Die Not der Lüge

Ein Leben ohne zu lügen. Eine Illusion? Der Journalist Jürgen Schmieder startet den Selbstversuch: 40 Tage lang hat er versucht, ohne den ständigen Begleiter des Alltags auszukommen. Von Sebastian Grünewald

Jeder kennt das: Man belügt seinen Partner, seine Freunde, Familie, Arbeitskollegen, sich selbst – und das jeden Tag aufs Neue. Es ist Teil unserer Gesellschaft. Laut einer Studie lügt man während eines zehnminütigen Gesprächs im Durchschnitt zwei bis drei Mal. Andere Studien behaupten, jeder Mensch lüge in etwa 200 Mal pro Tag. Es gibt Argumentationen, die Notlüge sei ein notwendiges Übel, um Menschen nicht zu verletzen und unnötige Konflikte zu vermeiden. Die Wahrheit ist allerdings, dass meistens aus Bequemlichkeit gelogen wird – und weil man es nicht anders gelernt hat. Schmieder geht dem Phänomen mit seinem Werk Du sollst nicht lügen auf den Grund und zeigt, dass ein Leben zumindest für einen begrenzten Zeitraum auch ohne den ständigen Verstoß gegen das neunte biblische Gebot funktionieren kann.

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen

Der Selbstversuch stellte den Münchener Journalisten zunächst vor ein Definitionsproblem. Was ist eine Lüge? Wann ist die Unwahrheit eine Lüge und wann ist man ehrlich? Nach reiflichen Überlegungen kontrastiert er Lüge und Ehrlichkeit, ebenso wie Wahrheit und Unwahrheit. Die Komplexität der Theorie mit philosophischen Ansätzen lässt Schmieder dann allerdings schnell auf sich beruhen und kümmert sich lieber um das Wesentliche: den Alltagstest. Der Autor durchlebt in einer Art Tagebuchform alle möglichen Situationen mit seinen Mitmenschen und sich selbst. Er bekommt Streit, stößt auf Ablehnung und manchmal tatsächlich auf Dankbarkeit für seine Ehrlichkeit.

Für Jürgen Schmieder enden viele Versuche des Ehrlichseins schmerzhaft: Streit mit dem Vater, ein Fausthieb durch einen Bekannten und nächtelang nicht im Ehebett schlafen zu dürfen sind da nur einige seiner Erfahrungen während des Selbstversuches. Einfacher hat es scheinbar derjenige, der diese Unannehmlichkeiten durch gezielte Lügen zu verhindern vermag.

Ehrlichkeit als beste Politik?

Rasch stellt der Leser fest, dass der Autor normalerweise jeden Menschen in verschiedensten Lebenssituationen belügt. Sei es am Arbeitsplatz oder bei seinen Freunden und Familienmitgliedern. Aber nicht minder schnell ist man sich darüber im Klaren, dass man sich selber nicht anders verhält. Bereits nach einigen Kapiteln beleuchtet man sein eigenes Handeln und wird sich der Tragweite des Themas Lügen bewusst.

Offen bleibt während der gesamten Lektüre jedoch die Frage, ob eine Welt ohne Lüge nun besser oder schlechter wäre. Schmieder ist dankenswerterweise nicht so vermessen, diese Frage endgültig beantworten zu wollen. Beim Leser bleibt dennoch eine gewisse Ratlosigkeit zurück. Kann eine Gesellschaft überleben, wenn die Menschen gnadenlos ehrlich zueinander sind? Würden die Wähler ein völlig ehrliches Wahlprogramm einer Partei positiv bewerten oder diese abwählen?
Gerade in Zeiten von Sparprogrammen und umstrittenen Auslandseinsätzen der Bundeswehr erscheinen diese Fragen höchst brisant. Nicht minder interessant ist die „Wissenschaft der Lüge“ bei persönlichen Angelegenheiten:  Kann eine Ehe oder Beziehung ohne (Not-)Lügen funktionieren? Auch der Münchener Journalist kann auf diese Fragen keine klärenden Antworten geben.

Nackte, harte, ganze oder nichts als die Ehrlichkeit

Da der Autor Ehrlichkeit für den Zeitraum von 40 Tagen nicht nur lebt, sondern im Verlauf des Buches auch propagiert, soll selbige an dieser Stelle ebenfalls Anwendung finden: Häufig wirken seine Episoden künstlich in die Länge gezogen. Das hat zur Folge, dass die jeweiligen Kapitel nur selten das halten können, was sie zu Beginn versprechen, und immer wieder Langeweile aufkommt. Man braucht nicht Schmieders Buch zu lesen, um zu begreifen, dass ein Pokerspiel mit Freunden wenig Sinn macht, wenn man den Mitspielern seine Karten verrät. Ebenso ist rasch einzusehen, dass man bei der Verwechslung von Ehrlichkeit und Beleidigung keine Dankbarkeit des Gegenübers erwarten kann.

So holprig auch manche Erkenntnis Schmieders daherkommt, insgesamt bietet Du sollst nicht lügen dem Leser sowohl eine Menge Spaß als auch interessante Sichtweisen zur erschreckenden Alltäglichkeit des Lügens. Das liegt vor allem darin begründet, dass sich wirklich jeder in mindestens einer Situation des Journalisten wieder finden kann und sein eigenes Handeln dadurch automatisch hinterfragt. So verzeiht man ihm auch die eine oder andere Wiederholung. Vereinzelte Leser werden durch die Lektüre ihr Handeln insgesamt überdenken, viele werden zumindest kurzfristig ins Grübeln kommen und nahezu alle werden schmunzeln und herzhaft lachen – alles andere wäre wohl gelogen.

Schmieder, Jürgen: „Du sollst nicht lügen. Von einem, der auszog, ehrlich zu sein.“,
C. Bertelsmann Verlag, München, 2010, 335 Seiten,
ISBN 978-3-570-10044-8, 14,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim C. Bertelsmann Verlag, Verlagsgruppe Random House GmbH (Cover, Autor).


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