Deutschland in der Demographie-Krise

Alte Gesellschaft? 2050 könnte jeder Dritte über 60 Jahre alt sein.

Der demographische Wandel wird die Gesellschaft unweigerlich vor große Herausforderungen stellen. Die Politik muss das jetzt in ihr politisches Kalkül einbeziehen. Dabei ist der Ernst der Lage schon lange bekannt. Von Niklas Allgaier

Wenn Soziologen von Pyramiden und umgedrehten Tannenbäumen sprechen, dann erhalten sie seit einigen Jahren ungewohnte Aufmerksamkeit. Pyramiden und Tannenbäume sind bildhafte Begriffe aus der Demographie, die die Bevölkerungsentwicklung darstellen. Die Bevölkerungspyramide beschreibt dabei einen in politischer Hinsicht wünschenswerten Zustand aus einer weit entfernten Vergangenheit, der umgedrehte Tannenbaum ist eine für die Politik eher unerfreuliche Zukunftsprojektion, denn hier zeigt sich ein Problem, das schon heute sichtbar wird: die Alten werden immer älter, Junge rücken dagegen kaum nach.

Die Demographie versucht unter anderem die Bevölkerungsentwicklung, das heißt die Veränderung der Bevölkerung nach Zahl und Altersstruktur, zu beschreiben und zu erklären. Mit Hilfe statistischer Methoden ist es ihr außerdem möglich, Prognosen über die zukünftige Bevölkerungsentwicklung zu erstellen. In jüngster Zeit erleben Demographen verwundert, das sich Öffentlichkeit und Politik zunehmend an ihrer Teildisziplin interessieren. Sagen sie doch seit fast zwei Jahrzehnten voraus, dass wir uns mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auf eine gesellschaftliche Notlage zubewegen.

Norbert Blüms Fehler

Beispiel Sozialsystem und Pflegeversicherung: Norbert Blüm, von 1982 bis 1998 Arbeits- und Sozialminister unter Bundeskanzler Kohl, pries die Pflegeversicherung als Jahrhundertwerk und gestaltete sie als Umlagesystem aus: Die Beitragszahlungen werden unmittelbar für die Versorgung aller aktuell Pflegebedürftigen verwendet. Dies war schon damals, angesichts des sich Mitte der 90er Jahre abzeichnenden demographischen Wandels, ein Fehler. Alle größeren sozialpolitischen Maßnahmen der vergangenen beiden Jahrzehnte hätten unter Finanzierungsvorbehalt gestellt werden müssen, hätte die Politik denn auf die Wissenschaft gehört. Das heißt, die Pläne zur Einführung einer vierten Säule der Sozialversicherung hätten mit Blick auf die finanzielle wie auch demographische Lage auf Eis gelegt werden müssen.

Das Pflegerisiko liegt zwischen dem 60. und dem 80. Lebensjahr bei 3,9 Prozent, steigt jedoch nach dem 80. Lebensjahr rapide auf rund 32 Prozent an. 2050 wird jeder Dritte über 60 Jahre alt sein. Gleichzeitig verdreifacht sich die Zahl der über 80-Jährigen. Die Anzahl der Pflegebedürftigen wird von 2 Millionen auf rund 4,7 Millionen Menschen ansteigen.

Keine Lust auf Kinder

Deutsche Bevölkerungspyramide: zu wenig Nachwuchs, zu viele Alte.

Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass der Anteil der arbeitenden Bevölkerung bei zu erwartender Fertilitätsrate und Produktivitätssteigerung stetig abnehmen wird. Die Versorgung einer immer größer werdenden Anzahl von Pflegebedürftigen muss von immer weniger stark besetzten Jahrgängen finanziert werden. Die Fertilitätsrate liegt in Deutschland bei 1,39, das heißt, eine deutsche Frau bekommt im Durchschnitt 1,39 Kinder. Sie müsste jedoch 2,2 Kinder bekommen (Säuglingssterblichkeit und Unfälle sind hier mit eingerechnet), damit die Bevölkerungszahl konstant bleibt. Ein Phänomen, das in vielen westlichen Industrienationen zu beobachten ist: Italien und Spanien etwa haben mit einer Fertilitätsrate von 1,2 die Reproduktion fast eingestellt.

Der Handlungsdruck ist daher enorm und die Politik fängt zögerlich damit an, die unbequemen Wahrheiten auszusprechen. Ein Umbau des Sozialsystems scheint unumgänglich, da andere Instrumente versagen: Familienpolitische Maßnahmen etwa setzen langfristig an und können somit die schon jetzt existierende Lücke nicht schließen. Zudem ist zu bezweifeln, dass der Staat durch die Anreize, die er setzen kann, den Ursachen des Geburtenrückgangs, wie beispielsweise der strukturelle Wandel der Arbeitswelt, veränderte Erwerbsbiographien und Lebensstile, entgegenwirken kann.

Helfen Migranten?

Die Umstände scheinen so eigentlich nur einen politischen Schluss zu zulassen: Die Bundesrepublik müsste, will sie den Bevölkerungsrückgang auf ein einigermaßen erträgliches Ausmaß beschränken, den Zuzug von Migranten massiv fördern. Aber auch dieses Mittel ist nur eingeschränkt wirksam, denn das Reproduktionsverhalten von Migranten passt sich schon nach einer Generation unweigerlich dem des Aufnahmelandes an.
So kann der „umgedrehte Tannenbaum“ schon bald das realistische Abbild der Altersstruktur der Bundesrepublik Deutschland sein. Mit welchen massiven Veränderungen der Produktionsverhältnisse, des Sozialsystems und des sozialen Lebens dieser demographische Wandel einhergehen wird, lässt sich aus heutiger Sicht nur erahnen. Die Politik täte jedoch ein gutes daran, den Tannenbaum bei allen zukünftigen Entscheidungen in ihr politisches Kalkül mit einzubeziehen.


Die Bildrechte liegen bei Eric Wüstenhagen (alter Mann, sitzend; Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe) und bei C. Breßler (Bevölkerungspyramide; GNU-Lizenz für freie Dokumentation)


logo_politik_de_rgb_360_66Dieser Artikel erschien bereits bei unserem Kooperationspartner


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