Kundus von innen betrachtet

06. Apr 2010 | von Carolin Hilpert | Kategorie: Politisches Buch

"Operation Kundus" - scharfe Kritik eines Beteiligten
In seinem zweiten Buch legt der Ex-Bundeswehrsoldat Achim Wohlgethan, Autor des Bestsellers Endstation Kabul, nach. Operation Kundus ist eine scharfe Kritik an der Regierung und ihrer Afghanistanpolitik aus Sicht eines Betroffenen. Von Carolin Hilpert

Zwei Mal war Achim Wohlgethan als Zeitsoldat der Bundeswehr in Afghanistan. Über beide Einsätze hat er je ein kritisches Buch geschrieben. Die aktuelle Veröffentlichung Operation Kundus bietet Insiderberichte, die das Leben deutscher Soldaten fernab der Heimat veranschaulichen, aber mit Kritik an militärischer Führung und deutscher Regierung nicht sparen.

Wohlgethans zweiter Einsatz beginnt im November 2003. Er kommt als Teil des Vorauskommandos nach Kundus, um dort das regionale Provincial-Reconstruction-Team (PRT) der US-Streitkräfte zu unterstützen. Auftrag ist die „Tiefenaufklärung“, die großflächige Informationsbeschaffung und Lageuntersuchung rund um Kundus, einer Stadt im Norden Afghanistans. Die Soldaten sind in einem Camp inmitten der lebhaften Stadt untergebracht.

Nur zur Aufklärung begeben sich der Autor und seine Kameraden und in die nahegelegenen Dörfer, sprechen mit den Menschen vor Ort, kartographieren das Gelände und minenverseuchte Gegenden. Dass sie dabei jedoch mangelhafte und zivile Jeeps ohne jegliche militärische Kennung erhalten, bedeutet eine unnötige Gefahr.

Von Affen und Paletten

Von den Gefahren wusste während Wohlgethans Aufenthalt kaum jemand in Deutschland. „Monkey Show“ ist der Ausdruck, den er für die aufwendige, zensierte Berichterstattung im Camp verwendet. Kontinuierlich greifen Presseoffiziere in die Arbeit der Journalisten ein. Den Fernsehsendern ist es nicht gestattet, Bilder der schwer bewaffneten Soldaten auszustrahlen. Stattdessen müssen sie sich mit der „obligatorischen Brunneneinweihung mit lachenden Kindern und Händeschütteln mit örtlichen Würdenträgern“ begnügen.

Die Realität sehe ganz anders aus, so Wohlgethan. Oft sind die Soldaten tage- und nächtelang unterwegs. Dabei gehen politische Bedenken und mangelnde Ausrüstung beständig zu Lasten der Soldaten, schreibt der Autor. So wurden für den Transport zwischen Flugplatz und Camp zivile, ungepanzerte Fahrzeuge eingesetzt – obwohl im Juni 2003 vier Armeeangehörige beim Anschlag auf einen solchen Bus ums Leben kamen. Auch ist während Wohlgethans Dienstzeit eine Evakuierung aus der Luft bei Unfällen praktisch unmöglich, da Deutschland in Afghanistan nur über sechs Hubschrauber verfügt, von denen keiner in Kundus stationiert ist. Ob die Amerikaner ihnen rechtzeitig zu Hilfe kämen, bezweifelt der Ex-Soldat.

Zudem macht ihnen die deutsche Bürokratie das Leben schwer. Wohlgethan hat als „Medic“ im Team die Aufgabe, Verwundete am Leben zu erhalten, bis ein Arzt oder Evakuierungsteam eintreffen. Die medizinische Ausrüstung, die er sich vor Abflug mühsam zusammen sammelte, landet in Boxpaletten im Lager im Kundus. Er stellt zu seinem Entsetzen fest, dass er ohne den „Materialverantwortlichen“, der sich noch nicht im Land befindet, nicht an seine Ausrüstung kommt. Bis zum Ende bleiben die Boxen ungeöffnet…

Pflichttermine der Politik

Autor Wohlgethan: "Erst wenn Särge kommen, werden die Sicherheitsbedingungen diskutiert"
Die Darstellung passt zu der Tatsache, dass sich deutsche Politiker lange weigerten von kriegsähnlichen Zuständen oder gar „Krieg“ in Afghanistan zu sprechen. Wohlgethan schildert die Truppenbesuche von Politikern enttäuscht, „als ob wir Schmuddelkinder seien und der Politiker lieber nicht angereist wäre. Ein Pflichttermin halt“.

