Die nachhaltigste Bank Deutschlands

27. Jun 2010 | von Iris Pufé | Kategorie: Weltwirtschaft und Globalisierung

Regenerative Energie ist einer von zehn Investitionsbereichen.
Nachhaltigkeit gilt als Leitbild für eine zukunftsfähige Entwicklung von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Doch wie lassen sich Ethik und Verantwortung verbinden? Ein Interview mit Carsten Schmitz von Iris Pufe

Nachhaltigkeit steht zur Zeit hoch im Kurs. Die Idee dahinter ist, Ressourcen dauerhaft zu nutzen und so die Überlebensfähigkeit von Organisationen langfristig zu sichern. Nachhaltiges Investment wendet dieses Konzept im Bankensektor an – es geht um gesellschaftlich relevante Ziele jenseits reiner Renditeorientierung. Zu den „grünen Banken“ in Deutschland zählen die Noa Bank, die GLS Bank, die Umweltbank und die Ethikbank.

/e-politik.de/: Das Thema nachhaltiges Investment ist zur Zeit populär. Banken und Kunden verstehen darunter aber Unterschiedliches. Was verstehen Sie darunter?

Carsten Schmitz: Bei der GLS Bank bevorzugen wir statt „nachhaltig“ den Begriff „sozial-ökologisches Investment“, weil er einfach mehr aussagt. Wenn man sich den People-, Planet-, Profit-Ansatz vor Augen hält, liegt bei uns der Schwerpunkt auf People und Planet, während Profit erstere beide ermöglicht.

/e-politik.de/: Die GLS gilt zurzeit als die Nummer 1 in Deutschland in Sachen sozial-ökologischem Banking. Das britische Magazin „The New Economy“ wählte sie 2009 zur „Most Sustainable Bank Germany“. Außerdem wurden sie als „bester nachhaltiger Investor“ und mit dem „Future Award 2009“ ausgezeichnet. Wie kommen Sie zu der Ehre?

Schmitz: Wir bieten hundertprozentige Transparenz was Geldanlage und Mittelverwendung angeht. Der Kunde kann mitentscheiden, in welchen von zehn Investitionsbereichen er sein Geld investieren möchte. Dazu zählen zum Beispiel die Bereiche Schulen und Kindergärten, regenerative Energien, Kultur, Gesundheit, ökologische Landwirtschaft, die Biobranche oder Wohnprojekte.

/e-politik.de/: Wie genau läuft das ab?

Sieht die Zukunft positiv: Carsten Schmitz, Filialleiter der GLS Bank München
Schmitz: Jeder Kunde kann pro Konto einen Bereich auswählen. Wir investieren das Geld dann in eines oder mehrere von zurzeit insgesamt 8.900 Projekten. Über den Bankspiegel erfährt er dann, wohin und nach welchen Kriterien letztlich wie viel Geld geflossen ist.

/e-politik.de/: Wie wird die Performance Ihrer Bank kontrolliert und dokumentiert?

Schmitz: Die Leistung bemisst sich nach Transparenz. In unserer Kundenzeitschrift Bankspiegel listen wir auf, wie viel Geld in welche Bereiche und für welche Projekte vergeben wurde. Außerdem legen wir auch unsere Eigenanlagen auf unserer Homepage transparent offen.

/e-politik.de/: GLS steht für “Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken”. Was bedeutet das?

Schmitz: Wir begreifen Geld als Zahlmittel, als Leih- (im Kreditbereich) sowie als Schenkungsgeld (im Stiftungsbereich). Geld wird als gesellschaftliches und soziales Gestaltungsmittel eingesetzt.

/e-politik.de/: Leihen, schenken, gesellschaftliche Belange – das klingt sehr sozial für eine Bank. Wie steht es um „klassische“ Bankleistungen wie Sparen, Service und Girokonto?

Schmitz: Wir zahlen marktübliche Zinsen und was die Leistungen angeht: Erst kürzlich haben bei einer Umfrage von Börse Online und n-tv 34.000 Befragte die GLS zur “Bank des Jahres 2010” gewählt, und das in den Kategorien “beste Hausbank”, “beste Sparbank” und “beste Bank im Bereich Girokonto”.

/e-politik.de/: Das geschichtliche Erbe der GLS Bank liegt in Rudolphs Steiners Lehre der Anthroposophie. Wodurch unterscheidet sie sich diesbezüglich von anderen Banken?

Schmitz: Die Anthroposophie stellt den Menschen in den Mittelpunkt und dies machen wir im täglichen Handeln ebenfalls. So schauen wir bei der Kreditvergabe zum Beispiel auch auf den Menschen und den gesellschaftlichen Nutzen seines Projektes und akzeptieren beispielsweise andere Sicherungsmodelle als konventionelle Banken. Bei uns sind u.a. Bürgschaftsdarlehen gängig, wobei wir Einzelbürgschaft bis zu 3.000 Euro akzeptieren, die für das entsprechende Kreditprojekt eine Eigenkapitalwirkung darstellen. Außerdem finanzieren wir Waldorfschulen, Montessori- und andere freie Schulen und in der Landwirtschaft ökologisch und biologisch-dynamisch wirtschaftende Höfe. Nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl haben wir über einen Beteiligungsfonds die Gründung der Elektrizitätswerke Schönau (100% Ökostrom) mit angestoßen und 1991 den ersten Windkraftfonds in Deutschland aufgelegt.

