Ein Kick für Südafrika?

„Africa’s calling!“ – ist das Motto der Fußball-WM 2010 in Südafrika. Als die FIFA die WM an Südafrika übertrug, brach eine große Kontroverse aus. Zwischen Bangen und Hoffen wurde dem Großereignis entgegengefiebert. Von Mona Husemöller

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika wurde viel gezweifelt und spekuliert. Zu den größten organisatorischen Herausforderungen gehörten Fragen der Sicherheit, des Transports und der Unterkünfte. Würde das Land, welches sich immer noch im demokratischen Wandlungsprozess befindet, einen reibungslosen Ablauf der WM gewährleisten können?

Mit Spannung wird nun dem Sportgroßereignis am Kap entgegengefiebert. Rund eine halbe Millionen Fußballfans werden im Sommer in Südafrika erwartet und der Tourismusbranche so einen Riesengewinn bescheren. Laut Prognosen soll die WM ein halbes Prozent zum Wirtschaftswachstum Südafrikas im Jahr 2010 beitragen.

Stadien statt Schulen?

In den letzten Jahren glichen die zehn Austragungsorte des Landes einer Großbaustelle. Fünf neue Fußballstadien wurden extra für die WM gebaut, fünf weitere wurden kostenaufwendig renoviert. Das Stadion in Durban kostete den Staat rund 372 Millionen US-Dollar – eine enorme Summe, bedenkt man, dass die Küstenstadt bereits ein Sportstadion hat.

Nachdem die anfängliche Euphorie abgeklungen war, meldeten sich viele Kritiker zu Wort, die erstmals in Frage stellten, ob sich das Schwellenland das Sportgroßereignis überhaupt leisten könne. Südafrika ist ein Land geprägt von Ungleichheit, Armut, Arbeitslosigkeit und einer hohen HIV/AIDS-Rate. Im Ausland hat das Postapartheid-Südafrika vor allem für seine hohe Gewaltrate traurige Berühmtheit erlangt. Bevor das Land neue Stadien braucht, wäre es da nicht sinnvoller in Häuser, Schulen und Krankenhäuser zu investieren?

Viele Probleme sind noch ungelöst

Als Jacob Zuma im Mai 2009 zum Präsidenten gewählt wurde, erhofften sich viele Südafrikaner eine Verbesserung ihrer misslichen Lage. In dem ersten Jahr seiner Präsidentschaft zeigte Zuma sich voller Tatendrang. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Thabo Mbeki, der vielen als elitär und fern dem Volke schien, sucht Zuma die Nähe seiner Wähler und vermittelte ihnen, dass er ein offenes Ohr für ihre Belange hat.

Jedoch sind viele von Zumas Wahlversprechen noch uneingelöst. Immer noch leben Millionen Menschen in so genannten squatter camps, in Slums, die kurz vor den reichen Vorstädten Johannesburgs und Kapstadts liegen. Schätzungsweise 40% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit steigt ohne Halt. Nach offiziellen Angaben sind 25% der Südafrikaner ohne Arbeit, die wirkliche Zahl sollte jedoch näher bei 40% liegen.

Korruption und Misswirtschaft sind zwei von Südafrikas größten Schwächen. Durch sie werden der ohnehin schlechte öffentliche Dienstleistungssektor und die Lieferung von staatlichem Service weiter geschwächt. Vor allem in den Townships und ländlichen Gegenden ist die Serviceleistung von Missständen gezeichnet. Die Strom- und Wasserversorgung sowie das Abwassersystem lassen zu wünschen übrig, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen sind oft veraltet und überfüllt und auch der Wohnungsbau ist von Korruption und Pfuscherei gezeichnet.

Im Frühjahr und Sommer 2009 kam es vor allem in ärmeren Gegenden zu zahlreichen sozialen Unruhen und gewaltsamen Demonstrationen. Innerhalb der Bevölkerung machte sich aufgrund von chronischer Armut und einem hoffnungslos ineffizienten öffentlichen Dienst Frustration breit. Während die Vorbereitungen auf die Fußballweltmeisterschaft 2010 auf Hochtouren liefen, fühlten sich viele Südafrikaner von der Regierung vergessen.

Fragwürdige Investitionen

Vor allem die hohen Investitionen in den Bau neuer Stadien stoßen auf große Kritik, da eine nachhaltige Nutzung dieser nicht gesichert ist. Während der zweimonatigen WM-Austragung werden die Stadien voll von fußballbegeisterten Fans sein. Wie die Stadien danach genutzt werden sollen, ist jedoch noch offen. Gerade kleinere Städte wie Rustenberg oder Polokwane haben nicht die Nachfrage nach Großereignissen, die Stadien in dieser Größe füllen würden.

