Die reale Vision

Die Diskussion um die Plattform Wikileaks sorgt nicht nur politisch für Gesprächsstoff. Manch einer meint, damit sei die Schwelle ins Onlinezeitalter endgültig überschritten, die völlige Digitalisierung der Gesellschaft unabwendbar. Dabei wird übersehen, dass wir längst mit den Folgen der digitalisierten Gesellschaft konfrontiert sind. Von Sarah Kringe

Die Aufregung um die Enthüllung der US-Depeschen auf der Plattform Wikileaks nimmt kein Ende. Während sich die einen in Detailfragen verlieren und intern Maulwürfe jagen, sehen andere, wie der Blogger Sascha Lobo, bereits eine „neue digitale Gesellschaftsordnung“ heraufziehen: Eine Entwicklung hin zu einer Gesellschaftsordnung, in der private Daten nicht sicher sind, in der alles und jeder transparent wird, in der der perfekte Bürger der durchsichtige Bürger ist. Teil einer solchen Vision ist aber auch die Entstehung einer Gesellschaft, in der sich alle Aspekte des Lebens in und um das Internet und die damit verbundenen Kommunikationsmittel gruppieren, in der selbst die alltäglichsten Dinge irgendwann per Klick erledigt werden können und sollen.

Im Wirbel um die Wikileaks-Enthüllungen geht dabei oft unter, dass sie keineswegs den Beginn dieser neuen Ära einleiten. Vielmehr sind sie ein folgerichtiger Schritt in einer Prozesskette, deren Anfang kaum noch rekonstruierbar und deren Ende unvorhersehbar ist. Die Digitalisierung der Gesellschaft zeigt sich nicht nur anhand sozialer Netzwerke, Online-Angebote und ähnliche Privatvergnügen. Auch das politische Geschehen verlagert sich zunehmend ins Netz.

Training fürs 21. Jahrhundert

Die Bundesregierung hat allein im Jahr 2010 unzählige Maßnahmen ergriffen, die die deutsche Gesellschaft fit machen sollen fürs 21. Jahrhundert. Im April nahm der IT-Planungsrat der Bundesregierung, mit Staatssekretärin Cornelia Rogall-Grothe an der Spitze, seine Arbeit auf. Zu seinen Aufgaben sollte unter anderem die Steuerung von E-Government-Projekten gehören. Unter E-Government versteht man seitens des Bundes die „elektronische Abwicklung der Geschäftsprozesse von öffentlicher Verwaltung und Regierung“.

Dementsprechend stellte der Planungsrat im September die Nationale E-Government-Strategie vor. Die Bundesregierung legte im Oktober nach und verabschiedete den DE-Mail-Gesetzentwurf, der den sicheren elektronischen Datenverkehr gewährleisten soll. Im November schließlich trat der digitale Personalausweis in Kraft, eine weitere E-Government-Maßnahme, wie die elektronische Steuererklärung (ELSTER) aus dem Jahre 2005. All diese Projekte zeigen, dass unsere Gesellschaft längst im digitalen Zeitalter angekommen ist und sich schon lange und in zunehmendem Maße seinen Herausforderungen zu stellen hat.

Die Digital Divide Society

Eine dieser Herausforderungen bringen Soziologen auf den Begriff digitale divide oder digital gap, zu deutsch digitale Spaltung oder digitale Kluft. Diese meint die Trennung einer Gesellschaft, auf nationaler oder internationaler Ebene, entlang des Digitalisierungsgrades.

James Katz, der sich als einer der ersten bereits Ende der neunziger Jahre mit dem Phänomen beschäftigte, definiert digital gap als „who’s online and who’s not“. Mittlerweile ist diese Definition erweitert worden. Es geht nicht mehr nur darum, wer die entsprechenden Technologien nutzen kann, sondern wer von ihnen profitiert. Der Profit bemisst sich nicht nur materiell, sondern auch in einem Gewinn an Lebensqualität, z.B. durch das Erledigen von Behördenangelegenheiten von zu Hause aus.

Längst beschäftigen sich verschiedene NGOs mit der Thematik. Das Digitale Divide Institute in Washington beispielsweise engagiert sich für die Schließung der digitalen Spaltung auf internationaler Ebene. In Deutschland versucht unter anderem die Stiftung Digitale Chancen, einer Verbreiterung der digitalen Kluft entgegen zu wirken (siehe Interview).

Ein neuer Cleavage?

Auf der einen Seite der digitalen Kluft stehen diejenigen, die IT und internetbasierte Technologien zu ihrem Vorteil anwenden können. Auf der anderen Seite stehen die, die dazu nicht oder nur teilweise in der Lage sind. Hierbei handelt es sich in erster Linie um ältere Menschen, die mit der technischen Entwicklung nicht mithalten können, außerdem um bildungsferne oder einkommensschwache Bevölkerungsgruppen.

Wie tief reicht die Spaltung innerhalb der deutschen Gesellschaft? Muss man von einer neuen Konfliktlinie, einem neuen Cleavage à la Lipset/Rokkan sprechen? Es darf bezweifelt werden, dass sich das Thema von selbst erledigt, wenn die ältere Generation, die noch Briefe verschickt und ihre Steuererklärung per Hand ausfüllt, ausstirbt.

Fakt ist nämlich, dass die E-Government-Maßnahmen der Bundesregierung sogar dazu beitragen können, die digitale Kluft noch zu vergrößern. Im Mai erließ das Landessozialgericht in Nordrhein-Westfalen ein Urteil, das Hartz-IV-Empfängern kein Geld zur Anschaffung eines PCs zugesteht, da dieser für eine ordentliche Haushaltsführung nicht notwendig sei. Mit dem verstärkten Ausbau von E-Government scheint ein solches Urteil zunächst nicht vereinbar.

Die alte digitale Gesellschaftsordnung

Die Welt befindet sich nicht am Anfang einer neuen Ära der Digitalisierung, sondern bereits mittendrin. Die Vision der digitalen Gesellschaft ist längst Realität. Regierungen rüsten digital auf (trotz aller Projekte belegt Deutschland im internationalen Ranking des UN E-Government Survey nur Platz 15), das gesellschaftliche wie politische Leben findet mehr und mehr im Netz statt. Der Digitalisierungsgrad spiegelt die Probleme innerhalb einer Gesellschaft wieder, trennt auch hier reich und arm, jung und alt, Elite und Bildungsferne.

Im kollektiven Datenwahnsinn scheint dabei eine Plattform wie Wikileaks geradezu überfällig – zur Ergänzung, nicht als Impulsgeber. Den Sprung ins digitale Zeitalter haben wir auch so geschafft.


Die Bildrechte liegen bei Matthias Bauer(Sascha Lobo)/Creative Commons und Matt Britt (Internetkarte)/Creative Commons sowie Tavrian (Internetnutzung weltweit)/Creative Commons.


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