu bieten hat.

Fest für politische Sinne

Seit 1989 wird hier mittels nächtlicher Beleuchtung gezielt Stadtentwicklung betrieben. Zudem engagiert und präsentiert sich Lyon als Initiator eines internationalen Städtenetzwerks. Die hier versammelte Expertise wird weltweit geschätzt und nachgefragt. Dabei bietet das heimische Lichtfest eine glänzende Gelegenheit, jährlich Dutzende von Städte-Delegationen aus der ganzen Welt in repräsentativem Rahmen zu begrüßen. Die Fête des Lumières spricht schließlich nicht nur den Geschäftssinn an, sondern fällt auch durchaus angenehm ins Auge. Die Lichtzeichen erzielen ihre mediale Wirkung. „Lyon – Hauptstadt Frankreichs… titelt eine Wochenzeitung und erzählt die königliche Geschichte der Stadt. In Beleuchtungsfragen steht Paris im Schatten Lyons.

Wenn in Lyon nach vier erleuchteten Nächten die Lichter wieder ausgehen, werden die verkauften Nahverkehrstickets, Hotelnächte und Zuschauerschätzungen zu Besuchermillionen verrechnet. Rund vier Millionen Zuschauer waren es 2009. „Die Leute stimmen mit den Füßen ab“, erklärt Festivalleiter Jean-François Zurawick – und die Bevölkerung sei voll dabei. Tatsächlich gehen die Lyoner in Scharen auf die Straße, wenn ihre Stadt erstrahlt. Allerdings grenzt man sich gern vom übrigen Festivalvolk ab: „Unser Lichtfest dauert nur einen Tag und das ist der 8. Dezember“, hört man immer wieder, „die restlichen drei Tage sind Imagepflege und Geschäft.“


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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