Immer weiter – nur wohin?

Bei allem Fortschritt noch auf Papier: Programmheft des Symposions.

Was wissen wir schon von Fortschritt? Prominente Redner von Franz Müntefering bis Nobelpreisträger Harald zur Hausen versuchten, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Die Ergebnisse waren vielseitig und teils überraschend. Ein Veranstaltungsbericht von Sören Sgries

Nein, nicht gleich mit dem Lesen beginnen. Bitte erst kurz zurücklehnen, den Blick schweifen lassen. Vielleicht taucht die Deckenlampe den Raum gerade in sanftes Licht. Leise surrt der Lüfter des Notebooks. Vor dem Fenster, unten auf der Straße, brummt der Verkehr. Ein kurzes Piepen kündigt eine neue E-Mail an. Eine örtliche Initiative ruft zur Demo auf. Ein Kollege empfiehlt ein neues Video zur UN. Auf der Titelseite der Zeitung wird die Bedrohung des Euro durch den griechischen Staatsbankrott diskutiert.

Was sich da beobachten lässt: All das ist Fortschritt. So schwer erfassbar dieser Begriff scheint, so greifbar sind seine Resultate doch im Alltag, so wichtig ist er für die Menschheitsentwicklung. Technischer Fortschritt hat das Leben vereinfacht, medizinische Entwicklungen das Leben verlängert, gesellschaftliche und politische Entwicklungen erlauben ein Leben in Frieden und Freiheit. Das ist zumindest die eine Seite des Fortschritts. Andererseits geht es auf der Welt noch immer schreiend ungerecht zu, verhungern Menschen auf dem einen Kontinent, während andernorts Lebensmittel in den Müll wandern. Und neben der Waschmaschine gibt es eben auch das Maschinengewehr.

Vier Lebenswelten, vier Einschätzungen des Fortschritts

Für Franz Müntefering ist der Rechtsstaat Ausdruck von Fortschritt.

Fortschritt – eine vielfältige Angelegenheit. Auf einem dreitägigen Symposium, organisiert von Studierenden im „Heidelberger Club für Wirtschaft und Kultur“, wurde das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. „Fortschritt – Wohin?“ hieß es. Prominente Referenten wie der Politiker Franz Müntefering, der Mediziner und Nobelpreisträger Harald zur Hausen oder der bolivianische Botschafter Walter Prudencio Magne Veliz kamen zu den unterschiedlichsten Erkenntnissen.

Der Politiker: „Noch vor 100 Jahren wurden Konflikte selbstverständlich mit Kriegen gelöst“, weist Müntefering in seiner Eröffnungsrede auf einen wichtigen Aspekt hin. Dass sich dieses Denken geändert hat, ist für ihn eindeutig ein Erfolg der Demokratie. „Nicht das Volk, nicht die Nation sind mehr das Größte, an dem man sich messen kann, sondern der Einzelne, das Individuum“, so Müntefering. Diese Entwicklung habe zu einer friedlicheren Welt geführt. Der Rechtsstaat, der Sozialstaat, die Europäische Union – all das sind für den Sozialdemokraten erfreuliche Errungenschaften, die er gerne unterstützt: „Alle, die Sie sich vorgenommen haben, Bundeskanzler zu werden: Werden Sie Präsident von Europa“, appelliert er an sein junges Publikum. Doch er mahnt auch. Jedes gute Ziel dürfe nur mit guten Mitteln erreicht werden. Sonst sei aller Fortschritt nichts wert.

Die Ökonomen: Eine „Mischung aus Dilettanten, Hütchenspielern und Ganoven“ sieht Müntefering auf den internationalen Finanzmärkten am Werk. Die Ökonomen selbst kommen aber natürlich auch zu Wort – und wehren sich gegen die Politik. „Wettbewerb hat keine Nationalität“, heißt es in einer Podiumsdiskussion, an der führende Wirtschaftsgrößen beteiligt sind wie der ehemalige Peugeot Citroen-Manager Christian Streiff, aber auch Konrad Ost, Leiter der Grundsatzabteilung des Bundeskartellamts. Deutlich wird: Mit der Öffnung der Grenzen und der Beschleunigung der Kommunikation stoßen auch nationalstaatliche Kontrollen an ihre Grenzen. Das hat Folgen, die in der Politik noch zu selten wahrgenommen werden.

Beluga: Zwiespalt von ökonomischem und politischem Fortschritt.