Andere Infrastrukturprojekte hingegen werden positiver bewertet. Das öffentliche Verkehrssystem, welches praktisch nicht vorhanden war, wurde im Vorfeld der WM ausgebaut. Das nationale Prestigeprojekt, die Gautrain, die Johannesburg und Pretoria mit dem O.R. Tambo International Airport verbindet, soll die Touristen in die Städte transportieren. Ein neues Schnellbussystem mit dem Namen Rea Vaya wurde errichtet um den Transport innerhalb der Städte zu gewährleisten. Waren Millionen von Pendlern in den Metropolen bisher auf überladene Minibustaxen angewiesen, soll mit dem neuen Bussystem ein sicherer, günstiger und schnellerer Transport gewährleistet werden – eine Innovation, die längst überfällig war. Rea Vaya wird von der Bevölkerung jedoch wenig genutzt, bislang bleiben die Busse leer.

WM ohne Südafrikaner?

Die hohen Investitionen im Rahmen der WM kommen lediglich den WM-Austragungsorten zu Gute – Städte, in denen es ohnehin schon Infrastruktur gibt. An dem Großteil der Bevölkerung Südafrikas, der immer noch in ländlichen Gegenden lebt, geht der Investitionsboom vorbei. Vor allem die FIFA wurde im Vorfeld der WM stark kritisiert. Kritiker gingen so weit dem Fußballverband diktatorisches Verhalten vorzuwerfen. Strenge Lizenzregelungen der FIFA machen es für lokale Unternehmer oft unmöglich von der Kauflust der Fußballfans zu profitieren. Es bleibt daher fraglich, inwiefern die lokale Wirtschaft von dem Sportgroßereignis profitieren wird.

Auch kam es zu Zwangsumsiedlungen von Bewohnern der informal settlements, um den Touristen das unschöne andere Gesicht Südafrikas zu verbergen. Alte, Kranke und Obdachlose will man in Lager außerhalb der Städte verfrachten, um ja nicht die Feierlaune der Fußballfans zu gefährden. Für die vielen fußballbegeisterten Afrikaner ist es außerdem schwer an Tickets für die Spiele zu kommen. Hohe Ticketpreise und der Ticketerwerb, für den man Computer und Kreditkarte benötigt, schließen Millionen von Afrikanern von dem Großspektakel aus.

Südafrikas Chance

Trotz aller Kritik und aller Zweifel im Vorfeld der WM: Südafrika ist sehr wohl in der Lage eine erfolgreiche Weltmeisterschaft durchzuführen. Schwarzmalerei und Übertreibung haben unnötig Ängste und Panik geschürt, die einer Relativierung bedürfen. Südafrika ist eine stabile Demokratie mit einer funktionierenden Opposition. Trotz der globalen Wirtschaftskrise bleibt das Land wirtschaftliches Zugpferd auf dem Kontinent. Die Infrastruktur in Südafrika ist generell von hoher Qualität. Die WM rückt das Land ins Rampenlicht und bietet ihm so eine einmalige Chance, sein Image in der internationalen Gemeinschaft aufzubessern. Als Test für die Fußball-WM wurde 2009 bereits der FIFA Confederations Cup in Südafrika ausgetragen – mit großem Erfolg, ohne größere Zwischenfälle.

Südafrika wird auch in Zukunft zeigen müssen, ob es mit seinen sozialen Unruhen umgehen kann und ob es die soziale Sprengkraft der Proteste in den Griff bekommen kann. Zuma wird beweisen müssen, dass er im Wahlkampf keine leeren Versprechen gab und dass er seinen vielen Ideen und Initiativen Resultate folgen lässt. Die Fußball-WM wird dem Land lediglich einen kick geben, für eine nachhaltige Veränderung im Land benötigt es jedoch mehr. Die Wurzeln der Konflikte und der Missstände im Land liegen tief, weshalb es Zumas Aufgabe der nächsten Jahre sein wird, eine gerechte und gleiche Gesellschaft mit einem starken sozialen Netzwerk aufzubauen. Eine Aufgabe, die Zeit, Geduld und die Bereitschaft aller Parteien, Organisationen und Bevölkerungsgruppen in Südafrika benötigt, um erfolgreich zu sein.

Dieser Artikel ist bereits in der NG/FH 6/2010 erschienen.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/ (Titelbild der Serie), bei 2010 World Cup – Shine 2010 von Wikimedia Commons bzw. flickr.com (Stadion Durban, unter Creative-Commons lizensiert), bei World Economic Forum / Eric Miller emiller@iafrica.com von Wikimedia Commons (Jacob Zuma, unter Creative-Commons lizensiert), bei GautengCitizen von Wikimedia Commons (Gautrain, unter Creative-Commons lizensiert) und bei Matt-80 von Wikimedia Commons (Township, unter Creative-Commons lizensiert).


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