Immer noch Hammeldiebe?

Zeitweilige Ruhe auf dem Balkan, so lehrt es die Geschichte, ist meist nichts weiter als eine Atempause. „Minenfeld Balkan“ ist eine gelungene Annäherung an diesen viel geprüften unruhigen Hinterhof Europas. Von Jodok Troy

Als „Hammeldiebe“ hat der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck einst die Völker des Balkans bezeichnet. Oft scheint es so, als habe sich an dieser Sichtweise nicht viel geändert. Nach wie vor schaut die (West-)Europäische Öffentlichkeit nicht selten „geringschätzig auf den Balkan von jenem furchtbaren Balkan, der Europa heißt“ wie es 1913 der Journalist Egon Erwin Kisch über seine Reise durch Montenegro notiert hat. Die SPIEGEL-Autoren Olaf Ihlau und Walter Mayr haben sich das titelgebende „Minenfeld Balkan“, diesen „unruhigen Hinterhof Europas“, genauer angesehen. Das Buch bringt dem Leser auf spannende Weise diese so fern scheinende Region näher und beschreibt sie vor allem als Ort der großen europäischen Herausforderungen.

Europas Herausforderung

Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens gelangten bei den ersten freien Wahlen 1990 fast überall nationalbürgerliche Parteien an die Macht. Außer in Serbien, wo die „sozialistische Partei“ unter Slobodan Milosevic die Wahlen und Sympathien für sich gewinnen konnte. Zwar verstarb die „Legende Milosevic“ 2006 während des Kriegsverbrechertribunals noch in der Haft in Den Haag – der damit verbundene Nationalismus lebt aber weiter. Sogar eine Homepage ist ihm gewidmet – Beiträge über den angeblich „fiktiven“ Genozid in Srebrenica inklusive. Nach den jugoslawischen „Erbfolgekriegen“, die die NATO zum Eingreifen trieben und sieben Nachfolgestaaten hervorbrachten, verschärfen sich die Spannungen auch heute wieder. Konflikte zwischen den ethnischen Minderheiten, Territorialforderungen, organisierte Kriminalität und die Ausbreitung eines radikalen Islamismus führen rasch wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Der Balkan ist das wahrscheinlich größte „Freiluftlabor“ der Europäischen Union und deren Außen- und Sicherheitspolitik, nachdem sie in den 1990er Jahren lange Zeit dem Bürgerkriegstreiben und dessen Massakern zugesehen hat. Nicht zuletzt deshalb tummeln sich heute vor allem im Kosovo Vermittler aus allerlei internationalen Organisationen. „Brüssel“, so die Autoren, sei vor allem „mit sich selbst beschäftigt“ und zeige daher mehr Interesse an Verwaltung und „riskiert so seine Glaubwürdigkeit im Südosten des Kontinents“.

Von Slowenien bis Griechenland

Sprachlich elegant und von einem umfangreichen Detailwissen geprägt, nähern sich die Autoren nahezu allen Facetten des Balkans und dessen europäischen Implikationen. Über historische Anekdoten und die aktuelle politische Lage in den Staaten des Balkans von Slowenien bis Griechenland kommt kein Leser zu kurz. Gelungen ist vor allem die Zusammenstellung der Kapitel, die nicht historisch chronologisch sondern thematisch angeordnet sind. So gehen Ihlau und Mayr etwa auf die Blockfreiheit Jugoslawiens im Kalten Krieg, den „mörderischen Psychiater“ Radovan Karadzic, aber auch auf die „EU-Neulinge“ Rumänien und Bulgarien sowie die spezifisch deutschen Beziehungen zur Region ein. Abgerundet wird das Buch dankenswerterweise durch eine Zeittafel und ein Personenregister.

Die Hoffnung: Europa

Auch in diesem Buch, das sich in eine Reihe von journalistischen Veröffentlichungen zu dieser Region einreiht, wird einmal mehr deutlich: keine oder zumindest wenig Hoffnung für den Balkan ohne eine spezifisch europäische Perspektive. Auf einige verschleierte Vorurteile fallen die Autoren dann aber doch herein: so werden die Montenegriner etwa „ihrem Naturell nach“ als „nicht besonders schaffensfroh“ bezeichnet. Der im Buch zitierte Schriftsteller Joseph Roth befand 1927 der Westen sehe Albanien wie er es sehen wolle und kam zu der Schlussfolgerung „[v]on Berlin aus betrachtet ist Blutrache interessanter“. Was hier über Albanien gesagt wird, trifft wohl auf den gesamten Balkan zu: Europa sieht den Balkan wie es ihn sehen will. „Blutrache“ und Gewalt ist allemal faszinierender als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Region und deren Integration in das institutionalisierte, vereinigte Europa. München liegt eben ferner von Zagreb als von Berlin. Oder doch nicht?

Ihlau, Olaf und Mayr, Walter
Minenfeld Balkan. Der unruhige Hinterhof Europas
(2009), München, Siedler Verlag
304 Seiten, ISBN 978-3-88680-916-5, 22,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Siedler Verlag (Cover), J.H. Darchinger (Portrait Olaf Ihlau) und Detlev Konnerth (Portrait Walter Mayr).


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