Ein Beispiel: Die Flugzeugbauer von Airbus, einem europäischen Konsortium, produzieren als europäisches Prestigeprojekt an Standorten in verschiedenen Ländern. Effektiv ist das nicht. So musste mit der Beluga eigens ein Flugzeug konstruiert werden, das Teile des Flugzeugrumpfes des Airbus durch ganz Europa zur Endmontage fliegt. Ein Flugzeug bauen, damit ein Flugzeug durch die Gegend geflogen werden kann – da schütteln nicht nur Manager aus der freien Wirtschaft den Kopf. Die Kooperation unter dem Dach der EADS funktioniere zwar erfolgreich, so der Tenor der Diskussion, allerdings mit „wirtschaftlichen Unsinnigkeiten aus politischen Gründen“. Aus politischer Sicht also ein durchaus fortschrittliches Projekt, wirtschaftlich betrachtet jedoch ein Rückschritt.

Können wir unsterblich werden?

Wollen wir ewig leben? Harald zur Hausen jedenfalls nicht.

Der Mediziner: Ob die menschliche Unsterblichkeit möglich sei, wird Symposiums-Schirmherr Harald zur Hausen gefragt. Da muss der Medizinnobelpreisträger kurz schlucken, dann kommt die ausweichende Antwort: „Als Wissenschaftler halte ich das nicht einmal für ein erstrebenswertes Ziel.“ Dabei hat die Frage durchaus einen ernsten Hintergrund. In seinem Vortrag hat der Heidelberger Professor erstaunliche Fortschritte der letzten Jahre in der Krebsprävention vorgestellt. Wie alt könnten wir also bei bester medizinischer Versorgung werden? Allein die Entwicklungen der Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren sind ja schon ein erstaunlicher Fortschritt. Probleme für die Sozialsysteme sind ein anderes Thema.

Der Exot: Ein paar Kokablätter werden herumgereicht, die Vernichtung der Knotenschrift Quipu durch die spanischen Eroberer bedauert und dann fällt dieser Satz: „Gletscher sind uns heilig. Das hat die Entwicklungshilfe nicht verstanden.“ Walter Prudencio Magne Veliz ist in vielerlei Hinsicht der Exot auf dem Podium. Bei der provokanten Frage „Ist Fortschritt ein Irrtum des Westens?“, soll der Botschafter Boliviens in Deutschland bewusst die Außensicht einbringen. Das gelingt.

Zwischen gutmeinenden Entwicklungshelfern, Soziologen und Journalisten setzt er immer das leicht esoterisch anmutende Korrektiv. Wenn von Nachhaltigkeit und Entwicklungshilfe die Rede ist, sträubt sich Veliz gegen westliche Bevormundung und beruft sich auf die jahrhundertealte Einheit seines Volkes mit „Mutter Erde“. Dafür erntet er skeptische Blicke, aber auch Anerkennung.

Clash of civilizations? Walter Prudencio Magne Veliz und Franziska Donner.

„Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass es unterschiedliche Wertesysteme als Basis unterschiedlicher Modernitäten gibt“, formuliert Franziska Donner von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) umständlich ihre Position. Fortschritt ist eben auch die Anerkennung fremder Kulturen.

Sackgassen und Zukunftsperspektiven

Es geht immer weiter – das darf man wohl als weit gefasstes Fazit des Symposiums ziehen. Die wichtigen Fragen sind nur: Wie geht es weiter? Und: Wohin? Denn auch wenn Fortschritt immer Teil der Menschheitsentwicklung war, linear hat sich nichts ergeben. Im Gegenteil: Mehr als einmal führte die Entwicklung in Sackgassen, brachen scheinbar fortschrittliche Ideen, Systeme und Erfindungen in sich zusammen. Sozialistische Ideen entsprangen der fortschrittlichen Arbeiterbewegung, der „real existierende Sozialismus“ scheiterte jedoch. Die Nutzung der Kernenergie schien Energieprobleme zu lösen, heute findet sich nicht einmal eine Lösung für die Endlagerung des Atommülls.

Wenn der Blick auf das angenehme Leben fällt, das uns der Fortschritt erlaubt, müssen also immer die Opfer mitgedacht werden. Doch mit dem nötigen Einsatz ist durchaus eine Zukunft möglich, die in die richtige Richtung führt. „Es liegt an uns, ob Fortschritt gelingt oder nicht“, so Müntefering. „Wir sind dabei mächtig, aber nicht allmächtig.“

Wieder schweift der Blick. Die Waschmaschine sollte gefüllt werden. Flyer müssen verteilt werden. Im Kühlschrank brennt noch Licht.


Weiterführende Links:

„Fortschritt – Wohin?“ – 22. Heidelberger Symposium

Interview mit Botschafter Walter Prudencio Magne Veliz


Die Bildrechte liegen bei daspaddy (Beluga), bei velozenz (Beluga2) und bei /e-politik.de/-Autor Sören Sgries.


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