Ein Brückenbauer und sein Sheriff

18. Mrz 2010 | von Fabian Busch | Kategorie: Europa
Der Islam, das ewige Streitthema: Muslimin in der Universitätsstadt Leiden.
Vor den Wahlen in den Niederlanden reden im Ausland viele über den Rechtspopulisten Geert Wilders. Dabei hat er inzwischen einen Gegner, der zu seinem perfekten Gegenbild taugt – und der beginnt, ihm die Schau zu stehlen. Von Fabian Busch

Manchmal muss man gehen, wenn es am schönsten ist. Der ehemalige niederländische Finanzminister Wouter Bos hat in den letzten Wochen wieder leichte Hoffnung schöpfen können. Seine Sozialdemokraten haben die Große Koalition mit den Christdemokraten platzen lassen, um sich eine bessere Ausgangsposition für die jetzt nötigen Neuwahlen in den Niederlanden zu verschaffen. Es wäre schwierig geworden, doch Bos hätte vielleicht gewinnen können.

Am vergangenen Freitag aber hat der ehemalige Finanzminister überraschend beschlossen, der Politik den Rücken zu kehren und sich mehr Zeit für seine Familie zu nehmen. Sein Nachfolger als Spitzenkandidat Job Cohen macht die Wahlen umso spannender, denn er stellt zurzeit sogar den Rechtspopulisten Geert Wilders in den Schatten. Verschiedener könnten die beiden Männer nicht sein, die im Juni den amtierenden Regierungschef Jan Peter Balkenende herausfordern: Auf der einen Seite der alternde Sozialdemokrat und bisherige Amsterdamer Bürgermeister Cohen, der sich selbst einmal als graue Maus bezeichnet hat. Auf der anderen Wilders, der mit seiner extrovertierten, blondgefärbten Mozartfrisur so albern wirkt – und als derzeit lautester Islam-Kritiker das Land doch so fest im Griff hat.

Theo van Goghs langer Schatten

Fotografen am Ort, an dem der Regisseur Theo Van Gogh ermordet wurde.
Der Umgang mit dem Islam ist in den Niederlanden mehr als ein kurzfristiges Streitthema in den Politikteilen der Zeitungen. Zwei prominente Islam-Kritiker wurden seit 2002 ermordet, andere wie die gebürtige Somalierin Ayaan Hirsi Ali zogen das Leben im Ausland dem ständigen Schutz durch Sicherheitskräfte vor. So sehr Islam-Kritiker glauben, um ihr Leben fürchten zu müssen, so kräftig teilen sie auch aus. Geert Wilders nennt den Koran ein faschistisches Buch und möchte es in den Niederlanden verbieten – genau wie er Muslimen die Einreise in das Land am Liebsten untersagen würde.

Wo die überlegte Kritik am Islam aufhört und wo üble Beleidigung anfängt, ist im Land der Toleranz nicht immer klar. Der Regisseur Theo Van Gogh, Urenkel des gleichnamigen Malers, hatte Muslime als  „Ziegenficker“ und „Botschafter einer zurückgebliebenen Finsternis“ beschimpft. Als er vor etwas mehr als fünf Jahren in Amsterdam von einem fanatischen Islamisten ermordet wurde, feierten ihn viele seiner Landsleute trotzdem als Märtyrer. Als einen, der nur das Recht wahrgenommen habe, seine Meinung zu äußern. Nach dem Mord taumelte das Land an den Rand einer Staatskrise. Kirchen und Moscheen gingen gleichermaßen in Flammen auf, ein Minister sprach vom „Kriegszustand“ in seinem Land.

Ein Mann ohne Ecken und Kanten

Einer wird gewinnen: Christdemokrat Balkenende, Sozialdemokrat Cohen und Rechtspopulist Wilders (von links).
Job Cohen war damals Bürgermeister von Amsterdam. Für ihn war der Mord an Van Gogh die schwerste Probe seiner Amtszeit – und die Zeit, in der er sich den Ruf eines Brückenbauers schuf. Als die Emotionen hochkochten, trank Cohen mit Amsterdams Imamen Tee. Anstatt sich auf eine Seite zu schlagen, versuchte er zu vermitteln. Das kann er. Er selbst ist kein Mann mit Ecken und Kanten, er bietet keine Angriffsfläche. „Interviews mit Cohen sind ein Verbrechen“, schreibt die Tageszeitung Volkskrant, „der Interviewer kommt nach Hause mit schönen Sätzen im Kopf und fragt sich dann: Was hat Cohen eigentlich konkret gesagt?“