/e-politik.de/: Lassen Sie uns ein konkretes Beispiel nehmen: Angenommen 100 Kunden legen 10.000 Euro bei Ihnen in Genossenschaftsanteilen an. Was bewirkt das in der Realität „draußen“?

Schmitz: In so einem Fall könnten wir € 125.000,00 als Kredit vergeben und so gesellschaftlich sinnvollen Einrichtungen und über Mikrokredite auch einzelnen Menschen helfen. Sei es zum Verbessern ihrer Ernährungssituation, ihrer Gesundheitsversorgung, ihrer Schulausbildung oder ihrer Wohnverhältnisse.

/e-politik.de/: Neben dem Sozialen ist Ökologie ein Fundament von Nachhaltigkeit. Wie sieht ihre hauseigene Klimabilanz aus?

Frauen am Ruder: Sechzig Prozent der Belegschaft sind weiblich
Schmitz: Wir verwenden Ökostrom und haben eine eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach unserer Bochumer Hauptstelle. Für Dienstfahrten nehmen wir die Bahn, nutzen Carsharing-Angebote und stellen den Mitarbeitern Dienst- Fahrräder bereit. Die ca. 1,62 Tonnen CO2, die wir im Jahr pro Mitarbeiter verursachen, gleichen wir durch Investitionen in Klimaschutzprojekte aus.

/e-politik.de/: Und wie ist es um soziale Aspekte bestellt?

Schmitz: Bei 254 Mitarbeitern beschäftigen wir 13 Auszubildende und 13 schwerbehinderte Menschen. 60 Prozent der Angestellten sind Frauen, jede dritte Führungskraft ist weiblich. Außerdem helfen wir bei der Altersversorge und ermöglichen Sabbaticals.

/e-politik.de/: Nochmals zur Rendite. Die Sarasin Bank, die zusammen mit der Deutschen Börse einen Nachhaltigkeitsindex entwickelt hat, kommt zu dem Schluss: „Eine Überrendite lässt sich mit nachhaltigem Investieren nicht unbedingt generieren.” Reicht eine Gewissensberuhigung als Investitionsanreiz aus?

Schmitz: Auch bei der GLS haben wir nichts gegen legitime Gewinnerzielung. Aber dass es nicht unsere höchste Maxime ist, dass ist ja gerade das, was uns – und unser „anthroposophisches Erbe“ – auszeichnet. Wir verfolgen zum Beispiel im Wertpapierbereich eine „buy-and-hold“-Strategie und treffen damit auf eine Zielgruppe, denen es um mehr als die reine Rendite geht.

/e-politik.de/: Stichwort weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise: Haben die Banken dazugelernt?

Schmitz: Meiner Meinung nach haben die meisten Banken nicht viel aus der Krise gelernt. Ihre Berater sind häufig immer noch mit den gleichen Produktkoffern unterwegs und die Inhalte dieser, sind manchmal selbst für Banker nicht nachvollziehbar. Da wird das Geld über zig Pakete aufgeteilt und gebündelt und keiner weiß, wo das Geld noch ist.

/e-politik.de/: Sie glauben also nicht, dass sich ein Bewusstseinswandel vollzieht?

Schmitz: Doch. Aber ich glaube stärker unter Kunden als unter Banken. Während im Bankenbereich an einigen Stellen „green washing“ betrieben wird, fragen immer mehr Zivilbürger ernsthaft nach, was mit ihrem Geld passiert, wo es hingeht, wem es zukommt, was es bewirkt. So wie auch immer mehr fragen, wo ihre Eier oder ihr Fleisch herkommen, ob vom lokalen Bauer um die Ecke oder vom Discounter aus Massentierhaltung. Insgesamt glaube ich an eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die langfristig positiv ist.


Weiterführende Literatur:

Gabriel, Klaus; Schlagnitweit, Markus (2009) Das gute Geld: Ethisches Investment Hintergründe und Möglichkeiten. Tyrolia. Innsbruck.

Rotthaus, Stephan (2009) Erfolgreich investieren in grüne Geldanlagen: Ökologisch – ethisch – nachhaltig. Campus Verlag. Frankfurt, New York.

Upgang, Mechthild (2009): Gewinn mit Sinn: Wie Sie Ihr Geld sicher anlegen – mit gutem Gewisssen. Oekom Verlag. München.


Die Bildrechte liegen bei Iris Pufe (Titelbild) und der GLS Bank (Belegschaft; Windräder).


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