Die grüne WM?

Die Menschen in Südafrika erwarten von der Weltmeisterschaft deutlichen Rückenwind für die weitere Entwicklung des Landes. Doch wie nachhaltig sind die Investitionen in Stadien, Städte und Infrastruktur tatsächlich? Von Daniel Hönow

Ineffizienter Ressourcenverbrauch, ein veraltetes, auf Kohle basierendes Energieversorgungssystem, der hohe CO2-Ausstoß, die unzureichende Berücksichtigung von Menschenrechten sowie gravierende Mängel bei der Sicherheit sind nur einige von zahlreichen Defiziten, die mit Blick auf die Nachhaltigkeitsleistung des Landes angeführt werden müssen.

Die Belastung der Umwelt durch klimaschädliche Emissionen liegt bei der Weltmeisterschaft in Südafrika Schätzungen zufolge etwa neunmal höher als bei der WM in Deutschland. Insgesamt dürften etwa 2,7 Millionen Tonnen CO2 anfallen. Ursächlich hierfür sind jedoch vornehmlich die Reiseaktivitäten von Fans und Funktionären (ca. 70%), infolge der Entfernung Südafrikas von den globalen Zentren in Europa und Nordamerika, aber auch die mangelhafte Effizienz von öffentlichen Verkehrsmitteln (ca. 20%) und Unterkünften (ca.  10%). Um zumindest einen Teil dieser Emissionen zu neutralisieren, haben die Veranstalter zahlreiche Maßnahmen ergriffen um die WM klimaverträglicher zu gestalten.

Die Großchance für das Land am Kap

Die mediale und öffentliche Relevanz einer Fußballweltmeisterschaft bot dem Land die große Chance ambitionierte Umweltschutzprojekte nicht nur finanzieren sondern auch umsetzen zu können. Im Vorfeld des Turniers wurden deshalb, auch in Kooperation mit den Organisatoren der WM in Deutschland,  intensive Überlegungen darüber angestellt wie die WM umwelt- und klimafreundlich gestaltet werden kann und wie auch die südafrikanische Bevölkerung von den getätigten Investitionen profitiert. Im Ergebnis der Kooperation entstanden eine ganze Reihe sinnvoller Projekte. Die Maßnahmen betreffen die Bereiche Energie, Wasser, Verkehr,  Abfall und Biodiversität.

Positiv hervorzuheben sind die zahlreichen Initiativen zur Aufwertung des Lebensraumes in den Innenstädten und zur Verbesserung der Mobilität auch für Menschen mit vergleichsweise geringer Konsumkraft. So wurde etwa der öffentliche Nahverkehr massiv ausgebaut. In sämtlichen WM-Städten wurden Busspuren eingerichtet und neue Bahnhöfe gebaut. Besucher sind aufgerufen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Spielen anzureisen. Während des Turniers wird der Autoverkehr durch Park-and-Ride-Systeme reguliert. Insgesamt gelten Infrastruktur und Transportmittel jedoch als veraltet. Das wirkt sich insbesondere deshalb negativ auf die Emissionsbilanz aus, weil Teams und Fans bereits in der Vorrunde vergleichsweise viel reisen müssen.

Gelungene Leuchtturmprojekte

Dennoch überzeugen einzelne Spielorte mit durchdachten Konzepten: In Kapstadt sollen etwa bis zu 50% der Besucher mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Stadion und zu den Fanfesten kommen. Dafür wurden in den letzten Jahren nicht nur massive Investitionen in ein verbessertes Transportsystem getätigt sondern auch viele neue Fahrrad- und Fußwege gebaut. Außerdem wurde die Green-Cab-Company gegründet, ein umweltfreundlicher Taxiservice, der die Besucher mit erdgasbetriebenen Fahrzeugen befördert. Die städtische Beleuchtung soll in Kapstadt zudem teilweise aus erneuerbaren Energien betrieben werden.

Auch Durban hat sich einer klimafreundlichen WM verschrieben. Das Moses-Mabhida-Stadion wurde zu großen Teilen aus recycelten Stahlträgern und Ziegelsteinen erbaut und gilt wegen seines geringen Energie- und Wasserverbrauch als einziges klimaneutrales Stadion der WM. Für die Wasserversorgung im Stadion wird vorwiegend Regenwasser verwendet. Um Müll zu vermeiden, sollen Mehrweg- und wiederverwertbare Verpackungen im Stadion zum Einsatz kommen. In der Stadt wurde eine ausgedehnte Fußgängerzone zwischen dem Stadion und der Strandpromenade realisiert, an der das Public-Viewing stattfindet. Desweiteren gibt es Aufforstungs- und Begrünungsprojekte.

Der endgültige Abschied aus der Isolation

Kaum ein Staat war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts international derart geächtet wie Südafrika. Das Land war infolge des Apartheidregimes und der daraus resultierenden internationalen Isolation lange Zeit auf die hemmungslose Ausbeutung heimischer Ressourcen angewiesen. Das Energieversorgungssystem basiert noch heute nahezu vollständig auf der Ausbeutung der reichlich vorhandenen Kohlevorkommen im Osten der Kaprepublik. Die Weltmeisterschaft dürfte jedoch in diesem Kontext zumindest Rückenwind für die zahlreicher werdenden Befürworter nachhaltiger Lösungen bedeuten. Sie wird dazu beitragen Initiativen zur Förderung erneuerbarer Energien voranzubringen.

Südafrika hat mit der WM die Chance erhalten antiquierte Vorstellungen von Afrika zu überwinden.  Das Mega-Event sollte darüber hinaus Investoren anlocken, Arbeitsplätze schaffen, den Wohlstand steigern und bestmöglich auch noch ein neues National- und Kontinentalgefühl generieren. An den grundlegenden Problemen des Landes dürfte die Weltmeisterschaft dennoch wenig ändern. Erwartungen dieser Art waren von vornherein überzogen. Dennoch wurden unabhängig vom vielbeschworenen Prozess des „nation-building“ viele sinnvolle Projekte realisiert, die eine ökologische Modernisierung des Landes befördern, den Lebensstandard der Südafrikaner nachhaltig steigern und das Bewusstsein der Menschen für die Zusammenhänge zwischen Ökonomie und Ökologie nachhaltig schärfen dürften. Mit der WM hat die junge Demokratie in jedem Fall die Chance genutzt, seine wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben und der eigenen Position innerhalb Afrikas mehr Bedeutung zu verleihen.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/ (Titelbild), bei Zakysant von Wikimedia Commons (Minibus-Taxi, unter Creative-Commons lizensiert) und bei Kleinz1 auf flickr.com (Stadion Durban, unter Creative-Commons lizensiert).


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