Ein Freund klarer Worte ist dagegen Ahmed Marcouch. Dem Vernehmen nach soll er als rechte Hand Cohens nach Den Haag gehen, wenn die Sozialdemokraten die Wahl gewinnen. Marcouch war 2004 der erste Muslim, der Bürgermeister eines niederländischen Stadtteils wurde – ausgerechnet in Slootervaart, dem Problemvorort, in dem Van Goghs Attentäter aufgewachsen ist. Der Sohn marokkanischer Gastarbeiter wurde in den Niederlanden geboren, in seiner Heimatstadt hat er sich inzwischen den Titel „Sheriff von Slootervaart“ erworben. Marcouch ist mehr Streetworker als Bürgermeister. Die Jugendlichen in seinem Stadtteil sucht er persönlich auf, um sie davon zu überzeugen, sich im Jugendtreff nützlich zu machen oder einen Job zu suchen, anstatt auf der Straße rumzulungern. Marcouch ist selbst einer, der sich hochgearbeitet hat. „Wenn man als Einwandererkind Karriere machen kann, dann sagt das viel über die Offenheit der Gesellschaft aus. Aber man muss bereit sein, hart dafür zu arbeiten.“

Mehr als die Hälfte der Niederländer wollen Cohen als Premier

Der Binnenhof in Den Haag. Hier tagt das niederländische Parlament.
„In den letzten fünf Jahren hat sich viel verändert“, sagt Paul Scheffer, Soziologe an der Freien Universität Amsterdam. Über das Thema Integration wird geredet – vorher wurde darüber jahrzehntelang geschwiegen. „Mit Vermeidung fangen die Probleme, weil man das Fremde nicht an sich heran lässt. Das gilt für die Einwanderer genau wie für Niederländer“, erklärt Scheffer. Er ist kein Anhänger von Geert Wilders, er wäre 2003 beinahe als Spitzenkandidat für die Sozialdemokraten angetreten. Trotzdem hält er Wilders und seinen Umtrieben zugute, dass sie für Diskussionen sorgen: „Als Wilders seinen islamfeindlichen Film ‚Fitna’ veröffentlicht hat, haben viele Moscheen ihre Türen geöffnet und die Muslime haben gesagt: Lasst uns über den Film sprechen.“

Wilders oder Cohen? Oder doch noch einmal Balkenende? Als Person hat Job Cohen die Niederländer eigentlich schon überzeugt. Rund 55 Prozent wünschen sich ihn als Ministerpräsidenten, 25 Prozent wollen den noch amtierenden Regierungschef, den Christdemokraten Jan Peter Balkenende, und 17 Prozent sind für Wilders. Die drei Parteien dagegen liegen in Umfragen noch gleichauf.  Sollte Cohen seiner Favoritenrolle gerecht werden, wird er schnell seine Qualitäten als Brückenbauer beweisen müssen: Im niederländischen Parlament mit seiner zersplitterten Parteienlandschaft könnten mindestens vier Fraktionen nötig sein, um eine stabile Regierung zu bilden.


Die Bildrechte liegen bei News Photo! (Jan Peter Balkenende und Job Cohen), Twicepix (Parlament), FaceMePLS (Muslimin, alle Creative Commons 2.0), Shiratski (Fotografen, Creative Commons 2.0) und Jacco de Boer (Geert Wilders, Creative Commons 2.0).


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2 Kommentare
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  1. … “Kirchen und Moscheen gingen gleichermaßen in Flammen auf” -

    Gleichermaßen? Wie sieht’s mit absoluten Zahlen aus? btw: Es gingen auch Schulen und Kindergärten in Flammen auf, so wie in den islamisch dominierten französischen Problemvierteln, wo z.T. die Scharia wütet, und der Haß auf “Ungläubige” herrscht.

    “… mit schönen Sätzen im Kopf und fragt sich dann: Was hat Cohen eigentlich konkret gesagt?“

    So einen wollen die Holländer? Das glaube ich nicht.

  2. Ich druecke Herrn Wilders die Daumen, dass er gegen diesen profillosen Beuger gewinnt.

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