Die Macht der Psychologie

03. Apr 2010 | von freier Autor | Kategorie: Europa

Europäische Zentralbank: Griechenland beschäftigt die Eurozone
Lange stritten Europas Politiker, wie sie mit ihrem Schuldensünder umgehen sollen. Nun ist eine wichtige Frage geklärt: Was passiert mit Griechenland, wenn es die nötigen Kredite nicht mehr bekommt? Von Benedikt Backhaus

Die Griechenland-Problematik überschattete den letzten EU-Gipfel in Brüssel. Neben der neuen „Europa 2020“-Strategie, die die EU in den kommenden Jahren wettbewerbsfähiger machen soll, stand an oberster Stelle auf der Tagesordnung der Mittelmeerstaat und seine Schuldenproblematik.

Die „Was wäre wenn?“-Frage

Ein wichtiger Schritt bei der Bekämpfung dieser Schwierigkeiten wurde jetzt von den Eurostaaten unternommen. Um überlebensfähig zu bleiben, benötigt Griechenland nämlich Kredite. Doch was passiert, wenn der Staat am Balkan diese notwendigen Anleihen am Kapitalmarkt nicht mehr bekommt?

Auf diese Frage antworteten nun die Euroländer beim EU-Gipfel in Belgien. Der in Brüssel verabschiedete Plan sieht vor, dass Griechenland Kredite von der Europäischen Zentralbank und vom Internationalen Währungsfonds (IWF) erhalten soll, falls der Mittelmeerstaat keine Kredite am Kapitalmarkt mehr bekommen sollte. Zusätzlich sind individuelle Verträge zwischen den Eurostaaten und Griechenland möglich.

Besonders Deutschland und Frankreich standen bei der Debatte um den Rettungsplan Griechenlands im Mittelpunkt der Diskussionen. Dabei ging es vor allem um die Rolle des Internationalen Währungsfonds.

Die Rolle des Internationalen Währungsfonds

Soll im Notfall Kredite geben: Internationaler Währungsfonds
Der IWF wird mit knapp 17 Prozent Stimmanteil von den USA dominiert und deshalb von großer politischer Bedeutung. Die Entscheidung, den IWF mit einzubeziehen wird von vielen als eine Schwäche der EU gedeutet, die ihre Probleme nicht selbst in den Griff bekommt. Sarkozy war deshalb zunächst auch gegen eine solche Hilfe.

Dass mit Dominique Strauss-Kahn als geschäftsführender Direktor ein möglicher Widersacher Sarkozys bei den nächsten französischen Parlamentswahlen an der Spitze des Instituts steht, dürfte ebenfalls nicht unerheblich gewesen sein. Letztlich konnte sich Angela Merkel aber mit ihrer Linie durchsetzen. Denn international gibt es keine vergleichbare Institution mit so viel Krisenerfahrung wie den IWF.

Hinzu kommt noch, dass zusätzlich die Möglichkeit besteht, die Stärke eines vereinten Europas aufzuzeigen. Denn mit zusammen mehr als 15 Prozent Stimmgewicht haben nicht nur die USA, sondern auch die Euroländer Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich eine Sperrminorität im IWF, sofern sie gleich abstimmen. Dabei könnten die USA zwar aus der Position des Stärkeren agieren, die europäischen Staaten hätten aber dennoch die Chance, bei den Verhandlungen untragbare Entscheidungen zu verhindern.

Die Psychologie der Wirtschaft

Niemand glaubt aber ernsthaft, dass eine Umsetzung dieses Rettunsplans tatsächlich jemals nötig werde. Vor allem die deutsche Regierungschefin Angela Merkel wurde nicht müde zu betonen, dass es sich dabei lediglich um die „Ultima Ratio“ handele. Wie unwahrscheinlich ein Inkrafttreten des Plans ist, verdeutlichen auch die hohen Hürden, die ihm gesetzt sind. So müssten alle EU-Länder die Hilfen einstimmig beschließen.

Klare Botschaft an die Märkte: Griechischer Finanzminister Papakonstantinou
So ist der Rettungsplan vielmehr ein psychologisches Signal an die Kapitalmärkte. Denn wenn die Regierungen den Griechen ihr Vertrauen aussprechen, ist dies nicht nur ein Zeichen von Solidarität, sondern auch die Aussage: „Wir sind im Notfall für Griechenland da.“ Das dürfte das Vertrauen in das angeschlagene Euroland stärken und die Kreditaufnahme erleichtern. So bewertet auch Griechenlands Finanzminister Giorgos Papakonstantinou, den Schritt der Europäischen Union: „Wir werden diesen Mechanismus nicht nutzen, weil wir hoffen, dass diese auf höchster Ebene getroffene Entscheidung eine Botschaft an die Märkte senden und die Zinssätze drücken wird.“

Ein erster Schritt, aber noch keine Lösung

So wichtig diese Entscheidung für Griechenland auch sein mag, essentielle Probleme werden dadurch noch nicht bekämpft. Es bleibt zum Beispiel die Frage, was mit den ganzen Krediten geschehen soll, die Griechenland bereits aufgenommen hat und weiter aufnimmt. Denn die werden irgendwann fällig werden, und die Aufnahme weiterer Kredite stellt keine Lösung, sondern nur eine Aufschiebung der Probleme dar. Auch die boomende Schattenwirtschaft muss langfristig bekämpft werden.

Die griechische Regierung hat ihrem Land zwar einen ehrgeizigen Sparkurs auferlegt, doch genau das könnte gefährlich werden. Sinken nämlich die staatlichen Ausgaben, sinkt auch die Kaufkraft der Bürger, wodurch die Wirtschaft geschwächt wird. Das wiederum führt zu höherer Arbeitslosigkeit und sinkenden Löhnen sowie zu einer Stärkung der Schattenwirtschaft. Daraus kann sich leicht eine Abwärtsspirale entwickeln.

Dass das nicht geschieht, wäre nicht nur im Interesse Deutschlands, sondern im Interesse aller Euroländer. Denn je schlechter es einem der Euroländer geht, desto mehr verlieren die Märkte an Vertrauen in die Gemeinschaftswährung, die Quote des Euro sinkt im Vergleich zu anderen Währungen. Die Folge wären weniger Umsatz aus Exporten und teurere Importe. Besonders Deutschland als exportstarkes Land und wichtigster Handelspartner Griechenlands wäre davon betroffen.


Die Bildrechte liegen bei MME/Wikipedia(Finanzminister) bzw. Eric Chan (EZB) und sind als Creative Commons lizensiert bzw. sind gemeinfrei (IWF).


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