Auch die Sicherheitsbedingungen würden nicht genügend von der Politik adressiert, so der Autor. „Erst wenn die Särge deutscher Einsatzkräfte aus Afghanistan in die Heimat kommen, werden die Sicherheitsbedingungen im Einsatz adressiert“, schreibt er frustriert. Bislang fehle es der Politik an Mut, die nötigen finanziellen Mittel bereitzustellen, um die Sicherheit der Soldaten wenigstens etwas zu verbessern.

Kritik? Unerwünscht!

Wohlgethans Ratschlag war trotz seiner Erfahrungen von einigen Vorgesetzten nicht erwünscht – was nicht zuletzt am niedrigen militärischen Rang des Stabsunteroffiziers lag. Auch heute erreicht seine Mahnung die Politik nicht: Der ehemalige Staatssekretär im Bundeministerium der Verteidigung Peter Wichert wies die Kritik des ersten Buches als Übertreibung zurück.

Natürlich mögen sich manche fragen, ob es in Kundus 2003 bereits so gefährlich war, wie geschildert. Doch die zahlreichen positiven Zuschriften nach seinem ersten Buch sprechen für ihn. Auch sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass Wohlgethans Erlebnisse nicht einfach verallgemeinert werden können. Es gab durchaus Soldaten, die sich nur zwei Mal außerhalb des Lagers aufhielten: bei ihrer Ankunft und Abfahrt.

Und wie geht es weiter?

Insgesamt bietet Wohlgethan dem Leser nicht nur eine sehr kritische Auseinandersetzung mit seinem Einsatz und der Bundeswehr, er schildert zudem anschaulich und in betont klarer Sprache das Alltagsleben: Das Heimweh der Soldaten, besonders an Weihnachten, interne Querelen, die täglichen Strapazen, die Widersprüchlichkeit und Schönheit Afghanistans.

Doch bei aller berechtigter Kritik bleibt der Leser mit der Frage zurück: Wie kann Deutschland in Afghanistan etwas aufbauen, gibt es überhaupt eine Aussicht – und sei sie noch so klein – auf Erfolg? Der Autor enttäuscht in dieser Hinsicht und bleibt die Antwort schuldig. Er listet zwar beeindruckende Statistiken auf, etwa, wie viel Entwicklungshilfe in das Land fließt oder wie viele Militärs dort stationiert sind. Doch stehen die Zahlen einsam im Raum ohne Wohlgethans persönliche Einschätzung dazu. Außer den militärischen Möglichkeiten zeigt er kaum Vorschläge auf, wie in diesem Land etwas zu erreichen wäre.

Das mag zum einen an Wohlgethans eingeschränkter Aufgabe in Afghanistan gelegen haben. Zum anderen deutet es aber auch  darauf hin, was Altkanzler Helmut Schmidt bei einer Diskussion an der Bundeswehr-Universität in Hamburg feststellte: „Ich glaube, es wird langsam Zeit, dass wir mit der Eventualität rechnen, dass wir – der Westen insgesamt – diesen Krieg eines Tages abbrechen werden.“

Wohlgethan, Achim
Operation Kundus – Mein zweiter Einsatz in Afghanistan
(2009) Berlin: Econ Verlag
320 Seiten, ISBN 978-3-430-20073-8, 18,90 Euro


Die Bildrechte liegen bei der Ullstein Buchverlage GmbH bzw. Hans Scherhaufer.


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Ein Kommentar
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  1. Es ist eindeutig klar, dass hier ein Sumpf vorherrscht, der nicht beherrschbar ist. Und Karzai entwickelt sich zu einem Diem, wie er in Vietnam war. Die Analogien sind frappierend. Es ist ein Skandal, dass schlecht ausgerüstete und nicht auf Kampfeinsätze vorbereitete Soldaten nach Afghanistan geschickt werden. Ein Debakel für das deutsche nationale Interesse und Ansehen…

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